Duisburger Gedenken an die Pogromnacht: Willi Fährmann erinnerte an die „Buschhoff-Affäre“

Willi Fährmann ist achtzig Jahre alt. Er ist gebürtiger Duisburger; der Beruf hatte den Lehrer dann Anfang / Mitte der 1960er Jahre nach Xanten verschlagen, wo er auch heute noch lebt. Zwei Schulen sind in Duisburg nach ihm benannt: die Willi-Fährmann-Grundschule an der Neanderstraße in Beeck und die Willi-Fährmann-Realschule in Rheinhausen an der Ulmenstraße. Weitere Willi-Fährmann-Schulen gibt es in Moers und anderen niederrheinischen Städten.
Willi Fährmann ist nämlich ein bedeutender Kinder- und Jugendbuchautor. Für sein Gesamtwerk ist er mit dem „Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur“ und dem „Deutschen Jugendbuchpreis“ ausgezeichnet worden, hinzu kommen zahlreiche Einzelauszeichnungen für die jeweiligen Bücher.
Das Jahr der Wölfe“ dürfte Fährmanns erfolgreichstes Jugendbuch sein. 1962 – Fährmann arbeitete und lebte noch in Duisburg – schrieb er diesen Bestseller, der die Schrecken des Krieges aus der Sicht eines Kindes schildert. 1963 wurde Willi Fährmanns Schulleiter in Xanten. Schnell stieß er dort auf die sog. „Buschhoff-Affäre“, über die sich in der Siegfriedstadt ein wohlkalkuliertes Schweigen gelegt zu haben schien.
Sie lag ja auch schon mehr als siebzig Jahre zurück. Warum also hätten die tüchtigen Niederrheiner diese unerfreuliche Geschichte noch einmal aufwärmen sollen? Weil seit der „Reichskristallnacht“ nicht einmal dreißig Jahre verstrichen waren? Weil der Holocaust damals noch keine zwanzig Jahre Vergangenheit war? 1968 erschien Fährmanns Buch „Es geschah im Nachbarhaus“, in dem er den Ablauf der Buschhoff-Affäre von 1891 / 92, im einzelnen schildert – die „Geschichte eines Verdachts“, so der Untertitel des Buches. 

Gestern Abend referierte Willi Fährmann im Ratssaal des Duisburger Rathaus über das antisemitische Kesseltreiben dieser Jahre – auf der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938. Sie wurde eröffnet von vier Schülerinnen des Max-Planck-Gymnasiums, die über deren Aufarbeitung in den gleichgeschalteten deutschen Zeitungen geforscht hatten und sichtlich angewidert Passagen aus den damaligen Berichten vorlasen. Sie schlossen mit einem Tagebucheintrag von Anne Frank, die noch am 15. Juli 1944 (!) „an das Gute im Menschen“ glaubte.
Nach Fährmanns Vortrag präsentierte eine Gruppe mehrerer Schülerinnen und einiger Schüler der Realschule Duisburg-Hamborn II eine ganze Reihe zeitgenössischer Duisburger Dokumente vom 10. November 1938. Den Tagebuchnotizen einer völlig verstörten, damaligen Schülerin stellten sie die Berichterstattung der Lokalpresse gegenüber, die detailliert und wahrheitsgetreu die Gräuel der „Kristallnacht“ schilderte – allerdings unüberhörbar affirmativ.
Das von der NSDAP haarklein vorbereitete Pogrom wurde als spontaner Ausbruch des berechtigten Volkszorns geschildert und mit der Ermordung des Nazi-Diplomaten vom Rath durch einen jüdischen Jugendlichen in Paris legitimiert. 

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung vom Orchester des Duisburger St.-Hildegardis-Gymnasiums. Nach der Begrüßung durch den Oberbürgermeister begann Willi Fährmann mit seinem eindrucksvollen Vortrag „ Die Buschhoff-Affäre – Geschichte einer Minderheitenverfolgung“. Auf Basis der 14. und 36. Sitzung des Preußischen Landtags sowie des Wortprotokolls des Strafprozesses gegen den jüdischen Metzger Adolf Buschhoff zeichnete Fährmann mit wissenschaftlicher Akribie nach, wie – ausgehend von Xanten – „im Dickicht von Fantasie, Aberglauben und möglichen Fakten“ ein antisemitischer Sturm entfesselt wurde, der zunächst den Niederrhein und schließlich das ganze Deutsche Reich umfasste.
Der Xantener Ritualmordvorwurf fand in ganz Deutschland große Beachtung. Weil antisemitische Politiker es verstanden, diese mittelalterliche Ritualmordlegende im Massenbewusstsein zu verfestigen und mit dem „moderneren“ Vorwurf einer vermeintlich übermäßigen Machtfülle des Judentums zu kombinieren, sieht Fährmann die „Buschhoff-Affäre“ zurecht als frühes Kennzeichen einer unsäglichen Entwicklung, die keine vierzig Jahre später mit der „Kristallnacht“ allen in aller Öffentlichkeit klar machte, dass die Nazis für die „Judenfrage“ eine „Endlösung“ anstrebten.

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