San Sebastián: Rückblick auf das Filmfestival

Photo: Markus Trapp

Wenn das Filmfestival in San Sebastián ruft, dann ist Markus Trapp einer derjenigen Filmfans der diesem Ruf folgt. Auch in diesem Jahr hat er das Filmfestival besucht und war so freundlich uns die Erlaubnis für den Abdruck seine Blogtextes zu geben. Vielen Dank.

San Sebastián gehört neben Cannes, Venedig und Berlin zu den wichtigsten europäischen Festivals. Für mich ist und bleibt es das schönste, auch wenn dieses Jahr der Wettbewerb eher schwach besetzt war (wie überall zu lesen war, zum Beispiel in der Süddeutschen). Doch ein Festival besteht nicht nur aus dem Wettbewerb; Donostia (so nennen die Basken ihre Stadt) überzeugt gerade in den Nebenreihen. Einen Überblick über das aktuellste spanische Kino liefert «Made in Spain», den Blick nach Lateinamerika richtet «Horizontes Latinos». Zabaltegi (Perlen) zeigt aktuelle Filme, die bereits auf anderen Festivals liefen. Und nicht zuletzt überzeugt San Sebastián auch durch die beiden perfekt komponierten Retros (dieses Jahr Don Siegel und unter dem Titel «.doc – New paths of non-fiction» den Dokumentarfilmen gewidmet). Dem Sparzwang geschuldet soll es in Zukunft wohl nur noch eine Retro geben. Das ist zwar schade, doch wenn schon auf eine der Reihen verzichtet werden muss, dann ist mir die Reduktion auf eine Retro immer noch lieber als der Ausfall einer der anderen aktuellen Sektionen.

Ich habe in 9 Tagen 49 Filme gesehen. 5-6 Filme pro Tag. Das hört sich nach viel an, ist aber – Disziplin, Durchhaltewillen und Organisation vorausgesetzt – durchaus machbar. 2 am Vormittag zwischen 9 und 13 Uhr, dann wieder 3-4 Filme zwischen 16 Uhr und 1 Uhr nachts. Keine Angst, ich werde jetzt hier nicht von allen Filmen berichten, ich wähle nur ein paar wenige aus. Im Laufe des Jahres gehe ich ja immer mal wieder auf weitere Filme ein, vor allem wenn es die Chance gibt, einen davon in Deutschland zu sehen. Die Stammleser hier kennen das ja.

Ich beginne mit dem Film, der mich mit am meisten beeindruckt hat. Ein argentinischer Film des jungen Regisseurs Diego Lerman aus der Reihe Horizontes Latinos: «La Mirada Invisible» (Der unsichtbare Blick). Wer die Jellinek-Verfilmung von Haneke, Die Pianistin, gesehen hat, mit Isabelle Huppert in der Titelrolle, wird die Parallelen dazu in der Protagonistin aus «La Mirada Invisible» erkennen. Grandios gespielt von Julieta Zylberberg. Der Film spielt zum Ende der Argentinischen Militärdiktatur in einer Kaderschule in Buenos Aires. Mit militärischer Strenge werden die Schüler gedrillt. Das kleinste Vergehen gilt als subversives Verhalten. Doch es geht auch um unterdrückte Sexualität. Und einen ungewöhnlichen Voyerismus auf der Schultoilette, den man so im Kino noch nicht gesehen hat. Unbedingt reingehen, wenn ihr die Chance habt, den Film in Deutschland zu sehen. Hier der Trailer:


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Dem uruguayischen Schauspieler & Regisseur Daniel Hendler, der auch in San Sebastian war und einen Film vorstellte (dazu später mehr), hat er übrigens auch gefallen. Siehe sein kurzes Statement zu «La Mirada Invisible» nach der Premiere. Wer spanisch kann, lese unbedingt auch das auf «Los Ojos Abiertos» veröffentlichte Interview von Roger Alan Koza mit dem Regisseur von La Mirada Invisible, Diego Lerman: «Pedagogía de los reprimidos».

Auf einem Festival stellt man ja auch immer auch gewisse Trends und Themen fest, die sich durch mehrere Streifen eines Jahrganges ziehen. Dieses Jahr war das auf internationaler Ebene ganz eindeutig das Themenpaar Liebe im Alter und Alzheimer. Beides war im Wettbewerb im gut gemachten katalanischen Beitrag «Bicicleta, cullera, poma» (Fahrrad, Löffel, Apfel) von Carlos Bosch vertreten. Der Film, den wir in Anwesenheit der betroffenen Personen in Donostia sahen, behandelt die heimtückische Krankheit Alzheimer nicht als Fiktion, sondern als Dokumentarfilm. Seit der Diagnose 2007 begleitet der Filmemacher den Ex-Bürgermeister von Barcelona und Ex-Präsident von Katalonien, Pasqual Maragall und schildert die Entwicklung des Patienten und seines direkten Umfeldes (Familie, Mitarbeiter), allen voran seiner Ehefrau. Die 3 Worte des Titels entstammen einem Test, dem Alzheimer-Patienten sich häufig unterziehen müssen. Um das Kurzeitgedächtnis zu testen, werden ihnen drei Worte genannt, an die sie sich später nochmal erinnern sollen. In diesem Fall Fahrrad, Löffel und Apfel. Wer sich – wie ich – während des Festivals nicht mehr an den Titel des Filmes erinnerte, musste sich nicht gleich Sorgen machen, Alzheimer zu haben. Auch das haben wir im Film gelernt, so etwas zu vergessen, ist ganz normal. Die Diagnose zeigt sich natürlich anhand ganz anderer Phänomene. Beeindruckend, dass es dem Regisseur und auch Maragall und seiner Frau gelang, den schmalen Grad zwischen Selbstdarstellung eines in der Öffentlichkeit stehenden Politikers und der Nähe zwischen Patient und interessierter Öffentlichkeit so zu durchwandern, dass der Film durchgehend berührt und informiert. Den Beifall – vor allem für Maragall und seine Frau nach dem Film zu erleben, war etwas Spezielles. Gänsehaut und Respekt für die zugelassenen Einblicke ins Private waren spürbar im Kursaal. Sehenswerter Film, auch wenn man den in Spanien sehr bekannten (und meist beliebten) Politiker, der die Olympischen Spiele nach Barcelona geholt hat, gar nicht kennt. Der Trailer:


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Des weiteren nenne ich jetzt nur noch mit kurzen Beschreibungen und Trailer, damit der Artikel nicht zu lang wird, die Filme, die ich gut fand und jederzeit zum Betrachten empfehle, sollten sie mal in eurer Nähe gezeigt werden. Den ersten können die Hamburger in dieser Woche noch sehen. Am kommenden Donnerstag um 19:45 Uhr läuft er im Rahmen des Filmfestes Hamburg im Abaton: Norberto Apenas Tarde (Norbertos Deadline).


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Weiterhin sehenswert:

Aita (Father, Spanien), sehr langsamer Film von José María de Orbe, aber mit beeindruckenden Bildern, und hoch interessanten Dialogen zwischen Vater und Sohn. Trailer.

Los colores de la montaña (The Colours of the Mountain, Kolumbien). Der Film von Carlos César Arbeláez zeigt die schwierige Situation der Bevölkerung Kolumbiens im Bürgerkrieg aus der Sicht der Kinder. Das Albino-Kind «Poca Luz» (Wenig Licht) vergisst man so schnell nicht, wenn man es gesehen hat. Das Drama, in dem sich die Menschen immer auf der Flucht vor Militär und Guerilla befinden, auch nicht:


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Home for Christmas, der norwegische Film von Bent Hamer zeigt in unprätentiösen Episoden, was Weihnachten auch sein kann: Trailer. «Home for Christmas» ist zurecht mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet worden.

Aus der Zabaltegi-Reihe hat mich vor allem Cirkus Columbia von Danis Tanovic sowohl interessiert als auch berührt. Der Film aus Bosnien-Herzegowina zeigt eindringlich, in welcher Situation und Zerreißprobe sich das Land kurz vor Ausbruch des Bosnienkrieges befand (Filmausschnitt). Parallelen zu dem, was ich bei meinem letztjährigen Sarajevo-Aufenthalt erfahren hatte, brachten mir den Film um so näher. Unabhängig von persönlicher Betroffenheit sehr sehenswert.

Wie gesagt, dies war jetzt nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesehenen. Naturgemäß hab ich auch viel Schlechtes gesehen. Aus dem japanischen Wettbewerbsbeitrag Genpin bin ich sogar ‚rausgegangen. Die eindringlichste Warnung möchte ich für die Schmonzette «Eat Pray Love» mit Julia Roberts und Javier Bardem aussprechen, was ich ja schon per Twitter von San Sebastián aus getan habe. Ein unverschämt blöder Film, dermaßen klischeebeladen (US-amerikanische Frau in der Krise fährt nach Indien, Bali und Italien), dass ich weiter nichts mehr dazu sagen will.

Das Festival war aber wieder einmal die Reise wert, neben den guten filmischen Entdeckungen vor allem wegen des zauberhaften Ambientes und dem Wiedersehen mit vielen Bekannten aus San Sebastián. Zum 16. Mal ein großer Erfolg. Nach so vielen Jahren kommt man sich schon ein bisschen so vor, als wenn man nach hause kommt. Die Menschen kennen einen, die Orte (Geschäfte, Kneipen, Restaurants, Natur) sind einem bestens vertraut und doch entdeckt man immer wieder etwas Neues. In und außerhalb der Säle Donostias. Schwimmen im Meer, Filme schauen im Dunkel der Kinos, leben in der Altstadt, dem Casco Viejo, all das gehört dazu.

Zum Abschluss noch ein kleines Video, das von dem lieben schweizer Freund Rolf aufgenommen wurde, mit dem ich seit über 10 Jahren gemeinsam das Festival besuche. Es zeigt eine kleine Abendstimmung zwischen zwei Filmen, an der Küstenpromenade San Sebastiáns im Dogma-Stil aus der Hand aufgenommen. Ihr seht die Brandung des Atlantik in der Dämmerung, im Hintergrund das erleuchtete Festivalpalais, den berühmten Kursaal, und ganz kurz auch mich, als ahnungs- und belanglos in die Kamera blickenden Festivalbesucher:


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