Religion aktuell: Gott im Tiefflug

Neulich. Ich mal wieder ziemlich locker im Gespräch mit einer attraktiven jungen Dame. Logisch, da muss man auch ein wenig von sich selbst preisgeben, wenn bei der ganzen Sache etwas bei rauskommen soll. Ich plaudere also auf die junge Schöne ein, was ich für ein Spitzentyp bin und so, dass ich die Dinge sowieso alle etwas differenzierter sehe, da stellt mir das deutsche Fräulein mit dem zauberhaften Namen Gretchen eine Frage, ihre Frage, die mich zugegebenermaßen ganz schön abgetörnt hat. „Sag mal“, wollte Gretchen wissen, „wie hältst Du es eigentlich mit der Religion?“ Offen gestanden: da war ich platt. Ich habe es halt doch nicht so faustdick hinter den Ohren, wie ich dachte. Religion – ach Du Scheiße! Der Abend war gelaufen. 

Doch jetzt habe ich mich schlau gemacht. Wenn ich also – so Gott will – Gretchen wiedersehe und sie mir noch einmal mit dieser blöden Frage kommt, werde ich – selbstredend auf meine gefühlvolle Art – eiskalt kontern und ganz charmant zurückfragen: „Du, sag mal, Schätzelein, welche meinst Du denn jetzt genau? Also: welche Religion im Sinne von Religion, meine ich.“ Da bin ich aber mal gespannt. Ja, so eine Frau will erobert werden. Und so eine arme Seele sowieso. Und außerdem: würde ich einfach hingehen und tollpatschig auf ihre, also die Gretchenfrage antworten: „Ja, Religion, ich weiß nicht. Ich glaube: ja, das ist eine super Sache!“ Wer weiß? Vielleicht würde Gretchen dann nachsetzen und von mir wissen wollen, welche Religion ich denn nun genau meine. Sie müssen zugeben: ich habe es doch ziemlich faustdick hinter den Ohren. 

Ich habe freilich keinen blassen Schimmer, was Gretchen nun genau von mir hören will, sprich: was nun genau so ihr Plaisier ist. Aber das ist ja klar: in Liebesdingen heißt es „Fair geht vor“. Mein Plaisier gegen Dein Plaisier. Was allerdings insofern etwas unfair ist, da ich annehme, dass Gretchen schon recht genau und treffsicher ahnt, worin mein Plaisier besteht, während ich bei ihr – wie gesagt – völlig im Dunkeln tappe. Also habe ich mich auf jeden Scheiß gewappnet. Zum Beispiel auf das Druidentum; das ist eine lustige Sache. Fand ich schon bei Asterix ziemlich geil; schön also, dass es in England jetzt offiziell als Religion anerkannt worden ist. Richtig so: nehmen Sie z.B. Stonehenge; das ist doch göttlich, oder etwa nicht? „Alte Tradition mit neuer Gültigkeit“, sagt der Vorsitzende des Druidennetzwerks. Sehr schön; aber ob das Gretchens Ding ist? 

Gretchen – eine Druidin? Ehrlich gesagt, das glaube ich eher nicht. Eine Muslima? Kann ich mir auch nicht vorstellen? Müssen Muslimas eigentlich ein Kopftuch tragen? Gretchen trägt jedenfalls keins. Oder ist sie Hinduistin? Dagegen wiederum spricht, dass sie keinen Punkt zwischen ihren wunderschönen Augen trägt. Haben Sie eigentlich die Geschichte aus Ayodhya mitbekommen? Nicht. Nun, da hatten sich Muslime und Hindus ständig in der Wolle, und jetzt hat ein indisches Gericht ein – wie Fachleute sagen – „weises Urteil“ gesprochen. Es hat das Gelände, wo der liebe (bin ich mir jetzt gar nicht so sicher) Gott wohnt, einfach zwischen den Streithanseln gerecht aufgeteilt. Die Polizei befürchtet Unruhen und ist mit 200.000 Mann im Einsatz. Wie auch immer: ein erster Schritt zum himmlischen Frieden ist gemacht. 

Ich nehme ja eher an, dass Gretchen eine Christin ist, folglich an unseren Herrn Jesus glaubt. Das käme mir sehr entgegen, erstens gewohnheitsmäßig, und zweitens, weil Jesus nun wirklich ein verdammt cooler Typ war. Allein die ganze Zauberei, macht aus Wasser, wenn er gerade nicht drüber wegläuft, Wein und all so Sachen. Deshalb kann ich auch sehr gut nachvollziehen, dass der Meister jetzt „König von Polen“ werden soll. Andererseits: war der nicht früher schon mal „König der Juden“? Nächste Woche bin ich in Jerusalem, da werde ich mich noch einmal genau danach erkundigen. Vielleicht in der Geburtskirche; da zoffen sich die diversen Christensorten um jeden Quadratzentimeter Gelände – wie die Muslime und Hindus in Ayodhya. Egal, jetzt könnte Jesus wieder König werden. 

Leider sind aber Polens Bischöfe dagegen. „Die Idee einer Bürgerbewegung“, erfahre ich bei Radio Vatikan, „solle aufgegeben werden, sagte der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, zum Abschluss einer Vollversammlung des Episkopats in Warschau. Das Königreich Jesus sei schließlich ,nicht von dieser Welt`. In der Abschlusserklärung werben die Bischöfe dafür, den Glauben an Christus als den ,König des Universums´ zu vertiefen. Michalik erkannte jedoch ausdrücklich die guten Absichten der Bürgerbewegung an. Mehr als 1.000 Menschen hatten jüngst in Warschau für eine Ernennung Jesu zum König von Polen demonstriert. Zu der Aktion hatte die katholische ,Bewegung der Souveränität des polnischen Volkes` aufgerufen. 

Das Königreich Jesus sei „nicht von dieser Welt“; diesen Satz der polnischen Bischöfe werde ich im Kopf behalten. Schon für den Fall, dass mir dieses Gretchen saublöd kommen sollte. Sie glauben ja gar nicht, wie saublöd ansonsten recht aufgeklärte Menschen kommen können, wenn urplötzlich die Gretchenfrage gestellt wird. Kommt die Sprache auf Religion, sind sie „nicht (mehr) von dieser Welt“. So zu besichtigen bei den Ruhrbaronen, wo kürzlich mit mehr als 100 Diskussionsbeiträgen über „Toleranz, Moral und Religion“ gestritten wurde. Selbst meine christliche Friedensmission, zu versöhnen statt zu spalten, indem ich ganz nüchtern „gute Gründe für den Glauben“ benenne, verlief im Sande. Vielleicht auch deshalb, weil eine von mir herangezogene großangelegte Studie sich als von mir frei erfunden herausgestellt hatte. 

Diese jetzt in den USA veröffentlichte Studie ist aber echt. So sieht es aus: „Wie sueddeutsche.de berichtet, haben US-Wissenschaftler des Pew Forum on Religion & Public Life im Juni 3412 Menschen zu religiösen und politischen Ansichten befragt und über ihr Grundwissen zu den Weltreligionen interviewt. Das Ergebnis: Der gesamte Durchschnitt lag bei ca. 16 von 32 möglichen richtigen Antworten. Am besten schnitten Atheisten und Agnostiker mit durchschnittlich 20,9 ab, gefolgt von Mormonen und Juden. Mit durchschnittlich nur 14,6 richtigen Antworten liegen die Christen deutlich zurück, wobei evangelikale weiße Christen 17,6, hispanische Katholiken aber nur 11,6 Fragen richtig beantworteten.“ 

Das sagt mir: dieses Gretchen hat vermutlich keinen blassen Schimmer von all diesen Sachen. Und ich? Ich bin und bleibe Christ. Okay, Atheist oder Agnostiker, das wäre schlau. Mormonen und Juden kommen ebenfalls auf mehr als 20 richtige Antworten. Jude? Kommt für mich nicht in Frage. Allein schon die Konversion. Und dann ist man auch noch überall so unbeliebt. Aber Mormone – das wäre doch was! Sie wissen Bescheid. Utah, Salt Lake City. Anzahl der Ehefrauen unbegrenzt, selbst als Muslim wäre bei vieren Feierabend. Mormone – that´s it! Aber tun Sie mir einen Gefallen: erzählen Sie um Himmels willen Gretchen nichts davon!

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