Tödliches Familiendrama in Italien löst Integrationsdebatte aus

In Italien hat eine öffentliche Debatte über ein Verbot von Zwangsehen und die gescheiterte Integration vieler Ausländer begonnen – ausgelöst durch ein Familiendrama in der norditalienischen Stadt Modena. Nach dem jüngsten „Ehrenmord“ rechnen Experten mit zunehmenden Konflikten in Einwandererfamilien, denn in Italien leben etwa 4,5 Millionen registrierte und dazu etwa eine Million weitere illegale Ausländer. Nun sorgt ein tödliches Drama innerhalb einer pakistanischer Familie in Italien für Entsetzen. 


Bild: Modena

Der Ehemann, Hamad Khan Butt (53), war vor zehn Jahren nach Italien gekommen, lebte mit seiner Frau Begm Shnez (46) und den insgesamt fünf Kindern in einem hauptsächlich von Ausländern bewohnten Stadtviertel von Modena. Der Vater ist Schweißer; der älteste Sohn arbeitet in einer chemischen Reinigung. „Wir kennen sie alle“, sagt die Bürgermeisterin; die Familie galt als halbwegs integriert.  Am vergangenen Wochenende hörten Nachbarn aus dem Hinterhof des Hauses zuerst einen Streit, dann „fürchterliche Schreie“. Weil die 20-jährige Nosheen sich weigerte, ihren Cousin zu heiraten, prügelte ihr jüngerer Bruder (19) das Mädchen ins Koma. Nosheen studierte in Carpi an einer technischen Hochschule, teilte sich dort mit ihren Freundinnen – ihnen zufolge war Nosheen „religiös und  keine Rebellin“ – eine Wohnung. Sie wollte „italienisch leben“.  

Der familiäre Streit über die geplante Zwangsheirat schwelte schon länger, bis der Streit am Sonntag eskalierte. Nosheens 19-jähriger Bruder ging mit einer Eisenstange auf sie los; als Begm Shnez, Nosheens Mutter, dazwischen gehen wollte, um ihre Tochter zu beschützen, packte Hamad Khan Butt, der Ehemann und Vater, einen zufällig herumliegenden Ziegelstein und schlug ihn seiner Frau gegen die Schläfe. Sie war sofort tot. Mit einer Eisenstange geht der Bruder (19) auf Nosheen los, prügelt immer weiter auf das Mädchen ein. Als die Mutter dazwischen geht und ihre Tochter beschützen will,  packt der Vater einen zufällig herumliegenden Ziegelstein und schlägt ihn seiner Frau gegen die Schläfe. Sie stirbt sofort.

Nosheen überlebt –nach Tagen im Koma, schwer an Kopf und Armen verletzt. Die Mutter war schon vor zwei Monaten bei der Polizei, weil ihr Mann sie schlug – auf eine Anzeige verzichtete Begm Shnez jedoch. Hamad Khan Butt und sein Sohn wurden noch vor Ort festgenommen, als sie dabei waren, eine Waschmaschine angemacht, um ihre blutigen Kleider zu reinigen. Es ist bereits der dritte „Ehrenmord“ dieser Art, der Italien aufschreckt. Im August 2006 wurde aus ganz ähnlichen Gründen eine andere 20-jährige Pakistanerin von ihrem Vater und männlichen Verwandten ermordet und im Hausgarten verscharrt; vor einem Jahr traf es auf dieselbe Weise eine 18-jährige Marokkanerin. Das Einzige, was den „Fall Nosheen“ von anderen unterscheidet, ist, dass sich die Mutter nicht auf die Seite ihres Mannes, sondern auf die Seite der Tochter gestellt hat. 

(nach Berichten von Paul Kreiner in der „Stuttgarter Zeitung“ und im „Tagesspiegel“)

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