Mit Lebensmitteln spielt man nicht – ein Kommentar zur Ketchup-Attacke

Bild: horrorklinik.de

Gestern hat Mimi Müller an dieser Stelle den „Unverantwortlichen“ der Stadt Duisburg in Aussicht gestellt: „Das hört nicht auf“. „Das wird nicht aufhören“, hatte sie geschrieben. „Dass wir genau hinsehen. Fragen stellen. Antworten verlangen. Sie in die Verantwortung nehmen. Es fängt gerade erst an…“
Mimi Müller hat darauf gepocht, dass „wir in einem Rechtsstaat (leben)“. Und das bedeutet auch, dass es erlaubt ist zu protestieren. Zu protestieren gegen diesen ungeheuerlichen Skandal, dass Oberbürgermeister Adolf Sauerland nach wie vor nicht bereit ist, zumindest die politische Verantwortung für die Loveparade-Katastrophe zu übernehmen, und offenbar darauf zu hoffen scheint, diese Sache irgendwie aussitzen zu können. Allmählich werde schon Gras über die Sache wachsen, Zug um Zug werde der Alltag wieder einkehren.
Die Sache: das sind 21 Tote, Hunderte Verletzte, darunter einige zeitlebens Verkrüppelte, etliche Traumatisierte, darunter einige Schwersttraumatisierte. Der Protest dagegen, dass derjenige, der an der Spitze der Stadt stand, die, wie der „Spiegel“ schrieb, „eine Katastrophe genehmigte“, wird nicht aufhören.

Heute morgen hatte sich Adolf Sauerland zu einem Termin nach Rheinhausen getraut, für einen Oberbürgermeister an sich ein Routinetermin. Der umgebaute Marktplatz wurde eingeweiht, und dem OB eine kleine Bühne bereitet. Während seiner Ansprache sprang, wie die NRZ berichtet, ein Mann aus der Gruppe der schon seit einer Weile lautstark Protestierenden vor die Bühne und besudelte Sauerland von oben bis unten mit Ketchup.
Vom „genauen Hinsehen, Fragen stellen, Antworten verlangen und in die Verantwortung nehmen“ sprach Mimi Müller gestern, vom Grundrecht auf demokratischen Protest – von einer Attacke auf den Menschen Sauerland sprach sie nicht. Damit hat, wie NRZ-Redakteur Ingo Blazejewski ganz richtig feststellt, „der friedliche, wenn auch oft lautstarke Protest aber eine andere Ebene erreicht“. Eine Ebene, auf der allerdings auch viele, die sich über das Verhalten der Stadtspitze empören, nicht stehen möchten.

Die Rheinische Post meint, in Rolf Karling den Ketchupspritzer ausgemacht zu haben. Die Frage, „ob Ketchupattacken für ihn zu den demokratischen Spielregeln gehören“, habe Karling bejaht mit dem Hinweis darauf, dass Eier oder Tomaten zu werfen zu hart wäre, wohingegen Ketchup jedoch „in Ordnung“ ginge. Klar, möchte man meinen, sonst hätte er ja wohl kaum zu diesem stillosen Stilmittel gegriffen.
Sauerland verzichtet darauf, Anzeige zu erstatten. Das signalisiert Größe. Die Frage, ab wann Anzeige erstattet wird, und bis wohin nicht, bleibt aber offen. Bürgermeister-Resozialisierung nach Gutsherrenart. Es ist kaum davon auszugehen, dass der OB wünscht, dass alle möglichen mehr oder weniger durchgeknallten „Sauerland-Kritiker“ diese Grenze nun „austesten“.
Auch die Gedankenwelt des Ketchupspritzers ist alles andere als frei von Willkür. Er hatte festgelegt, Ketchup sei „in Ordnung“, ein rohes Ei dagegen könne Herrn Sauerland wehtun, wäre also nicht „in Ordnung“. Gutsherrenart auch hier. Erschrecken und Besudeln gehen, Aua machen geht nicht. Was wäre, wenn die „Überlegungen“ des nächste Wichtigtuers zu einem anderen Ergebnis führen?

Vom Schlimmsten dieser Aktion lenkt Karling mit seinem Marktplatz-Geplapper ab: von der Symbolik. Ketchup sieht nun einmal aus wie Blut. Und wenn Sauerland von oben bis unten mit Ketchup zugesaut ist, dann ergibt sich das, was auch Karling bewusst ist: ein blutverschmiertes Bild. Dass Sauerland, wie Blazejewski (NRZ) berichtet, „noch mehrere Minuten lang mit vollbesudelten Haaren und seiner komplett mit Ketchup versauten Jacke auf der Bühne stehen“ blieb, mag zu dem Bild des Opfers passen, an dem Sauerland seit Wochen unverkennbar arbeitet.
Doch das ist hier nicht der Punkt. Tatsache ist, dass Sauerland dieses blutverschmierte Bild abgeben konnte. Was soll das für ein Signal sein? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Sollte es wirklich Rolf Karling gewesen sein, wovon nach der Bezichtigung in der RP und einem Foto (12 von 13) aus dem WAZ-Fotopool unter dem NRZ-Bericht ausgegangen werden kann, dann hat der medienerfahrene Aktivist Gespür dafür bewiesen, welche Bilder es heutzutage „echt bringen“.
Den Leuten, für die er in Rheinhausen Verantwortung übernommen hat, hat Karling keinen guten Dienst erwiesen. Mit Lebensmitteln spielt man nicht. Und dem Protest gegen das Verbleiben Sauerlands im Amt einen Bärendienst. Dennoch bleibe ich dabei: Adolf Sauerland sollte vom Amt des Oberbürgermeisters zurücktreten!

One thought on “Mit Lebensmitteln spielt man nicht – ein Kommentar zur Ketchup-Attacke

  1. Vieles im Ruhrgebiet hat eine Tradition, die vom Reviergeist geprägt ist. Wie können wir das überwinden?

    Eins ist klar, wenn es nicht so weitergehen soll wie bisher: Wir Revierbürger müssen NEIN sagen lernen – und das beizeiten! Nur, wer (er)hört überhaupt noch ein NEIN?

    Das NEIN muss deshalb sichtbar werden. Dazu gibt es einen Vorschlag: Das NEIN-Zeichen. Neben Frage- und Ausrufungszeichen soll das Verneinungszeichen in die Schrift aufgenommen werden.

    Es gibt viele schlechte Entwicklungen (global, international und regional), die gestoppt werden müssen. Das Nein braucht Zeichen.

    Die Kulturhauptstadt RUHR.2010 hat Landmarks aufgestellt. Schriftmark – Duisburg setzt ein Zeichen, Kulturhauptstadt RUHR.+2010