Stuttgart 21: Schwere fachliche Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn AG

(ddp direct) Nach zwei Runden der Schlichtung zum Bahnprojekt „Stuttgart 21“ zieht der Fahrgastverband PRO BAHN die Glaubwürdigkeit der fachlichen Darstellungen der Deutschen Bahn AG in Zweifel. Das erklärt der Bundespressesprecher des Verbraucherverbandes Matthias Oomen anlässlich der Fortsetzung der Schlichtungsgespräche unter der Leitung von Bundesminister a.D. Heiner Geißler im Stuttgarter Rathaus am kommenden Donnerstag.
„Bei der zweiten Schlichtungsrunde hat die DBAG erneut systematisch versucht, durch Weglassen und Verdrehung von Tatsachen über die wahren bahntechnischen Probleme des Bahnprojekts „Stuttgart 21“ hinwegzutäuschen“, erklärt Oomen. „Wir können zu Einzelpunkten sogar Falschaussagen nachweisen. Diese unzutreffenden Aussagen kamen nicht nur vom Vorstandsvorsitzenden von DB-Netze Dr. Volker Kefer, sondern auch von seinen Fachleuten. Wir sehen damit die fachliche Kompetenz der Führungsebene des Staatsunternehmens schwer diskreditiert.“
So konnte Kefer erneut keine konkrete Aussage über die maximale Leistungsfähigkeit des Bahnknotens Stuttgart machen. „Stattdessen hält die DBAG es bei einem Neubauprojekt, das sie als Herz Europas bezeichnet, für ganz normal, dass eingleisige Abschnitte und Abzweigungen mit Wartezeiten bei Gegenverkehr in kurzer Folge passiert werden müssen. Wir erwarten für den geplanten Bahnknoten einen Herzinfarkt.“, erklärt Oomen.
„Dass der Bahnverkehr im Knoten Stuttgart zusammenbricht, wenn der S-Bahn-Tunnel unter der Stadt außer Betrieb gesetzt werden muss, hält die DBAG für ganz normal“, erklärt Oomen. „Solche Störungen ereignen sich durchschnittlich in allen S-Bahn-Netzen ein- bis zweimal im Jahr. In den mit Stuttgart aufgrund der Bauweise des Hauptbahnhofs vergleichbaren Städten, wie beispielsweise Frankfurt und München, fahren die S-Bahn-Züge in den bewährten Kopfbahnhof. In Stuttgart tun sie das heute auch, aber dieser Kopfbahnhof soll nach dem Willen der DBAG ersetzt werden. Hierdurch wird ein für die Zukunft fataler Flaschenhals geschaffen.“
Das Notfallkonzept, dass die DBAG für Stuttgart vorgestellt hat, sieht vor, dass die Hälfte der S-Bahn-Züge schon weit vor der Stadt enden soll, sodass die Pendler selbst sehen müssen, wie sie zu Fuß in die Innenstadt kommen“, erläutert Oomen. „Die andere Hälfte der Züge soll in den neuen Fernbahnhof fahren und dort die acht Bahnsteiggleise verstopfen, die morgens schon voll mit den Regional- und ICE-Zügen ausgelastet sind. Das heißt: Wenn in Stuttgart morgens der S-Bahn-Tunnel gestört ist, ist den ganzen Tag der ICE-Verkehr bis Berlin, Hamburg, Köln und München gestört. Heute merkt kein einziger ICE-Fahrgast etwas von einer S-Bahn-Störung, weil im Kopfbahnhof Stuttgart genügend Platz für umgeleitete Züge ist. Doch diesen Bahnhof will die DBAG wegreißen und behauptet, das sei Fortschritt.“
In Einzelheiten kann PRO BAHN der DBAG sogar Falschaussagen nachweisen. „So behauptete die DBAG vor dem Schlichter, dass Regionalzüge in Duisburg, Essen und Hamburg-Harburg nur eine Minute halten würden. Die Fahrpläne weisen mindestens doppelt so lange Haltezeiten aus“, so Oomen. „Weiter behauptete die DBAG, dass die Flughafenzufahrt, auf der künftig auch ICE-Züge fahren sollen, für 100 km/h ausgebaut sei. Tatsächlich ist die Strecke aber so kurvenreich, dass großenteils nur 70 km/h zulässig sind“, erklärt Oomen. „Weiter behauptete die DBAG, dass nach links durch den Gegenverkehr abbiegende Züge kein Problem seien. Tatsächlich werden an anderen Stellen des deutschen ICE-Netzes Fahrplanlücken von 20 Minuten freigehalten, damit solche Abbiegemanöver ohne Verspätungsrisiko funktionieren. Durch ihre unzutreffenden Angaben verliert die DBAG auch für Fachleute, die nicht dem Konzerndiktat unterliegen, jede Glaubwürdigkeit.“
Der Fahrgastverband PRO BAHN geht daher davon aus, dass die DBAG gar nicht bereit ist, alle Unterlagen auf den Tisch zu legen. „Auch in der zweiten Schlichtungsrunde musste das Aktionsbündnis erneut Unterlagen einzeln und gezielt bei der DBAG anfordern, weil sie offenbar nicht öffentlich werden sollen“, so Oomen.

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