Multiple Sklerose: Glaube, Hoffnung, Impfung

Ein Kommentar zum Artikel
Neuer Ansatz zur Bekämpfung der Multiplen Sklerose

 Beratungsbedarf. Ja, mir gefällt dieses Wort ganz ausgezeichnet. „Beratungsbedarf“, das klingt gescheit, obwohl es – bei differenzierter Betrachtung – vollinhaltlich im Grunde nichts Anderes bedeutet als: „keine Ahnung“. Wenn „Spiegel Online“ z.B. die Überschrift bringt: „Neuer Therapieansatz“, und „der Spiegel“ in seiner Printausgabe am Montag möglicherweise nachzieht, dann habe ich keinerlei Beratungsbedarf mehr, sondern voll die Ahnung. Dann weiß ich, dass bei den Neurologen dieses Landes in der nächsten Woche ein erheblicher Beratungsbedarf angemeldet wird, und dass auf die Fachärzte nicht nur diese Woche zukommt, sondern auch noch ein Haufen Arbeit.

Es geht um die Multiple Sklerose (MS), bei der eigentlich immer und überall „neue Therapieansätze“ ausgemacht werden, nur eben dieses mal wirklich nicht auf „Spiegel Online“. Denn, wie es in der Überschrift direkt darunter heißt, die „Mediziner hoffen auf Impfung gegen Multiple Sklerose“. Nun ist bekanntlich eine Impfung keine Therapie, und es sind auch nicht die Mediziner, die da hoffen, sondern die Herrschaften vom „DFG-Forschungszentrums für Regenerative Therapien“. Auch diese Forscher konnten zwar aus einer Impfung keine Therapie machen, nicht einmal eine regenerative.

Aber: in Zusammenarbeit mit „Wissenschaftlern der Harvard Universität“ – nun stellen Sie sich das bloß einmal vor! – haben sie „wohl einen Durchbruch bei der noch unheilbaren Krankheit Multiple Sklerose erreicht“, liest man bei den „shortnews“. Wobei ich davon ausgehe, dass Sie wissen, dass das Adverb „wohl“ eigentlich immer, aber erst recht in derartigem Zusammenhang verwendet, etwa soviel bedeutet wie „kann sein, kann auch nicht sein“. Also eher: wohl nicht. Könnte aber: „Eine einmalige Impfung könnte den Ausbruch von Multipler Sklerose verhindern. Die Therapie der Autoimmunerkrankung funktioniert ähnlich wie die Bekämpfung von Allergien: Man versucht die überschießende Reaktion des Immunsystems zu drosseln“ („Spiegel Online“).

„Multiple Sklerose: kann Ausbruch durch Impfung gestoppt werden?“ fragt das Verbraucherportal „cecu.de“, das der privaten Versicherungswirtschaft zugeneigt ist. Ja, wie gesagt: kann sein, kann auch nicht sein. Also eigentlich wohl eher nicht, vielleicht aber doch, der Ausbruch durch Impfung gestoppt. Es sei denn, man ist bereits an MS erkrankt. Dann lässt sich die MS gewiss nicht mehr stoppen, jedenfalls nicht durch eine Impfung, weil diese, wie bei „cecu.de“ schon ganz richtig gesagt wird, es nun einmal so an sich hat, den Ausbruch einer Erkrankung, nicht aber deren Verlauf stoppen zu können. Zugegeben: bei Lichte besehen lässt sich auch ein Ausbruch nicht „stoppen“ – „verhindern“ wäre in diesem Fall das richtige Verb gewesen. Ein kleines Versehen, das meine Wortklauberei nicht rechtfertigen soll.

Focus Online“ macht es 100%ig richtig. Hier finden wir unter der Rubrik „Ratgeber“ den Artikel „Multiple Sklerose – Impfung in Sicht“, der mit der Zwischenüberschrift aufwartet: „Ansatzpunkt für neue MS-Therapie“. Klasse gemacht! Natürlich keine „MS-Therapie“, aber bestimmt deren „Ansatzpunkt“. Ja, das Wissenschaftsmagazin „Focus“ ist in diesen Dingen peinlich genau, nur „Fakten, Fakten, Fakten!“ Die vorbeugende Impfung könne, heißt es im „Focus“ weiter, in zehn bis 15 Jahren zur Verfügung stehen. „Der nächste Schritt ist eine Therapie für Menschen, die die Krankheit schon haben“, sagt der Experte. Und den kennen Sie ja schon. Das ist der Karsten Kretschmer, der Dresdner Forschungsgruppenleiter.

Der wichtigste Schritt ist immer der nächste Schritt. Doch vor dem nächsten Schritt kommt der … tja, wie sagt man denn … zu dem Schritt, den man gerade getan hat? Der nullte Schritt? Egal, die Frage ist ja, für wen diese Impfung denn eigentlich gedacht sein soll, die so in zehn bis 15 Jahren zur Verfügung stehen … könnte. Und wissen Sie, was der sagt, der Experte? Achtung: „Die Zielgruppe sind Kinder, bei denen ein Ausbruch der Krankheit vorhersehbar ist“, sagt Karsten Kretschmer. Dies sei der Fall, wenn Verwandte ersten Grades, etwa Vater, Mutter oder Geschwister, bereits erkrankt sind. Da werden sich aber all diejenigen, bei denen etwa Vater, Mutter oder Geschwister, die bereits (!) erkrankt sind, sehr freuen. Das ist aber auch ein Experte, dieser Kretschmer!

Aus diesen Focus-„Fakten, Fakten, Fakten“ wird dann bei der „1a-Krankenversicherung“, die – woran ich nicht den geringsten Zweifel hege – wirklich eine „1a-Krankenversicherung“ ist, folgende Weisheit: „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, wenn bereits ein Elternteil oder Geschwister an MS erkrankt sind.“ Und in der Tat: für diesen Personenkreis ist die Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken, statistisch betrachtet hoch, nämlich rund zehnmal so hoch wie in der Gesamtpopulation. Da hierzulande etwa ein bis zwei Promille der Menschen MS-krank sind, beläuft sich das Risiko für deren Verwandte ersten Grades nach Adam Riese auf ein bis zwei Prozent. Ob dieses Risiko eine Empfehlung für eine „Impfung“ rechtfertigt, die lebenslang das Immunsystem vor einer Fehlsteuerung in Richtung MS schützt, werden andere Experten zu beurteilen haben – in zehn bis 15 Jahren.

Was bis dahin aus Karsten Kretschmer, dem Dresdner Forschungsgruppenleiter, geworden sein mag? Man wird sehen; mein Tipp: aus dem wird noch was. Also, so richtig was! Der kommt noch einmal so richtig groß raus. Könnte ich mir denken. Und für die MS-Kranken gibt es dann vielleicht in zwanzig Jahren etwas – Sie wissen ja: Kretschmers nächsten Schritt. Übrigens: schon am Donnerstag und Freitag durften sich Deutschlands Neurologen mit dem von Kretschmer evozierten neuen Beratungsbedarf auseinandersetzen. MS-Patienten hatten nämlich etwas von einer Impfung gehört. Dass also jetzt endlich die Ursache der MS aufgeklärt sei. Ob sie sich denn jetzt auch noch impfen lassen könnten? Oder, wie die Schlaueren fragten – wobei: „fragten“ ist falsch ausgedrückt, „feststellten“ müsste es heißen: wenn die Ursache erforscht ist, steht auch fest, wie der Schadens zu beheben ist. Kennt man ja vom Auto.

Und was die privaten Krankenversicherer betrifft, die so hoch erfreut über die baldige (was sind schon zehn bis 15 Jahre?) Möglichkeit einer Impfung sind. Ich bin sehr zuversichtlich, die nehmen die (vielleicht auch jetzt schon) in ihren Leistungskatalog auf. Und dann sofort ab in die Werbung mit diesem Stuss! Die Frage, die ich mir stelle, ist angesichts dieser paradiesischen Aussichten allerdings, ob auch ich solch einer – wohlbemerkt: irgendeiner – Privaten Krankenversicherung beitreten könnte. Könnte sein, könnte nicht sein, würde aber nicht ganz billig. Ich bin nämlich an MS erkrankt. Bestimmt schon vor einem Vierteljahrhundert. Oder noch früher. Kann ja niemand etwas für. Es gab damals doch noch keine Impfung dagegen. Und was meine Verwandten ersten Grades angeht: von denen hatte kein Mensch MS. Allerdings Diabetes. Opa, Tante (echte Tante), davon auch noch eine Kusine – alle hatten sie Zucker.

Und es gibt tatsächlich einen Zusammenhang mit der MS. Nur, tun Sie mir bitte einen Gefallen: auch wenn Sie in Ihrer Verwandtschaft jemanden mit Zucker haben, und ganz bestimmt ist in Ihrem erlesenen Stammbaum irgendwo die Diabetes aufgetaucht, rufen Sie bitte keinen Neurologen an, um ihn von Ihrer Gefährdungslage zu erzählen und Möglichkeiten der MS-Schutzimpfung zu sondieren! Das würde dem gerade noch fehlen. Dann dreht der ab. Da hilft dann auch kein Nervenarzt mehr; dann müsste der arme Kerl in eine Nervenklinik. Gut, dort kriegt er dann geholfen. Aber was wird dann aus seinen Patienten? Zum Beispiel den MS-Leuten? Die brauchen doch einen guten Arzt. Eine Impfung gibt es nämlich nicht.

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