Eurozonen-Wirtschaft schwächelt – trotz Boom in Deutschland

(ddp direct) Eurozone wächst 2010 um 1,5 Prozent, Deutschland um 3,1 Prozent / Sparmaßnahmen der Regierungen werden wirtschaftliche Erholung voraussichtlich bremsen / Arbeitslosigkeit steigt in der Eurozone und fällt in Deutschland / Kluft zwischen Nord und Süd wächst
Dank des überraschend starken Aufschwungs im 2. Quartal 2010 konnte die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2010 von 0,8 auf 1,5 Prozent nach oben korrigiert werden. Allerdings wird das Wirtschaftswachstum in der Eurozone im weiteren Jahresverlauf nur noch eine geringe Dynamik aufweisen. Bereits 2011 wird das Wachstum auf 1,4 Prozent zurückgehen. Die Arbeitslosigkeit wird in der Eurozone voraussichtlich bis Mitte des Jahres 2011 weiter ansteigen – und dann einen Höchststand von über 16,3 Mio. Arbeitssuchenden erreichen. In Deutschland hingegen wird die Zahl der Arbeitslosen in den kommenden Jahren weiter kontinuierlich sinken: von 7,0 Prozent im Jahresdurchschnitt 2010 auf 6,9 im kommenden Jahr und 6,3 im Jahr 2014. Das sind Ergebnisse der aktuellen Ausgabe der „Ernst & Young Eurozone Forecast“ (EEF)1.
Deutschland treibt Wachstum in Eurozone an
Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft in den Ländern der Eurozone überraschend stark um 1 Prozent und zeigte damit den höchsten Zuwachs seit dem zweiten Quartal 2006. Dieses Wachstum war allerdings weitgehend von der sehr dynamischen Entwicklung in Deutschland angetrieben – die deutsche Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 2 Prozent.
Auffallend ist, dass Länder, deren Exportwirtschaft stark auf Deutschland ausgerichtet ist, insbesondere Österreich, die Niederlande und Belgien, ebenfalls überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten aufwiesen. Länder, bei denen die Ausfuhren nach Deutschland hingegen einen geringen Anteil an den gesamten Ausfuhren ausmachen – Spanien, Italien, Portugal und Frankreich – wiesen nur ein relativ schwaches Wachstum auf. Clemens Fuest, Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Ernst & Young, stellt fest: „Der Boom in Deutschland zog andere Länder mit. Profitieren konnten vor allem die Länder, die stark nach Deutschland exportieren – insofern hat die vielfach kritisierte Exportstärke Deutschlands durchaus positive Effekte auf europäische Nachbarländer, denn sie geht auch mit hoher Importnachfrage einher“.
Allerdings wird eine weiterhin stabile Konjunkturentwicklung in Deutschland kaum genügen, um den Gesamteffekt der negativen Faktoren auszugleichen, die aktuell auf die Eurozone einwirken – insbesondere das schwächere Wachstum der Weltwirtschaft und die Auswirkungen der europaweiten staatlichen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen. Auch die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe wirkt sich nach wie vor bremsend auf das Wirtschaftswachstum aus. Aus diesen Gründen wird das Wachstum in der Eurozone in der zweiten Hälfte des Jahres 2010 deutlich sinken und anschließend auf niedrigem Niveau verharren.
Besonders in Südeuropa werden sich Unternehmen wie auch Privathaushalte mit Ausgaben zurückhalten. Unternehmen werden Einstellungs- und Investitionsvorhaben weiter verschieben, und das Verbraucherverhalten wird weiterhin durch eine hohe Sparneigung gekennzeichnet sein. „Dem Aufschwung in verschiedenen Ländern Nordeuropas stehen schmerzhafte finanzielle Reformen in den südlichen Staaten der Eurozone gegenüber. Die Kluft zwischen den beiden Regionen wird sich daher zukünftig noch vergrößern“, erwartet Herbert Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung von Ernst & Young.
Exportwachstum schwächt sich ab
Die bisherige wirtschaftliche Erholung in der Eurozone war in erster Linie exportgetrieben – im ersten Halbjahr stiegen die Ausfuhren aus der Eurozone um geschätzt 15 Prozent. „Von dem starken Anstieg der Auslandsnachfrage profitierte vor allem der ehemalige Exportweltmeister Deutschland“, stellt Fuest fest. Im Gesamtjahr 2010 werden die Ausfuhren aus Deutschland voraussichtlich um 13,6 Prozent zunehmen – nach einem Rückgang um 14,3 Prozent im Jahr 2009. Das Exportwachstum wird allerdings bereits in der zweiten Hälfte dieses Jahres deutlich zurückgehen und im kommenden Jahr nur noch bei 5 Prozent liegen, so die Prognose. „In Deutschlands wichtigsten Exportmärkten – allen voran den Ländern der europäischen Union und den Vereinigten Staaten – zeichnet sich eine relativ schwache Konjunkturentwicklung ab. Einzig die Schwellenländer werden weiter dynamisch wachsen und eine immer größere Bedeutung für die deutsche Exportwirtschaft haben – deren Gewicht ist allerdings längst noch nicht so groß, dass sie die Schwäche der Industrieländer ausgleichen könnten“, stellt Fuest fest.
Daher sei auch für Deutschland eine deutliche Abschwächung des Wachstums zu erwarten, so Fuest. Nach einem Wachstum von 3,1 Prozent im Jahr 2010 werde die deutsche Wirtschaft 2011 voraussichtlich nur noch um 1,8 Prozent wachsen – in der gesamten Eurozone wird das Wachstum leicht auf 1,4 Prozent zurückgehen. „Ein Wachstum wie im zweiten Quartal werden wir vorerst weder in Deutschland noch in der Eurozone wieder sehen“, dämpft Fuest die Erwartungen. „Deutschland wird sich nicht dauerhaft von der Entwicklung in seinen wichtigsten Absatzmärkten abkoppeln können – wenn das Wachstum in diesen Ländern nachlässt, werden wir das auch in Deutschland zu spüren bekommen“.
Derzeit ist in Deutschland aber noch nichts von einer konjunkturellen Abkühlung zu spüren: „Die deutsche Wirtschaft ist derzeit so optimistisch und investitionsfreudig wie lange nicht mehr“, betont Müller. „Die Kapazitäten sind wieder deutlich besser ausgelastet, viele Unternehmen haben wieder volle Auftragsbücher – das ist nach den dramatischen Einbrüchen in den Krisenjahren Balsam für die Seelen der Unternehmer“. Er warnt allerdings ebenfalls vor Euphorie. „Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass der Aufholprozess nun weitgehend abgeschlossen ist und die Nachfrage nur noch moderat steigen wird“.
Anders als in Deutschland rechneten Unternehmen in weiten Teilen Europas trotz des guten zweiten Quartals kurz- bis mittelfristig nicht mit einer Erholung, weshalb geplante Investitionen und Neueinstellungen weiter zurückgestellt würden. Fuest hält es daher für denkbar, dass die Beschäftigung in der Eurozonen-Wirtschaft erst 2015 wieder so hoch sein wird wie vor der Rezession.
Sparhaushalte dämpfen Staatsnachfrage, stärken aber Vertrauen des privaten Sektors
Ein wichtiger Grund für das schwache Wachstum in Deutschlands Exportmärkten sind die Sparanstrengungen in den Industrieländern. In ihrem Bemühen, die zu hohe Staatsverschuldung abzubauen, lassen viele Staaten ihre Konjunkturprogramme auslaufen, kürzen weitere staatliche Ausgaben und erhöhen Steuern. „Überall steht die Konsolidierung der Staatsfinanzen ganz oben auf der Agenda. Das ist unvermeidlich und stärkt durchaus das Vertrauen des privaten Sektors. Kurzfristig wird dieser Vertrauenseffekt den Ausfall der Staatsnachfrage aber nicht ausgleichen können. Von staatlicher Seite sind derzeit also keine Impulse für die Nachfrage zu erwarten“, konstatiert Fuest.
Die „Eurozone Forecast“ prognostiziert, dass sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der Eurozone aufgrund dieser Maßnahmen im kommenden Jahr um 1 Prozent verringern wird. Im laufenden Jahr wird hingegen ein neutraler Effekt erwartet, 2009 lag der positive Einfluss staatlicher Unterstützungsmaßnahmen hingegen bei 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „In der ersten Hälfte des Jahres 2010 haben sich die staatlichen Sparmaßnahmen noch kaum bemerkbar gemacht. Sie werden erst in der zweiten Jahreshälfte und vor allem im nächsten Jahr in vollem Umfang spürbar sein. Wir stehen daher erst am Anfang eines schmerzhaften Prozesses. Ein so starkes Wachstum wie im 2. Quartal werden wir wohl für einige Zeit nicht mehr erreichen.”
1 Die Studie von Ernst & Young zur Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in der Eurozone, die vierteljährlich erscheint, basiert auf dem Prognosemodell der EZB und wird von dem renommierten britischen Wirtschaftsforschungsinstitut Oxford Economics erstellt. Die Studie liefert Hintergrundinformationen zu makroökonomischen Entwicklungen in der Eurozone insgesamt sowie in den 16 Einzelstaaten.

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