Jurga im Urlaub, Teil 2: Irit Bar-Natan, Friedenspädogogin

Werner Jurga, Irit Bar-Natan (Foto: M. R. Jurga)

Endlich Urlaub. Am Dienstag Abend ging es los. Ich hatte den Flug erst relativ spät gebucht; deshalb wäre ein Direktflug zwar noch möglich gewesen, aber sündhaft teuer. Also ein Nachtflug – auch nicht Nonstop, sondern über Prag. Ziemlich blöde Sache. Drei Stunden Aufenthalt, d.h. vernünftigerweise kann man den Flughafen nicht verlassen. Insgesamt ist man folglich acht Stunden unterwegs – netto, also von Airport zu Airport. Brutto also einmal rund um die Uhr. Vielleicht hat man im zweiten Flug mal eine Stunde die Augen zumachen können, aber das war´s dann auch. Totmüde, zusätzlich noch geschafft durch die enorme „Luftveränderung“ – in Deutschland ist es am Dienstag deutlich abgekühlt, während in Israel auch für hiesige Verhältnisse Rekordtemperaturen erreicht werden – stürzte ich mich am Mittwoch in den ersten Urlaubstag. 

„Ja, das ist wirklich alles ein ziemlicher Stress“, ließ ich Sie bereits im ersten Teil wissen. „Aber man ist ja nicht zum Vergnügen auf der Welt.“ Irit startete mit uns sogleich eine Stadtrundfahrt. Ach so, ich hatte Ihnen Irit ja noch gar nicht vorgestellt. Also bitte: hier auf dem Foto steht sie neben mir: Dr. Irit Bar-Natan. Sie ist beschäftigt im CERPE, dem „Center for Research on Peace education“, an der Universität Haifa. Zweimal wöchentlich lehrt sie an der Uni Tel Aviv, eine Entfernung von rund hundert Kilometern. Und da sie ohnehin schon einmal da war, ich meine: hier war, hier in Tel Aviv, hatte es sich förmlich angeboten, dass man sich mal sieht. Denn man will ja keine Umstände machen …

Und, wie das so ist, wenn sich zwei Soziologen begegnen: man spricht über die Arbeit. Denn „man ist ja nicht zum Vergnügen auf der Welt“; aber das wissen sie ja inzwischen. Irit Bar-Natan konzentriert sich in ihrer Arbeit – der Name des Instituts macht es schon deutlich – auf die Friedenserziehung. Im Rahmen der Lehrerausbildung vertritt sie das Konzept der „Peergroup„. Peergroup meint eine „Gruppe von Gleichaltrigen“ oder „Gruppe von Gleichgestellten“. „Peergroup“ geht als Fachbegriff aus der Soziologie und Pädagogik zurück auf Charles H. Cooley (1864-1929), der das Konzept der Primärgruppen entwickelte. Bei Wikipedia steht: 

„Der Begriff fasst die Beobachtungen zusammen, dass besonders im Kinder- und Jugendalter die Orientierung der Individuen an Gruppenstandards stärker an Menschen ähnlichen Alters als an den eigenen Eltern stattfindet und dass auch später die Ansichten eines Menschen häufig von den Menschen der unmittelbaren Umgebung geprägt werden. Als Peergroup gelten Gruppen mit Mitgliedern ähnlichen Alters, meist auch ähnlicher sozialer Herkunft und gleichen Geschlechts.“

Doch im gleichen Wikipedia-Artikel steht auch noch etwas Anderes. Nämlich dieses: 

Der Begriff „Peergroup“ wird auch gleichbedeutend für „Interessengruppe“ verwendet. Teilnehmer einer Ausbildungs-, Lern- oder Arbeitsgruppe werden oft als Peergroup bezeichnet. Sie können sozial durchaus unterschiedlichen Gruppen angehören, sind aber für eine bestimmte Zeit durch gleiche Interessen miteinander verbunden. In der Lerndidaktik (handlungsorientiertes Lernen) haben Peergroups einen besonderen Stellenwert, weil die Gleichschaltung der Interessen eine lernfördernde Gruppendynamik erzeugt.

Und genau dies scheint mir der Ansatzpunkt zu sein, den sich Rachel Hertz-Lazarowitz und Irit Bar-Natan in ihrer jugendsoziologischen Studie „Writing development of Arab and Jewish students using cooperative learning (CL) and computer-mediated communication (CMC)“ zu eigen gemacht hatten. Jedenfalls hatte ich Irit so verstanden. Charly Cooley finde ich ziemlich cool. „Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehret jedem, was er sei“. Okay, dieser Satz ist nicht von Cooley, sondern von Goethe. Aber der war Cooley´s Lieblingsautor, und Cooley hatte gerade diesen Satz immer wieder zitiert. 

Was die beiden Herren jedoch umständehalber noch nicht so klar im Blick hatten, war, dass es nicht „nur“ um die „richtige“ Reifung des Menschenbilds geht, sondern auch, dass man – jedenfalls heutzutage – gescheit mit dem Computer umgehen können muss. Nebenbei: dass man – am besten mehrere – Fremdsprachen beherrschen sollte, fand in Goethes oder Cooleys Augen kein sonderliches Interesse: das war sowieso klar. Aber der Computer. Und die Schreibkompetenz. – Kein Problem. Rachel Hertz-Lazarowitz und Bar-Natan haben sich ja der Angelegenheit angenommen. 

Sie kombinieren in ihrer Arbeit das Konzept das kooperativen Lernens (CL) mit der computergestützten Kommunikation (computer-mediated communication – CMC). Doch, doch, so etwas gibt es. CMC ist keineswegs eine israelische Besonderheit, eigentlich ist inzwischen überall auf der Welt der Unterricht „computer-mediated“. Okay, in Deutschland nicht; aber dieses Land weist ja ohnehin so einige bildungspolitische Besonderheiten auf. Doch um diese soll es hier diesmal nun wirklich nicht gehen. Es geht bei Irits Arbeit – Sie werden sich möglicherweise schon so etwas gedacht haben – letztlich um den Nahostkonflikt. 

Rachel Hertz-Lazarowitz und Irit Bar-Natan konnten – auch in Langfristuntersuchungen nachweisen, dass diese Kombination von – hier: jüdisch-arabischer – Peer Interaktion und computervermittelter Kommunikation deutlich bessere Lernerfolge – hier in Bezug auf die Schreibkompetenz – erzielt als die klassischen Methoden. Arabische Kinder – die Bezeichnung „palästinensisch“ liegt weder im Interesse der jüdischen noch der arabischen Israelis – schneiden fast genauso gut ab wie ihre jüdischen Kameraden. In Bezug auf das Geschlecht der Schüler konnten die Wissenschaftlerinnen keinerlei signifikante Unterschiede ausmachen. 

Die friedenspädagogische Relevanz erklärt sich m.E. aus zwei Aspekten dieser Konzeption: erstens könnte hierin ein erfolgversprechender Ansatz für die Höherqualifizierung arabischer Jugendlicher auf jüdisches Niveau bestehen. Denn noch sind die Unterschiede im Bildungsniveau zwischen der jüdischen Mehrheitsbevölkerung und der arabischen Minderheit erschreckend hoch. Wenn man sich diese Tatsache weder – wie von linker „israelkritischer“ Seite – mit „zionistischer Diskriminierung“ noch – wie Sarrazin und seine Fans – mit einer genetischen Grunddisposition erklären möchte, wird man die Ursache dafür nur in der geringeren Bedeutung suchen können, die arabische Familien im Verglich zu jüdischen der Bildung zumessen. Erstens. 

Und zweitens – noch wichtiger, wie ich finde – wird der Ausstieg aus der Spirale des Hasses nur gelingen können, wenn in der Jugend der beiden aufeinander angewiesenen Völker die Einsicht durchsetzt, dass man im Grunde eine Interessengemeinschaft bildet. Eine „Peergroup“. Diese Einsicht wäre gewiss keine hinreichende Bedingung für den Frieden. Aber – ebenso gewiss – eine notwendige. Solange die jungen – zunächst einmal akademischen – Juden und Araber nicht überzeugt davon sind, dass sie in einem Boot sitzen, wird es keinen Frieden im vermeintlich Heiligen Land geben. 

Und deshalb finde ich das, was meine Freundin Irit macht, ganz großartig. Übermorgen werden wir sie und ihren Mann Oded zuhause besuchen. Davon erzähle ich dann, wenn es soweit ist.

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