Nationalheld oder Nazi-Kollaborateur? Das Gedenken an den Nationalisten Stepan Bandera spaltet die Ukraine

 

Plakat aus dem Jahr 1979 im Museum Stary Uhryniw.

Am 15. Oktober 1959 liegt im Treppenhaus des Hauses Nr. 7 in der Münchner Kreittmayrstraße der leblose Körper eines 1,54 Meter kleinen, nahezu kahlköpfigen Mannes im besten Alter. Bei der Obduktion des Leichnams finden sich Zyankali-Spuren. Der Mörder, 28 Jahre alt, ist der ukrainischstämmige KGB-Agent Bogdan Staschynskij. Sein Opfer: Stepan Bandera, Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und Symbolfigur des langen und blutigen Kampfes für eine unabhängige Ukraine. 50 Jahre war er, als Staschynskij ihn ermordete und seit etwas mehr als fünfzig Jahren liegt er auf dem Münchener Waldfriedhof begraben, unter einem großen schneeweißen Marmorkreuz auf dem sein Name in kyrillisch und darunter auf deutsch zu lesen ist. Die Friedhofsbesucher gehen vorbei. Keiner nimmt Notiz. Ein Unbekannter. Nicht mehr und auch nicht weniger…

Wie anders ist das in seinem Heimatland, der Ukraine. Hier kennt ihn jeder. Noch dazu weil er seit Januar 2010 “Held der Ukraine” ist. Doch es ist eine zweischneidige, eine explosive Bekanntheit. Unser Autor, BERND MARTIN, war vor Ort – in Sowjetzeiten und in der Jetzt-Zeit.

In der Ukraine provoziert der Name Bandera umgehend leidenschaftliche, kontroverse Stellungnahme. Keine andere Figur der jüngeren Geschichte polarisiert mehr. Im Westen des Landes ist er ein Nationalheld, im Laufe der letzten Jahren noch im abgelegensten galizischen Dorf als Denkmal aufgestellt. Schon in Kiew jedoch, und erst recht weiter östlich und südlich sieht man in ihm die Verkörperung des Bösen: einen Banditen und Vaterlandsverräter. Und noch schlimmer: Einen Mörder, Faschisten, Nazi-Schergen. Ein Bandera-Denkmal? Hier wäre es undenkbar.

Woher dieser Gegensatz? Blicken wir dazu in Banderas Biographie. Und sofort beginnen die Schwierigkeiten: Denn so sehr sich die Bewertung von Banderas Leben und Taten zwischen Extremen bewegt, so sehr steht die Aufarbeitung der Figur und der mit ihr untrennbar verbundenen historischen Ereignisse erst am Anfang – 45 Jahre einseitige, sowjetische Geschichtsschreibung werfen einen langen Schatten, und die Historiker leben und „wirken“ zum Teil noch.

Am 1. Januar 1909 wurde Bandera geboren, in dem kleinen westukrainischen Dorf Stary Uhryniw, etwa 80 Kilometer südlich von Lwiw. Hier wuchs er auf, als Sohn eines griechisch-katholischen Priesters, in jener Ecke Ostgaliziens, die nach Ende des Ersten Weltkrieges für kurze Zeit Teil der unabhängigen westukrainischen Volksrepublik war und die dann, nach kurzer Vereinigung mit der Ukrainischen Volksrepublik im Osten, infolge des ukrainisch/sowjetisch-polnischen Krieges von Polen okkupiert wurde. Traum und Ziel der jungen Aktivisten Bandera: Das Wiedererlangen der Eigenstaatlichkeit, die Loslösung der ukrainisch besiedelten Gebiete (Ostgalizien, Wolhynien) aus dem polnischen Staat. Mit Anfang Zwanzig war Bandera schon wichtiger Mann der OUN, hatte sich dem bewaffneten „nationalen Befreiungskampf“ verschrieben. Ein Stratege, kein großer Redner, ein Mann der Tat: Radikal, kompromisslos, opferbereit. Er war 25 als er verhaftet, zunächst zum Tode, dann zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde.

Mit der Zerschlagung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939, kam er wieder auf freien Fuß. Sofort setzte er seine politische Tätigkeit fort. Neuer Hauptfeind: die Sowjetunion zu deren Territorium die Westukraine nun zählte. Nach der Devise „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ erblickte Bandera in den Nazis einen Partner im antisowjetischen Kampf – und diese in ihm. Hier beginnt der kontroverseste – von Ideologie und Propaganda verzerrte – und historisch noch nicht abschließend erforschte Teil der Geschichte.

Von Wehrmachtshelfern zur Untergrundarmee

Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, kämpften an deren Seite auch die – von Wehrmacht und Abwehr (aus-)gebildeten – ukrainischen Bataillone „Nachtigall“ und „Roland“. Die Nazis wollten diese Hilfstruppen im Kampf gegen sowjetische Partisanen hinter der Frontlinie einsetzen. Bandera sah in ihnen den Nukleus einer ukrainischen Armee, unabdingbar für die Unabhängigkeit an der er eisern festhielt. Tatsächlich geschah gleich nach dem Einmarsch in Lwiw etwas für die Nazis völlig Unerwartetes – die Ukrainer proklamierten eigenmächtig ihre Unabhängigkeit. Zeitgleich spielte sich in der Stadt ein erster schrecklicher Pogrom ab, dessen Anstifter und Täter – insbesondere auch die Verstrickung und Beteiligung der organisierten ukrainischen Nationalisten – noch nicht abschließend erforscht sind.

Jedoch war den Ukrainern letztlich, wie allen Slawen, in den Plänen der Nazis nichts weiter als die Rolle eines „rassisch minderwertigen“ Sklavenvolkes zugedacht. So lösten die Nazis, an einer unabhängigen Ukraine überhaupt nicht interessiert, die ukrainischen Bataillone augenblicklich auf, Bandera-Anhänger wurden exekutiert. Bandera selbst kam 1941 in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen Zum Ende 1944 kam er frei und tauchte in Deutschland unter. An allem was fortan in der Westukraine passierte war er also persönlich nicht mehr beteiligt. An der Gründung der ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) zum Beispiel. Die hochorganisierte und schlagkräftige Untergrundarmee kämpfte unter Führung von Banderas frühem Mitstreiter Roman Schuchewytsch ab 1942 einen blutigen, aussichtslosen Krieg an vielen Fronten: Gegen die Deutschen, gegen sowjetische Partisanen und gegen Einheiten beider polnischen Untergrundarmeen. Längst waren Ostgalizien und Wolhynien chaotisches, grausames Schlachtfeld. Und nach dem Rückzug der Deutschen focht die UPA in der Westukraine ihren Unabhängigkeitskampf weiter – bis in die 50er Jahre hinein, verbissen und blutig.

Bandera selbst blieb im deutschen Exil – in der Sowjetunion mittlerweile in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Wie im Brennglas bündelt sich im Namen Bandera die unterschiedliche Kriegserfahrung der ukrainischen Regionen – während die

Alte KämpferInnen der UPA treffen sich und ehren Bandera.

Alte KämpferInnen der UPA treffen sich und ehren Bandera.

Westukrainer während des Krieges meist in der UPA kämpften, fochten die Ostukrainer in der Roten Armee oder bei den Sowjetpartisanen. Nach dem Krieg bekämpften sie sich gegenseitig. Veteranen beider Seiten erinnern sich daran bis heute.

Wir sind Banderiwzi“

Die Zeit um den 9. Mai ist vielleicht die schönste Jahreszeit, um Lwiw (Lemberg) zu besuchen – an den Nationalfeiertag schließen sich nahtlos die Lwiw-Tage, die Stadt feiert sich selbst und vom Ploschtschadj Rynok, dem historischen Markt, bis zum Prospekt der Freiheit flanieren Menschentrauben, schwatzen auf ukrainisch, Live-Musik von mehreren Straßenbühnen klingt durch die Straßen, die ganze Stadt ist auf Achse. Mitten im Getümmel die Andenken- und Souvenirhändler, deren Stände überquellen mit patriotischen Devotionalien: Blau-gelbe Fähnchen, gleich daneben die rot-schwarzen Fähnchen der UPA, und überall Bandera: Da sind die T-Shirts und Poster mit Aufdrucken seines wohl bekanntesten Portraits – Mitte 20 ist er hier vielleicht: Geheimratsecken, vorstehende Oberlippe, stechender Blick.

Das Bandera-Denkmal in Lwiw.

Das Bandera-Denkmal in Lwiw.

Ein wenig hinter dem Prospekt der Freiheit, schon abseits des Trubels, beginnt die Bandera Straße an deren Ende sich das neue, 2007 eingeweihte Bandera-Denkmal befindet. In Bronze gegossen erhebt sich eine gewaltige Statue vor der (einst polnisch-katholischen) Elisabeth-Kirche. 4 Meter hoch, darunter 3 Meter Granitsockel, dahinter ein 30 Meter hoher Triumphbogen mit goldenem ukrainischem Dreizack. Vor dem Denkmal liegen Kränze, geschmückt mit wetterfesten blau-gelben Plastikrosen und gleichfarbigen Schleifen, gewidmet „Dem Nationalhelden der Ukraine“ und „Dem Führer der UPA“.

Warum überall Bandera? Fragen wir zunächst die, die sein Andenken pflegen. „Bandera hat uns gelehrt, dass wir nicht nur ein Haufen Lemken, Bojken oder Ruthenen sind, sondern eine ukrainische Nation, mit unserem eigenen, unveräußerlichen Recht auf einen ukrainischen Staat“, sagt zum Beispiel Jaroslaw Josipowitsch Saliga Der Mythos Bandera, betont der Inhaber der Firma AQUATHERM in Ivano Frankivsk, sei weniger ein Personenkult als vielmehr Ausdruck des eigenen Bewusstseins: „Wir sind Banderiwzi, so hat uns die Sowjetpropaganda genannt. Lwiw ist Banderastadt. Genauso wie Ivano Frankivsk.“

Erinnerung an den Widerstand

Gemeinsam fahren wir übers Land nach Stary Uhryniw zu einer Gedenkveranstaltung für Stepan Bandera. Stepan Lesiw, Museumsdirektor des im Jahre 2000 in Stary Uhryniw neu eröffneten Bandera-Museums und Memorial: „Bandera ist das Symbol unseres Kampfes für nationale Identität. Er ist unser Held. Eigentlich sollte er in Kiew begraben sein, doch leider sind die Umstände dafür nicht günstig.“ Dann berichtet er, wie im Oktober

Stepan Saliga (l.) und Kurt Simmchen mit einem OAU-Kämpfer. Der NKWD brach ihm 1948 die Beine. Er blieb jedoch ungebrochen.

Stepan Saliga (l.) und Kurt Simmchen mit einem OAU-Kämpfer. Der NKWD brach ihm 1948 die Beine. Er blieb jedoch ungebrochen.

1989 die ersten Versuche unternommen wurden, Banderas in Stary Uhryniw zu gedenken: Polizei füllte die kleinen Dorfstraßen, es war gefährlich, der Gedenkmarsch wurde zur direkten Herausforderung der sowjetischen Staatsgewalt. „Die ersten beiden Bandera-Statuen, die hier noch vor der formalen Unabhängigkeit errichtet wurden, haben maskierte Unbekannte zerstört. Bei dem Sprengstoffanschlag auf das zweite Denkmal im Juli 1991 wurde einer der jungen Bewacher schwer verletzt. Er ist seitdem Invalide“, erklärt Lesiw. Er verdächtigt den sowjetischen Geheimdienst, die Attentate verübt zu haben.

Und die Jugendlichen in der martialisch wirkenden Militärkleidung der „Jugend OUN“ auf der Dorfstraße vor dem Museum sagen stolz: „Bandera hat für die Freiheit der Ukraine gekämpft.“ Und schwenken ebenso stolz die ukrainische wie auch die OUN-Flagge.

Der blühende Devotionalienhandel, das monumentale Denkmal, das Dorfmuseum – all dies sind Stücke im komplizierten Puzzle eines regen nationalen Selbstfindungsprozesses in der Westukraine. Die Menschen suchen die Abgrenzung von Russland – und erinnern sich nicht der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit, sondern des Widerstandes dagegen. Als Symbol ist Bandera dazu bestens geeignet – wohl auch, weil ihn die Sowjetpropaganda über alle Maßen verteufelte. So ist Bandera Teil des großen nationalen Selbstfindungs-Projekts. Die neue öffentliche Gedenkkultur in der Westukraine ist dabei ein höchst komplexes Produkt: Findige Devotionalienverkäufer und UPA-Themenkneipenbesitzer tragen dazu bei. Und nationalistische Initiativen wie diejenige, die sich für das Bandera-Denkmal engagierte. Und die “Orangene Revolution” hat die ukrainische Identitätspolitik auf höchster Ebene zum Staatsprojekt gemacht. Zwangsläufig ist sie untrennbar verbunden mit der Umdeutung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Scharf richtet sie sich gegen das zu Sowjetzeiten einseitig tradierte Bild von der Roten Armee als Befreier der ukrainischen Gebiete.

Die „Jugend OUN“ vor dem Bandera-Denkmal in Stary Uhryniw mit UPA-Fahnen.

Die „Jugend OUN“ vor dem Bandera-Denkmal in Stary Uhryniw mit UPA-Fahnen.

Der Gegensatz der Auffassungen zu Befreiung und Besetzung wird an vielen Denkmälern zur Befreiung deutlich. Waren darauf bis 1991 darauf nur die Gefallenen der Roten Armee vermerkt, verweigerte man dann aber vehement die Anbringung der Namen der UPA. In Beresivka löste man das z. B. so, dass nun gar kein Name mehr vermerkt ist und alle an diesem Denkmal sich erinnern können.

Erstaunlich ist: Das dahinter stehende nationale Geschichtsbild, obgleich radikaler Gegenentwurf zur Sowjetgeschichte, weist bei näherer Betrachtung ausgesprochene Ähnlichkeiten auf. Angesprochen auf die Übergriffe der UPA auf polnische Zivilisten wird der Museumsdirektor emotional. Ja, es habe Vorkommnisse gegeben, schließlich war Krieg. Doch die Gräuelgeschichten entbehrten jeder Grundlage – vielmehr hätten Kämpfer polnischer Einheiten bestimmte Aktionen verübt, um die UPA zu diskreditieren. Überhaupt: Hinter solchen Lügen stünden die Russen, die alles täten um dem Image der Ukraine international Schaden zuzufügen. Seine Aufregung macht deutlich: Seine Kritik an den nationalistischen Ikonen versteht er als Angriff auf sich selbst. Von einer kritischen Aufarbeitung, auch der Schattenseiten der Nationalbewegung, ist man hier, in Stary Uhryniw, noch weit entfernt.

Kämpfer der UPA rehabilitiert

Ivano Frankivsk – eine Bezirksstadt in Galizien, also im Westen des Landes – im Karpatenvorland. In einem kleinen Cafe sitzen mir Jaroslaw Josipowitsch Saliga und Kurt Simmchen gegenüber. Kurt ist Deutscher, den die Liebe in die Ukraine “verschlagen” hat. Seit 8 Jahren lebt er dort mit seiner ukrainischen Frau und seinen 2 Kindern. “Ich musste hier viel umdenken, gemessen an dem, was wir im DDR-Geschichtsunterricht gelernt hatten”, erzählt der gebürtige Dresdner. “So wie die Ossis in Deutschland es als eine Art Zumutung empfinden, dass Wessis über das Denken und Handeln der Menschen in der DDR richten wollen, so ist es fast unmöglich, dass wir heute erfassen können, was in den Köpfen und Herzen der ukrainischen Patrioten vorging, als der NKWD nach dem russischen Einmarsch am 17. September 1939 massenhaft Ukrainer massakriert hatte und sogar deren Köpfe auf Zaunpfähle spießte!” Und Saliga setzt hinzu: “War da nicht jeder, der gegen Moskau war, eine Art Verbündeter in Sachen Autonomie für die Ukraine?!” Neben dieser teilweisen Rechtfertigung des Bündnisses mit den Faschisten spricht er aber auch über das böse Erwachen der ukrainischen Nationalisten. Schließlich wurde Stepan Bandera von den Nazis im KZ Sachsenhausen eingesperrt.

Heute darf man nicht vergessen, dass die Ukraine faktisch ein geschichtsloses Land ist. Alles, was das Gefühl des ukrainischen Patriotismus wecken konnte, wurde nach dem Krieg durch die Sowjets bedingungslos verfolgt, beseitigt. Selbst Mendelejew musste postum noch einmal die Lomonossowuniversität in Moskau „absolvieren“, denn die Nationale Universität in Kiew passte nicht ins Hegemoniedenken Moskaus. Alte Zeugnisse ukrainischer Geschichte wurden getilgt. Man findet praktisch kaum etwas, was z. B. an die Zeiten der Kiewer Rus erinnert.

“Fast bis heute galten die alten Urteile der NKWD-Gerichte über die Widerstandskämpfer”, erklärt Kurt Simmchen. Wer also damals

Michail Stefinin und sein Neffe Roman 2006 am Grab von Nastja – ermordet 1946 (Foto: privat)

Michail Stefinin und sein Neffe Roman 2006 am Grab von Nastja – ermordet 1946 (Foto: privat)

eingesperrt, erschossen oder deportiert wurde, galt in der Sowjetunion und noch danach als krimineller Straftäter. “Und via “Sippenhaft” galt das auch für die Kinder und Enkel”, so Simmchen. Und er berichtet über den Lebensweg des Onkels der Familie – Michail Dmitrowitsch Stefinin. Eltern und Verwandte wurden nach Sibirien deportiert.Die Schwester wurde 1946 in Bratkivze vom NKWD ermordet. Die Tochter der Schwester wurde zur Zwangsadoption “frei gegeben“… Schicksale also, die bewegen. Die auch bei der Wertung Banderas ins Kalkül gezogen werden müssen. Große Verehrung für den Volkshelden und Hass und Verachtung für alles, was Russisch ist. „Die jetzige Ernennung von Stepan Bandera zum Helden der Ukraine war lange überfällig. Und endlich sind damit auch die Kämpfer der UPA rehabilitiert”, so Jaroslaw Josipowitsch Saliga. Und so ist auch das Stimmungsbild in der Westukraine.

Leben mit der Doppelidentität

Tscherkassy, 291.000 Einwohner, gelegen am Dnjepr, der hier zu Sowjetzeiten zu einem gewaltigen See gestaut wurde – das gegenüberliegende Ufer verschwimmt im fernen Dunst von Wasser und Himmelblau.  Gute 150 Kilometer südöstlich (oder stromab) der Hauptstadt Kiew, die hier doch so viel ferner scheint, markiert die Stadt ziemlich genau die geographische Mitte des Landes.

Die Statue „Matj Rodinyi” (Mutter Heimat) thront auf dem Hügel der Ehre, gewidmet den gefallenen Sowjetsoldaten – 1943/44 tobte hier eine furchtbare Kesselschlacht, welche die Rotarmisten gewannen – sie überblickt den gewaltigen Strom. Nach wie vor Wahrzeichen der Stadt, versammeln sich hier ständig frischgetraute Hochzeitspaare um die obligatorischen Erinnerungsfotos zu schießen. Die Menschen sprechen russisch, ukrainisch, oder einen Mix aus beidem.

Das Lenin-Denkmal vor dem Rathaus wurde abgerissen, 17 Jahre nach der Unabhängigkeit, nachts. Einige Leute kamen, protestierten, vor allem ältere Menschen, Rentner. Randaliert wurde nicht. Die Menschen regen sich über dies und das auf, darüber zum Beispiel, das neuerdings per Gesetz russische Spielfilme ukrainische Untertitel haben müssen („Jetzt tun sie schon so, als ob wir kein russisch mehr verstehen“). Bandera? „Pfui, der war doch ein schlimmer Nationalist.“ Soll heißen: Auf jeden Fall keiner von uns.

Die Erinnerung an den Krieg ist hier in Tscherkassy eher pro-sowjetisch: Man gedenkt des großen Sieges über den Faschismus. Die Menschen hier haben eine Art Doppelidentität – sie fühlen sich ganz gewiss als Ukrainer, nicht als Russen, doch der russischen Kultur nach wie vor tief verbunden. Nationalismus ist für sie bis heute das Unwort schlechthin, Patrioten wollen sie aber sein.

Hier sollte man an den Holodomor in den 30er Jahren denken. Die Requirierung allen Getreides, aller Lebensmittel aus der Ukraine in das schlechtversorgte Russland war nicht nur der Kampf gegen die Kulaken, das war die Tilgung einer stolzen Gemeinschaft freier Bauern, den Kosaken, die es gelernt hatten ihren Stolz wehrhaft zu verteidigen. Sie waren fast nie zu Kreuze gekrochen und das hatte man in Moskau nicht vergessen.

Noch 2002 wurden in Moskau Bücher gedruckt, in denen die Kosaken und ihre Geschichte als reaktionär abgestempelt wurden. 12.000.000 Menschen überlebten diesen Genozid nicht. Die Gebiete wurden dann aber aus Russland heraus neu besiedelt.

(K)eine unendliche Geschichte

Wie also lebt ein Land mit dieser Ambivalenz, seiner widersprüchlichen historischen Erfahrung? Die moderne Ukraine, schreibt der Historiker Andrij Portnow, zeichne sich derzeit durch ihren ganz eigenen Pluralismus aus. Dieser bestehe aus der Wechselwirkung verschiedener Geschichtsbilder, von denen jedes für sich genommen relativ einseitig und autoritär sei. Doch gerade die Existenz mehrerer regionaler Zentren mit jeweils eigener Sicht auf die Geschichte verhindere, dass eines dieser Bilder in der gesamten Ukraine dominieren könne.

Anders gesagt: Die nationalistische Sicht auf die Geschichte bleibt nicht unwidersprochen. Dafür sorgt schon das tendenziell eher pro-sowjetische Geschichtsbild und Gedenken der Menschen im Süden und Osten des Landes. Das Erstaunliche: Beide Seiten scheinen dies zu akzeptieren. Nur vorläufig? Niemand weiß es. Die Art Geschichte zu interpretieren wird durch den demokratischen Diskurs mehr und mehr herausgefordert werden.

Eine neue Generation junger ukrainischer Historiker ist bereits dabei, die „weißen Flecken“ aus der Landkarte der einseitigen Erinnerungen zu tilgen. „Am Ende“, hoffen Stepan Saliga und Kurt Simmchen, „könnten wir alle ein höchst komplexes Bild von der Geschichte haben.“ Und da hat der „Dresdner Ukrainer“ vor allem die Jugend wie seinen Sohn Roman (14) im Kopf. Gerade die Kinder und Jugend müssen den gemeinsamen Weg aus der Historie finden. Doch der Prozess zur historischen Einheit der Ukraine ist noch steinig.

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