„daß“ oder „dass“ oder auch nur „das“ oder wie oder was?

 

Die Angelegenheit ist so kompliziert eigentlich nicht:
„daß“ ist weg, und „das“ wird nur dann mit Doppel-s geschrieben, wenn es wirklich nicht durch „was“, „dieses“ oder „jenes“ zu ersetzen ist.

Weil die Rechtschreibreform – abgesehen von Deutschlehrern, Lektoren u.a. – kaum jemand richtig erfasst hat, gilt das das-dass-„Problem“ gleichsam als Symbol für die ganze ungeliebte Angelegenheit. Nun gilt es in ganz verschiedenen Kreisen als chic, nach wie vor „daß“ zu schreiben und damit den Eindruck zu erwecken, man texte in „nicht-reformierter Rechtschreibung“, die man – wie könnte es anders sein – selbstverständlich beherrsche. Nur mit der neuen käme man halt nicht mehr so mit.

Keine schlechte Idee. Nur: an den Dissidenten werden schärfere Anforderungen gestellt. Zumindest die das-dass-Geschichte sollte dann fehlerfrei über die Bühne gehen. Im Falle gehobener Ansprüche wäre es jedoch darüber hinaus empfehlenswert, zumindest andeuten zu können, weitergehende Vorstellungen von den Unterschieden zwischen alter und neuer Rechtschreibung zu haben.

Vor einigen Jahren hatte die „Zeit“ führende deutsche Schriftsteller, die heftig gegen die Rechtschreibreform protestiert hatten, zum Diktat in ihre Redaktion eingeladen. Zum Diktat freilich – fair geht vor – in „nicht-reformierter Rechtschreibung“. Verständlich, dass sich die illustre Schar der Preisträger nicht wie die Schulbuben vorführen lassen wollte. Nicht einer der renommierten Retter der deutschen Orthographie ist zur Klassenarbeit angetreten.

Um nicht missverstanden zu werden: ich will keineswegs andeuten, die neue Rechtschreibung zu beherrschen. Insbesondere bei der Groß- und Kleinschreibung sowie bei der Getrennt- und Zusammenschreibung stolpere ich regelmäßig über meine Unsicherheit. Die alten Regeln, die ich in der Schule gelernt hatte, stellen inzwischen entwertetes Wissen dar, und klar: selbstredend ist die Entwertung mühsam angeeigneter Qualifikation immer eine Ärgernis.

Auch will ich keine Lanze dafür brechen, dass die Orthographie von offiziellen Stellen verordnet wird. Was die Kurrikula für den Unterricht betrifft, dürfte der deutsche Sprachraum diesbezüglich jedoch keine Besonderheit darstellen. Aber die Verve und die Dauer, mit der dieser Killefitt diskutiert wurde, stellen schon Besonderheiten dar. Allmählich, nach Reform, Rücknahme der Reform, Reform der Reform, also nachdem auch in der letzten Ecke der Welt der vierte Lehrbuchsatz der Unterrichtsreihe „Deutsch für Ausländer“ angeschafft worden ist, scheint der Kulturkampf etwas einzuschlafen.

Selbst die von mir geschätzte Online-Zeitschrift „Das Blättchen“ kapituliert jetzt vor der Aufgabe, sämtliche neuen Text in „nicht-reformierte Rechtschreibung“ zu transformieren. Armes Deutschland!

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