Jurga im Urlaub, Teil 9: Alles hat ein Ende – der Nahostkonflikt zum Beispiel und die Currywurst sogar zwei

Die Herbstferien sind zu Ende, will sagen: für uns hieß es Abschied nehmen. Tschüss heiliges Land! Adieu Israel! Goodbye Tel Aviv! Ich sage es in drei Sprachen; denn schließlich bin ja auch ich, wie Sie dem Schild auf dem Foto entnehmen, in drei Sprachen gebeten worden wiederzukommen. Das ist nämlich gesetzlich vorgeschrieben in Israel. Vielleicht nicht unbedingt, mich zu bitten, demnächst mal wieder vorbeizuschauen. Aber wenn man mich schon um etwas bittet, also etwa, die Vorfahrt zu beachten, dann hat es in drei Sprachen zu geschehen. Hebräisch, arabisch und englisch sind zwingend für sämtliche Straßenschilder vorgeschrieben. Und immer mehr, wenngleich nicht gesetzlich erforderlich vorgeschrieben, gesellt sich eine vierte Sprache hinzu: russisch. 

Am Strand von Tel Aviv - Foto: M. R. Jurga

Weit über eine Million Israelis, mehr als ein Sechstel der Bevölkerung, sind seit Beginn der 90er Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Diese Immigrationswelle sorgte (und sorgt) für ganz erhebliche Immigrationsprobleme. Lou Bohlen, seit März 2010 Koordinatorin des Zentrums für Osteuropastudien an der LMU, beschreibt die „russische“ Community so: „Zu Hause sprechen sie russisch, sie bewegen sich in russischen Kreisen. Das heißt nicht, dass sie keinen Kontakt zu den anderen Israelis hätten. Aber das Prinzip ist so israelisch wie nötig, so russisch wie möglich.“
Die „russischen“ Juden wählen fast ausnahmslos rechts. So wurde die ultrarechte Beitenu-Partei („Unser Haus Israel“) die drittstärkste im neuen israelischen Parlament und ihr Parteivorsitzender Avigdor Lieberman Außenminister Israels. Als solcher ist er freilich auch Dienstherr des israelischen Botschafters in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, der jetzt der „Thüringer Allgemeinen“ ein Interview gegeben hat, das sich neben dem Nahostkonflikt schwerpunktmäßig mit gesellschaftlichen Integrationsproblemen befasst – verständlicherweise eher mit denen hierzulande als mit den israelischen. 

Dass hierzulande – trotz der gebetsmühlenartig beschworenen, angeblich „jüdisch-christlichen Tradition“ – die Stimmung gegen Israel kippt, wird auch dort zur Kenntnis genommen, wie Ulrich W. Sahm berichtet:
Bundespräsident Christian Wulff habe im Gegensatz zu seinem Vorgänger beschlossen, im November Israel nur einen „Besuch zum Kennenlernen“ abzustatten, also keinen Staatsbesuch mitsamt Rede in der Knesset und einem Besuch in dem von Raketen beschossenen Sderot, wie es Horst Köhler getan hatte. „Weil Jerusalem hartnäckig blieb, änderte Wulff seine Pläne“, schreibt Beck.
Weiter berichtet der Korrespondent, dass der israelische Außenminister Avigdor Lieberman vor einigen Tagen in Berlin „fast heimlich“ empfangen worden sei. In der Woche zuvor habe der Außenminister des Sudan hingegen einen „sehr medienwirksamen Empfang erhalten“.

Auf die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte ich Sie am Ende meines Tagebucheintrags am letzten Urlaubstag aufmerksam gemacht. Das Ergebnis mag erschrecken, aber nicht weiter überraschen: der Antisemitismus in Deutschland ist und bleibt ein stabiler Faktor, annähernd gleichmäßig verbreitet über die Wählerschaft aller Parteien. 

Wie soll dies bloß werden, falls es in Israel und den besetzten Gebieten abermals zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen sollte?! Wie werden sich die politischen Eliten unseres Landes verhalten? Was wird dann aus der gegenwärtig häufig bemühten, gegen die türkischen Einwanderer gerichteten „jüdisch-christlichen Tradition“? Lässt man dann das Wörtchen „jüdisch“ einfach weg?
Es ist nicht gut bestellt um den Frieden im Nahen Osten. Nach meinen Gesprächen mit Joachim Meyer und Ulrich Sahm kehre ich keineswegs optimistischer in dieser Sache zurück, eher besorgter. Sahms aktuellem Bericht zufolge
wünschen 78 Prozent der Israelis eine Fortsetzung der Friedensgespräche, aber nur 30 Prozent der Palästinenser. Beide Seiten sind skeptisch: Nur etwa 5 Prozent aller Befragten glauben an ihren Erfolg und an ein Abkommen. Fast zwei Drittel der Palästinenser meinen, dass im Falle eines Scheiterns der Gespräche die UNO eingreifen müsse oder der palästinensische Staat einseitig ausgerufen werden sollte. Ebenso befürwortet eine Mehrheit eine zusätzliche Intifada mit unbewaffnetem und sogar mit bewaffnetem (41 Prozent) Kampf gegen Israel. 40 Prozent der Palästinenser befürworten eine Auflösung ihrer Autonomiebehörde und ein Viertel meint, dass die Zwei-Staatenlösung aufgegeben werden sollte. Über 60 Prozent der Israelis befürchten einen neuen bewaffneten Aufstand der Palästinenser. Weniger als ein Drittel der befragten Israelis befürwortet einen völligen Baustopp in den Siedlungen und fast genauso viele wollen uneingeschränktes Bauen.
Das Drittel dazwischen dürfte folglich die jetzt wieder aufgenommene Politik des Ausbaus der vorhandenen Siedlungen befürworten. Große Teile beider Völker scheinen des Verhandelns müde zu sein. Auch die Kriegsmüdigkeit scheint nicht so ausgeprägt zu sein wie die Hoffnungslosigkeit. Die Aussichten im „Heiligen Land“ sind nicht gut … 

Max Raabe

Und so entsteht, wie mir nicht entgangen ist, bei vielen eine Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“. Wenn man als Deutscher Israel besucht, kann einem diese Sehnsucht nach Deutschland und insbesondere nach Berlin gar nicht entgehen. Was mir jedoch entgangen ist, war, dass Max Raabe dort drei Konzerte gegeben hatte. Die goldenen 20er Jahre in Berlin, Begeisterung in Israel. Sie sind damals bekanntlich nicht gut gegangen, die – nicht zuletzt auch stark jüdisch geprägten – 20er Jahre in Berlin. Und doch kann man sich heut über den „kleinen, grünen Kaktus“ freuen. Warum denn auch nicht?! Auch das heutige Berlin – da haben die Israelis Recht – ist ziemlich klasse.
Ich persönlich finde Tel Aviv besser. Die Berliner mögen mir verzeihen. Die Atmosphäre dieser Stadt ist m.E. nicht mehr zu toppen. Auch ohne Hebräisch-Kenntnisse kann man es dort eine ganze Weile sehr gut aushalten. Deswegen wird sich Tel Aviv auf meine wiederholte Wiederkehr gefasst machen müssen. Die tollste Stadt, die ich je erlebt habe. Doch ewig kann ich dort nicht bleiben. Wegen der Sprache, klar. Vor allem fehlt mir allerdings eine Spezialität, die in Berlin ihren Siegeszug angetreten hatte: die Currywurst.

Mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Wer weiß? Wenn es die „Russen“ schaffen, Russisch als vierte Sprache gesetzlich in Israel auf die Sprachenschilder zu verankern, vielleicht führen sie dann auch die Currywurst in Tel Aviv ein. Doch erstens machen sie sich nichts aus Currywurst, und zweitens würde der jüdisch-arabische Widerstand ganz beträchtlich werden. Bevor also auf der Dizengoff-Straße alle paar Hundert Meter Currywurstbuden stehen, ist im Nahen Osten der ewige Friede eingekehrt. Das könnte für mich zu spät kommen.

Comments are closed.