Fremde im eigenen Land

Ehrlich gesagt: die ganze Sache bereitet mir schon Kopfschmerzen. Und wenn das alles so weitergeht, wird der Tag kommen, an dem wir uns wie Fremde im eigenen Land fühlen. Wir alle! Und wie fremd wir uns fühlen werden, wird davon abhängen, wie stark unsere Kopfschmerzen sind. Für mich jedenfalls ist sowas krank.

Wie bitte?! Das haben Sie nicht verstanden. Was gibt es denn daran nicht zu verstehen, bitteschön? Das weiß doch wohl jeder, dass, wenn das alles so weitergeht, wir uns wie Fremde im eigenen Land fühlen werden. Das ist aber jetzt wirklich lang und ausführlich genug besprochen worden.
Okay, Sie haben Recht: man kann da gar nicht genug drüber reden. Und jetzt auch noch diese Meldung aus England, aus Gloucestershire … Ach, die haben Sie noch gar nicht mitgekriegt. Ja dann … – kein Wunder! Aber da kann man mal sehen, wie schnell so etwas gehen kann.
Ja klar, Sie müssen jetzt ja erst einmal die Nachricht bekommen. Sie wissen: die beiden größten deutschen Nachrichtenportale im Internet sind Spiegel Online und bild.de. Das Beste wird sein, ich präsentiere Ihnen beide Darstellungen – schon allein wegen der Ausgewogenheit. Ich will sie ja nicht beeinflussen.

„Migräne-Anfall
Engländerin erwacht mit französischem Akzent

Die Migräne schmerzte, lähmte ihre Glieder: In der Hoffnung auf Besserung ging eine Britin ins Bett – und sprach am nächsten Morgen französischen Akzent.“

Oder lieber so:

„Britin spricht nach Migräne mit französischem Akzent

Die Britin Kay Russell (49) scheint seit einer Migräne-Attacke mit einem französischen Akzent zu sprechen.
Wie die britische Lokalzeitung ,Gloucester Echo´ berichtet, wachte Kay Russell (49) nach einem Migräne-Anfall auf und sprach plötzlich mit einem französisch oder osteuropäisch klingendem Akzent. Russell fühle sich allein und isoliert. Zudem beschreibt sie Gedächtnisverlust und Konzentrationsschwierigkeiten als weitere Symptome.“

Sie haben es natürlich bemerkt: das erste Zitat stammt aus „Spiegel Online, das zweite aus bild.de. Ich hatte die beiden Artikelanfänge ja auch in dieser Reihenfolge angekündigt. Egal, jedenfalls ziemlich verrückte Sache, nicht wahr. Das müssen Sie sich mal angucken, ich meine: anhören – oder von mir aus beides. Hier.
“Hello! My name ist Kay Lawrence.“ Astreines Englisch. Dann aber ein Interview mit Kay Russel – mit diesem blöden französischen Akzent. Nun sind aber die beiden Damen personenidentisch; ich nehme an, weil Mrs. Russel den Mr. Lawrence geheiratet hatte. Liegt hier die tiefere Ursache für Kay´s beschissene Aussprache?
Wir wissen es nicht. Möglich ist aber alles; denn so eine Ehe kann einen oder, wie in diesem Fall: einer ganz schön Kopfschmerzen bereiten. Und das hat dann Folgen. Kay z.B. – zum Totlachen: wie sich das anhört! Ausschlaggebend sind jedenfalls die Migräne-Attacken.

Warum? Man weiß es nicht genau, glaubt aber, dass die Migräne ein paar kleine Teilchen im Sprachzentrum kaputt gemacht hat, und zack: schon ist es da: das Fremdsprachen-Akzent-Syndrom (FAS), engl.: foreign accent syndrome. Die Migräne wiederum könnte durch Depressionen ausgelöst sein, die wiederum ihre Ursachen bspw. in einer verkorksten Ehe haben könnten.
Könnten, könnten – alles reine Spekulation. Nichts ist bewiesen. Eine Ehe zum Beispiel ist an sich eine gute Sache. Die Lebenserwartung steigt signifikant – um drei Jahre! Bei Männern. Dagegen tritt FAS – also dieser Sprachfehler, der sich anhört wie hihihi – fast nur bei Frauen auf.
Und die müssen leiden. Unsere Kay z.B. wird gefragt, aus welchem Land sie komme. In England! Und die lieben Menschen aus Gloucestershire hegen den Verdacht, sie quatsche absichtlich mit diesem bestussten Akzent. Das ist hart für Kay Russell.

Und das kann wiederum zu Depressionen führen. Oder zu Aufregung, was sie gewiss auch vermeiden sollte. Aber sie kann diese Bösartigkeiten freilich nicht so einfach auf sich sitzen lassen. Sie will keine Fremde im eigenen Land sein. Und deshalb sagt sie klipp und (nun ja, halbwegs) klar: „Ich versuche nicht, mit Akzent zu reden – das ist eine Behinderung!“

C´est vrai, madame! Absolutement vrai. Putain de français!

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