Precht zum Dritten – ein Blödmann mit Potenzial

Sandra Maischberger eröffnet die Sendung damit, dass sie die wundervollen Wirtschaftsdaten und –prognosen dieser Tage referierte, um daraufhin als erstem dem „Philosophen und Bestsellerautoren“ – so muss das gesagt werden! – Precht das Wort zu erteilen. Und der legte sogleich kräftig los: eigentlich sollten die Bonuszahlungen für Banker – von anderen Managern war nicht die Rede – sowieso abgeschafft werden. Er habe jedoch nicht unbedingt etwas gegen Boni. Wenn diese erstens nicht nur für Banker, sondern auch für Krankenschwestern ausgezahlt würden. Und wenn es nicht nur Bonus-, sondern auch Maluszahlungen gäbe. Für Banker, versteht sich, nicht für Krankenschwestern. Und dann, Precht richtet den Zeigefinger auf Hans-Olaf Henkel, kommt sich dabei ziemlich super vor und – kleiner Kameraschwenk – Maischberger findet ihn auch super, und dann bekäme man auch wirklich die besten Bankmanager. Beifall im Saal. Precht hat den Kapitalisten kräftig die Meinung gegeigt.

Das zweite Mal ist Richard David Precht an der Reihe, nachdem Michael Douglas als Gordon Gecko in einer kleinen „Wall-Street“-Einspielung auf einer Aktionärsversammlung die Vorteile der Gier gepriesen hatte. „Sie haben in Ihrem Buch herausgefunden, Herr Precht, …“, sagt Sandra Maischberger. Und schon wird der Buchtitel eingeblendet. Precht legt nochmal los, nennt einige Zahlen über die kräftigen Einkommenssteigerungen der Superreichen, angegeben in das x-fache eines Facharbeiterlohnes, geißelt deren Gier, wobei: „Ab einer bestimmten Summe ändert sich Ihr Leben nicht mehr. Ob sie vier, fünf, sechs oder sieben Millionen verdienen, ändert überhaupt nichts mehr. Alles, was Sie dann noch motiviert, ist der direkte Konkurrenzkampf und die Eitelkeit gegenüber den anderen.“

Es ist folglich mehr die Eitelkeit als die Gier, stellt Precht – die Stirn gezielt in Falten gelegt – fest. Sandra Maischberger kriegt sich vor Begeisterung kaum noch ein. Vielleicht hat ihr die Maybrit Illner erzählt, dass das Leben on Top tatsächlich genau so beschissen ist. Hans-Olaf Henkel und Gertrud Höhler gestehen verlegen ein, dass dies alles so stimme. Der Kapitalismus scheint geschlagen. Und dann auch noch in Deutschland! Und was der Precht darüber so alles weiß! Der Starphilosoph schiebt noch „Tugend, Anstand und Moral“ hinterher. „Da sind Dinge aus dem Ruder gelaufen.“ Maischberger ist so aufgeregt, dass sie nicht einmal den Applaus für den tollen Philosophen lässt. Sie schließt gleich mit einem „und zwar“ an ihr Idol an. Eine direkte Frage direkt an Henkel, ganz direkt. Man muss sich wundern, dass wir am Mittwoch Morgen aufgewacht sind, und der Kapitalismus immer noch da war.

Das kann auch daran liegen, dass keine Revolution stattgefunden hat. Man ist zivilisiert. Nicht unbedingt in jeder TV-Talkshow, oft aber bei Maischberger, und gestern Abend ging es sehr gesittet zu, wie auch die FAZ findet: „Es war dann fast wie bei eleganten Catchern, die niemals einander wehtun, weil sie alle Schritt- und Grifffolgen, die einen Konflikt mimen, längst kennen. So weit, so zivilisiert.“ So weit die FAZ, die meint, so die Überschrift über die Fernsehkritik, „ein Stammtisch ohne Bier“ sei es gewesen. „Ein Stammtisch ohne Bier: bei Sandra Maischberger darf jeder Mal Experte für alles sein.“ Ja, bei der Sandra Maischberger, das mag sein. Aber nicht hier. Nicht bei mir! Hier darf das nur einer, nur der Philosoph und Bestsellerautor.

Wir brauchen wieder Werte. Und in diesen bedrohlichen Zeiten, in denen wir verunsichert sind, weil wir nicht wissen, welche Werte die richtigen sind – Aktien? Oder doch besser Gold? Immobilien, besser als Staatsanleihen? Devisenspekulation oder sicherheitshalber doch lieber Festgeld? – in diesen Zeiten, wo die Ratlosigkeit nur so um sich greift, da ist es schon ziemlich wertvoll, wenn das Land einen gut aussehenden Starphilosophen hat, der auch Sachen sagt wie: „Kriminelle Banker, die auf Staatskosten Milliarden verzocken und Millionen-Abfindungen bekommen oder Kleinbetrügereien bei der Steuererklärung …“ – der Philosoph und Bestsellerautor sieht einen Moralverlust in allen Gesellschaftsschichten. „Die in der Finanzwelt heute üblichen Geschäfte kennen keine Zeit zum Abwägen und keine Gesichter. Der Ausverkauf der Moral wird beschleunigt, und dennoch fühlt sich die Bevölkerung seit Ende der 60er Jahre nicht mehr glücklicher“, glaubt Richard David Precht.

So sieht es aus. Vom Standpunkt der Moral aus betrachtet – und einen besseren gibt es nun einmal nicht – sind die Ganoven, die in der Steuererklärung ihren Weg zur Arbeit um zwei Kilometer verlängern, um keinen Deut besser als die Milliarden-Verzocker. „Im Grunde hatte Precht damit das ganz banale Grundproblem angesprochen“, wird in „Welt Online“ ganz richtig festgestellt, „dem sämtliche Diskussionsteilnehmer quer durch das politische Spektrum zustimmen konnten: Geld allein macht offenbar auch nicht glücklich.“ So sieht es aus. Ohne Moral kein Glück, ohne Glück keine Liebe, und am Ende hat niemand etwas davon. „Weder die Banker, die mit einer Million mehr auf dem Konto auch nicht zufriedener sind als ohne. Noch die Hartz-IV-Empfänger, für deren magere Aufstockung um fünf Euro die Regierung insgesamt immerhin 800 Millionen Euro zur Verfügung stellt, die aber trotzdem ohne Perspektive auf einen dauerhaften Job bleiben.“

Den schäbigen Rest hatten wir schon: „Und die das zum Teil auch bleiben wollen … Wir haben einen Moralverlust oben und unten“, diagnostizierte der Philosoph. Am unteren Rand der Gesellschaft würden sich zunehmend „dissoziale Milieus“ bilden, die gar kein Interesse mehr daran hätten, zur Gemeinschaft beizutragen, genau wie Teile der Reichsten und Mächtigsten in Deutschland. Dazwischen befinde sich die schrumpfende verunsicherte Mittelschicht. „Und“, schloss Precht, „wir haben keinen Plan, was wir dagegen tun können.“ Bei aller „Gesellschaftsplanung bar jeder Fachkenntnis“ (FAZ) – immerhin wissen wir dank Precht, wer die Hauptbedrohung für das „das Gute am Bürgerlichen“ darstellt: das dissoziale Migranten-Milieu. Damit wäre das – nur allzu berechtigte – „Unbehagen der bürgerlichen Mittelschicht“ im Grunde erklärt.

Hinzu kommen die beliebten Gewürze des Stammtisches der Unbehaglichen wie z.B. der Vorschlag, sich vom Glauben an stetiges Wachstum zu verabschieden: „Sind wir mit der ständigen Steigerung des Bruttoinlandsprodukts nicht auf dem falschen Dampfer?“ Man möchte sich gar nicht ausmalen, wie unbehaglich die Precht-Lesergemeinde werden würde, wenn solcherlei radikal-ökologische Umorientierung tatsächlich politische Wirklichkeit werden sollte. Wird sie aber nicht, denkt sich der geneigte Leser, das Leben ist auch so schon unbehaglich genug. Da muss es auch einmal erlaubt sein, nachdenklich die Stirn in Falten zu legen. Und natürlich die Amerikaner. “Sie können Freiheit nicht herbeibomben”, erklärt Precht, der Philosoph der Liebe. Die verwickeln uns in ihre Kriege, wir parieren immer schön brav, obwohl Afghanistan nie die USA angegriffen hatte, „auch nicht am 11. September“. – Prima, dass so ein Starphilosoph sich traut auszusprechen, was sowieso die deutsche Volksseele umtreibt.

Und damit wären wir beim Thema „die Politiker“, ohne das freilich kein Ideologe der vom Abstieg bedrohten Mittelschicht auskommen kann. Während die anderen spätestens an dieser Stelle beginnen, wüst zu poltern, erweist sich der hübsche Richard David auch hier als Schöngeist. „Es geht dabei nicht um billige Politikschelte, wie der aufgebrachte SPD-Parlamentarier Hans-Peter Bartels mir unlängst im SPIEGEL (37/2010) unterstellte.“ Unfassbar! Da kommt so ein Sozi-Bonze daher und unterstellt dem Starphilosophen „billige Politikschelte“. Was erlaubt der sich denn bloß?! Würde ich sagen, dagegen Dr. Precht, ganz freundlich, nüchtern sachlich und differenziert: „Es geht darum, dass unsere politische Klasse, je näher sie der Macht ist, umso stärker die großen Probleme unseres Landes verdrängt. Was sich als ,Vernunft` tarnt, ist in Wahrheit Klüngelei, Verzagtheit und Visionslosigkeit. Es geht darum, die Grenzen unserer Parteiendemokratie im gegenwärtigen Zustand zu erkennen.“

Und dies, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist keine billige Politikschelte. Dies ist Philosophie auf höchstem Niveau. Schluss mit dieser Visionslosigkeit (eine typische Wortschöpfung aus dem Hause Precht)! Auf Ihr Unglücklichen, von oben und unten Bedrängten, denen niemand helfen kann oder will: erkennt die Grenzen unserer Parteiendemokratie! Überwindet sie, die in Wahrheit nichts anderes ist als Klüngelei und Verzagtheit. Macht Schluss mit der Erosion der Werte und baut auf ein Land der „Tugend, Anstand und Moral“. Die „soziale Kriege“ haben begonnen, oh Ihr in die Zange Genommenen aus der Mitte. Lernet also „die Kunst, kein Egoist zu sein“! Und zeigt all diesen Egoisten in den Börsen-Spielkasinos, auf den ARGE-Fluren und in den türkischen Teestuben, dass nun Schluss ist mit diesem „Demokratie-Theater“!

Na klar, das hat er wirklich geschrieben, der hübsche Dr. Precht. „Demokratie-Theater“, echt Precht. Genau wie alles andere hier Zitierte. Aus dem Zusammenhang gerissen? – Okay, sieht man einmal davon ab, dass sich jedes Zitat dadurch auszeichnet, aus irgendeinem Zusammenhang gerissen zu sein, wären auf diese Frage drei Antworten zu geben. Erstens: wer wie Precht sich in weiten Strecken darauf beschränkt, die „altbekannten Klischees aus dem antidemokratischen Kasperlerepertoire“ (Hans-Peter Bartels) aufzuwärmen, wird damit auch zitiert. Zweitens: auch aus dem Zusammenhang gerissen wäre von mir nur dann solch ein Zitat zu generieren, wenn man böswillig unterschlägt, dass es im Rahmen eines satirischen Textes erstellt wurde. Precht schreibt aber nie Satiren. Er ist hübsch, aber vollkommen humorlos. Und drittens: auch der Zusammenhang, dem die hier benutzen Zitate entspringen, ist klar benennbar. Es ist der Zusammenhang eines in sich geschlossenen, spezifisch-deutschen, relativ modernen faschistischen Weltbildes.

Und erst dadurch wird Richard David Precht so richtig interessant. Natürlich ist er ein Blödmann*. Oder könnten Sie – auch jetzt – auch nur einen Gedanken erwähnen, der ganz speziell diesem begabten Hirn des deutschen Starphilosophen entschlüpft sein könnte. Alles aufgewärmte braune Scheiße, aber freundlich serviert Marke Uni-Bluff. Peppig vorgetragen, zwischendurch mal ein paar Zahlen, hier und da mal ein Fremdwort oder – Frechheit siegt – eine eigene geniale Wortschöpfung. Aber nichts, was für zu schwer wäre für das von Unbehagen zerfressene Möchtegern-Bildungsbürgertum. Klar, Precht ist ein Blödmann*. Aber – und das ist der Grund, warum ich mich mit ihm befasst habe – ein Blödmann* mit Potenzial. Er hat das Zeug dazu, die ganz große geistig-moralische Wende einzuleiten, die Kohl nicht hinbekommen hatte, und die auch mit Figuren wie Sarrazin oder die ganzen CDU-Rechtsausleger niemals hinzubekommen wäre. Erika Steinbach, ich bitte Sie!

Für die FDP gibt es in Deutschland nur noch eine Zukunft, nämlich ihre Transformation in eine rechtspopulistische Partei. Das Beispiel Österreich mag einem dazu in den Sinn kommen. Ja, so etwa stelle ich mir das vor. Nur eben keine „Haiderisierung“. So einen wie Haider können Sie in Kärnten verkaufen: antisemitische Sprüche, Treffen mit den Veteranen der Waffen-SS oder mit Gaddafi. So etwas geht ja gar nicht – im Land der Dichter und Denker. Heutzutage jedenfalls nicht mehr. Aber mit so einem Dichter und Denker – klingt auch schon zu muffig, also: mit so einem flotten Philosophen und Bestsellerautoren, die Haare eine Idee zu lang, das hat so etwas von Künstler. Ja, mit diesem Precht könnte es gehen. Der Blödmann* hat wirklich Potenzial.

Werner Jurga

* Selbstverständlich liegt es mir fern, Herrn Dr. Precht beleidigen zu wollen. Vielmehr verwende ich den Begriff „Blödmann“ einer Definition bei Wikipedia folgend:
„Blödmann! drückt man weniger ein Urteil über das intellektuelle Niveau seines Gegenübers aus, sondern erklärt ihn eher für lästig, störend oder auch albern“.

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