Wenn die Glocke am Rosten anfängt

  
 
 
 

Image by Wikipedia (Andreasdziewior)

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.

Ja, Goethe war gut. Das kann ich Ihnen sagen. So gesehen, hat mir der muttersprachliche Unterricht eine ganze Menge gebracht. Und natürlich die Heimatkunde. Arbeitslehre oder wie das hieß war dagegen nicht ganz so mein Fall. 

Heute muß die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!

Wissen Sie zum Beispiel, dass das Lied von der Glocke gar nicht von Goethe ist, sondern dass „die Glocke“ vielmehr eine heimatverbundene Tageszeitung aus dem Westfälischen ist? Sehen Sie: Heimatkunde und muttersprachlicher Unterricht – diese Kombination bringt es! Wenn man das Land kennt und die Sprache beherrscht, dann klappt es auch mit der Integration. Das mit dem Arbeiten wird dann schon …  irgendwie. 

Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben!
Doch der Segen kommt von oben.

Richtig. Religion zum Beispiel – kann man gar nicht ernst genug nehmen. Aber – unter uns – wer kennt denn heute noch die Zehn Gebote? Aha. Und ob irgendjemand heute noch „die Glocke“ auswendig aufsagen kann, gar mit hübscher Betonung, wage ich gar nicht erst zu fragen? Wenn man seine Wurzeln verliert, … – Es geht abwärts mit Deutschland. 

„Es ist unbestreitbar, dass Deutschland lange eine Vorreiterrolle in Kultur und Philosophie ausübte. Aber leider befindet sich das Land seit einiger Zeit in einem ernsthaften kulturellen Niedergang.“ Da haben Sie es! Das sagt nicht irgendwer, also ich zum Beispiel. Das sagt ein richtiger Professor. Da haben Sie es: Deutschland im ernsthaften kulturellen Niedergang – unbestreitbar. Genauso wie unsere damalige Vorreiterrolle in Kultur und Philosophie – Deutschland, die Kulturnation, das Land der Dichter und Denker.
Festgestellt hat dies jetzt Prof. Dr. Mehmet Görmez, und der ist auch nicht irgendwer. Nein, der ist Vizechef des Diyanet, also des türkischen Amts zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten. Görmez ist also ein Offizieller des Staates Türkei, der sich unbestreitbar in einem wirtschaftlichen Aufschwung befindet, und sich seinen Angaben implizit folgend auch in einem kulturellen wie philosophischen Aufschwung befinden müsste. Umgekehrt begünstigt freilich eine optimierte Befriedigung der geistig-kulturellen Bedürfnisse die ökonomisch-materiellen Leistungspotenziale eines Volkes: 

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.

Wenn einem also Gutes widerfährt, wie z.B. diesem edlen Volk des Herrn Görmez entsprungen sein zu dürfen, dann will man schon „die Bindungen und Verbindungen junger Menschen zum Herkunftsland der Familie (gewährleistet)“ wissen, womit das Ziel des herkunftssprachlichen Unterrichts benannt ist, das dieses sich im ernsthaften kulturellen Niedergang befindliche Land den Kindern seiner sozusagen als Entwicklungshelfer eingereisten Sprösslinge aus dem Land der Literaturnobelpreisträger, Philosophierichtungsweiser und Automobilentwickler aus keineswegs uneigennützigen Gründen anbietet.
Dieser herkunftssprachliche Unterricht ist nämlich „nicht nur ein kultureller, sondern auch ein nicht zu unterschätzender außenwirtschaftlicher Pluspunkt“, erfahren wir im Bildungsportal des NRW-Schulministeriums:
“Der herkunftssprachliche Unterricht ist ein Angebot für Schülerinnen und Schüler, die zweisprachig in Deutsch und in einer anderen Sprache aufwachsen. Er trägt zum Erhalt dieser Mehrsprachigkeit bei“, weshalb er von all denen, die mit ihm zu tun haben, muttersprachlicher Unterricht genannt wird. Mehrsprachigkeit ist in unserer globalisierten Welt das A und O, und um eine Fremdsprache erlernen zu können, man kann es nicht oft genug sagen, muss zunächst einmal die Muttersprache beherrscht werden. 

So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch schwache Kraft entspringt;
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt. 

Bedenken wir also – allein schon, um als gute Menschen geschätzt zu werden -, wie viel Fleiß mitunter in diesen muttersprachlichen Unterricht investiert wird, damit aus einer schwachen Kraft international renommierte Spitzenkräfte werden! Schon jetzt. Allein: in der heutigen Zeit reicht selbst das nicht mehr aus. Zweisprachig aufgewachsen, fest gemauert in türkischer Erde und gleichzeitig Schillers Glocke stets abrufbereit auf der Festplatte, eigentlich hinreichend prädestiniert für eine Spitzenposition im internationalen Top-Management, steht man immer häufiger vor einer weiteren interessanten, neuen Herausforderung: die zweite oder gar dritte Fremdsprache.

Und jetzt versuchen Sie einmal, diesen mitten in einem ernsthaften kulturellen Niedergang befindlichen Deutschen die Dialektik zu erklären, dass rein philosophisch gesehen die Muttersprache gleichzeitig so eine Art dritte Fremdsprache ist. Ohne Vorreiterrolle in der Philosophie denkt doch so ein dekadenter Germane bei der Glocke nicht an Schillers Lied von derselbigen, sondern an das Lied von Torfrock über Rollo, den Wikinger: „Wir verbrauchen viel Frauen und tun Leute beklauen und hauen uns reichlich auf die Glocke.“ 

So ein schachsinniger Teutone hat doch gar keinen Zugang zu der dialektisch-philosophischen Einsicht, dass die Muttersprache gleichzeitig auch eine Fremdsprache ist. Im edlen Volk der Osmanen weiß dies ein jedes Kind. Wenn einem also Gutes widerfährt, …

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