Sinfonie der 1000: Das Drama einer Seele

In der Kraftzentrale den Überblick zu behalten ist kurz vor dem Beginn der Proben zu Mahlers 8. Sinfonie nicht einfach. Ein Stimmengewirr erfüllt die Halle, dabei sind im  Hintergrund erste Töne der Blechbläser zu hören während die Streicherabteilung sich nach und nach füllt. An diesem Freitag ist die Generalprobe von Mahlers “Sinfonie der 1000″ – unter der Leitung von Lorin Maazel. Von Mahler selbst stammt der Beiname für seine 8. Sinfonie, die vor 100 Jahre uraufgeführt wurde, allerdings nicht. Durchgesetzt hat er sich trotzdem, denn die Sinfonie selbst erfordert eine Riesenheer an Musikern  – mindestens 50 Streichern, 40 Bläsern, dazu kommen Celesta, Orgel, Harfe, Holzbläser… Dieses Aufgebot zu oganisieren und den Überblick zu behalten ist, so ahnt der Beobachter es in diesen Minuten, eine wahre Herkulesaufgabe. Lorin Maazel  selbst wirkt in der Pressekonferenz allerdings ruhig und abgeklärt. Aufmerksam hört er den Fragen  zu, auf dem Tisch vor sich die Partitur von Mahlers 8. Sinfonie liegend. Es ist ein Werk mit Visionen, sagt er,  das Klangbild einer besseren Welt die Mahler hier gezeichnet hat.

Diese bessere Welt bricht über den Hörer des ersten Satzes gleich zu Beginn herein, wenn mit einem kräftigem “Veni” der Geist Gottes beschworen wird. Strahlende Blechgläser zeichnen hier das Bild der Dominanz und Gegenwart Gottes, während der Chor und die Solisten sich in den nächsten Minuten bis zum Ende des Satzes an den überlieferten Pingsthymnus halten werden. Es ist ein erstaunliches und außergewöhnliches Klangerlebnis, das dem Konzertbesucher geboten wird. Machtvoll klingt der Ruf der Gemeinde nach dem Heiligen Geist, duch dem Erst die Schöpung möglich wurde. Und hie öffnet sich der Gegensatz zwischen beiden Teilen: Während der mit knapp 20 Minuten kurz gehalten ist, greift Mahler für den zweiten Teil auf einen Text zurück, dessen Aussage den ersten eigentlich eher negiert. Währen der Hymnen-Text im katholischen Glauben wurzelt ist Goethes Schluss des Dramas “Faust II” alles andere als christlich zu deuten – selbst wenn Figuren auftauchen, die aus dem Gemälde des Glaubens stammen.

Wer den ersten und zweiten Teil des “Faust” gelesen hat, wird tatsächlich von der kleinen Welt in die große und zurück geführt wie es im Vorspiel auf dem Theater angedeutet wird. Faust, der am Ende der Tragödie von seinen Helfershelfern verhöhnt wird, wird am Ende der Hölle entrissen. Die Begründung liefert Goethe gleich mit: “Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.” Was sicherlich zumindest den reformierten Gläubigen etwas sauer aufstoßen könnte… Streben nach dem Höheren gepaart mit der Unvernunft des Menschen ist nur ein Gleichnis, da es vergänglich ist. Zudem wird Faust vom “Ewig Weiblichem” hinan gezogen. Kurzum: Dramatischere Gegensätze lassen sich hier kaum vorstellen. Für diese Dramatik ist der Landschaftspark Nord mir dem Klanggehalt wie geschaffen.

Maazel dirigiert während der Probe gelassen und abgeklärt. “Als ich zum ersten Mal vor den über 1.300 Sängern und Musikern in der Kraftzentrale stand, wurde mir klar, dass das etwas Einzigartiges in meinem Leben ist, obwohl ich die Sinfonie Nr. 8 von Gustav Mahler bereits gut zehnmal dirigiert habe. Das Jubiläum der Uraufführung bietet eine tolle Gelegenheit, in Duisburg ein Meisterwerk zu feiern: Mahler hat die Vision einer besseren Welt vertont, wonach wir alle streben” würdigt Maazel die Gelegenheit.

Schlussendlich ist “alles Vergängliche nur ein Gleichnis”, so jedenfalls endet Goethes Drama und Faust, der irrende, erhebt sich in einem instrumentalem Höhenflug in den Himmel, das ewig Weibliche zieht ihn hinan. Drama, Kantate oder Oratorium – dieser zweite Teil ist nicht einfach zu fassen und es ist ratsam sich vor dem Anhören in den Text zu vertiefen – tut man dies abr so ist zumindest eines sehr klar: Packende, konsquenter und musikalisch vielseitiger ist ken anderes Werk der Klassik.

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