ISEARuhr2010: Von Schafen und Städten

Das breitgefächerte Programm der ISEARuhr2010 fand seinen Abschluss in Duisburg-Ruhrort. Unter dem Motto „Return of the Pilots“ wurde in Workshops über Urban Playgrounds nachgedacht, präsentierte Timothy Druckrey Fassbinders „Welt am Draht“ und gaben unter anderem Keynote-Speaker Harald Welzer und Fernando Garcia Dory gedankliche Anregungen.

„Es ist erstaunlich wie Leute die Ereignisse in ihrer Umgebung ingnorieren können,“ so Harald Welzer, der die als Diskussion gehaltene Keynote begann. Obwohl doch alle Anzeichen der Klimakatastrophe gegeben sind erscheinen Meldungen über sintflutartige Regenfälle oder Tornados in NRW höchstens als kuriose Tatsachen. In der Diskussion mit Marko Peljhan wurde generell die Frage erörtert wie man mit Krisen umgeht. Welzer beschrieb unser System als eines, das durch kleinste Irritationen aus der Bahn geworfen werden kann – der Vulkanausbruch in Island habe es vor kurzem gezeigt. Das System, das wir entwickelt hätten liefe in einer Art Autopiloten-Modus. Peljahn warf ein, dass Autopiloten keineswegs instabil seien sondern sehr stabile Systeme sind. Der Kapitalismus allerdings sei ein System, dessen Programmierung aus dem Ruder gelaufen sei. Unser System baue auf Resourcen auf – je mehr Resourcen, desto besser. Der bisherige Umgang unserer Gesellschaft mit Krisen sei ein Weg, der kurioserweise zurück auf die Herstellung des Status Quo hinauslaufe, so Welzer. Genau diese Wiederherstellung allerdings braucht ebenfalls Resourcen. Insofern ist das traditionelle Umgehen mit Krisen nicht unbedingt der beste Weg.

Wir verfallen, so Peljahn, dem Glauben dass Experten Piloten seien, die generell Auswege aus allen Krisen wüßten. Allerdings sind Experten auch nur Personen, die ihre Arbeit verrichten – Welzer verwies auf die Tatsache, dass die Klimaproblematik seit Jahrzehnten in den Köpfen der Menschen sei, Experten zwar Diskussionsrunden in aller Welt führen würden doch das eigentliche Problem sei nicht gelöst worden. Vielmehr sei durch die Lösung von Teilproblemen – Verlagerung des Transports von der Autobahn auf die Schiene etwa – neue Fragen aufgetreten. Krisenmanagement wie unsere Gesellschaft es bisher betriebe, so die beiden Keynote-Sprecher, sei nicht der Weg. Und noch eines, ergänzte Welzer: Zwar befähige unser System uns Freiräume für das Selber-Denken, aber anstatt dass wir es nutzen würden „werden wir eher gedacht“. Pejhan gab allerdings zu Bedenken, man könne dies zwar erkennen, sei aber immer noch Teil des alten Systems – und es sei schwierig das System selbst in kleinen Schritten zu verändern. Welzers Schlusswort auf die Frage aus dem Publikum wie man denn sich nun verhalten sollte, gab anschließend noch genügend Stoff zum Nachdenken: „Verlassen Sie die Comfortzone. Wir tendieren dazu in dieser für uns angenehmen Umgebung zu bleiben, gerade weil sie angenehm für uns ist.“ Nur durch das Verlassen der uns genehmen Umgebung könne man neue Lösungen entwickeln und aus den bisherigen Fehlern lernen.

In der zweiten späteren Keynote ging man wieder aufs eher traditionelle Format der Vorträge zurück. David d’Heilly erforscht Tokyo als Stadt. Eine Stadt die von der Wissenschaft etwas vernachlässigt wurde, die letzte größere Studie gab es 1992. Tokyo selbst erlitt 1868 ein großes Erdbeben, so dass große Teile der Stadt neu aufgebaut werden mussten. Daraus entwickelte sich ein Boom, der bis in die 60ger Jahre des letzten Jahrhunderts andauerte. Städte selber, so schickte d`Heilly seinen Ausführungen voraus, hätten zwei Seiten der Medaillen: Einerseits erlaubten ihre Möglichkeiten menschlichen Fortschritt – wer länger in der Stadt leben würde hätte mehr Zeit sich fortzubilden – andererseits können sie auch eine Bedrohung für das Land darstellen. Städte erweisen sich oft als Gebilde, die das Umland aussaugen würden – das Phänomen der Landflucht sei ein Beispiel dafür. Tokyo nun stehe heute auf einem Level, indem sich eher kleinere Gesellschaftsinseln innerhalb der Stadt entwickelt hätten. Inseln, die wie Galapagos vereinzelt stehen würden und ihre ganz eigenen Entwicklungen nehmen. Er wertet das als Stagnation innerhalb der Entwicklung Tokyos.

Auch Fernando Garcia Dory beschäftigt sich mit vereinzelten Gesellschaften – speziell mit denen der Schäfer. Diese haben ein Nachwuchsproblem, momentan gibt es nur noch 8 in den Pyrenäen. Grund dafür: Man kann nicht sechs Monate in den Bergen leben und seine Familie in der Stadt zurücklassen. Deswegen gründete Dory eine Shepherd-School. Die meisten Lernwilligen dort würden aber nach fünf Monaten erkennen, dass doch mehr zum Job gehört als nur die Liebe zur Romantik. Eine Romantik, die – so Dory – momentan eine Art Renaissance erlebt. Wie man schon im Barock gerne die Schäferidylle gesucht hätte würde man dies heute wieder tun. Dabei geht es Dory aber auch darum, die vereinzelten Gesellschaften der Schäfer weltweit zusammen zu bringen. So gründete man eine Gewerkschaft, veranstaltete Treffen zum Austausch. So unter anderem darüber wie hochfrequente Ultraschalltöne Wölfe von den Schafen fernhalten würden. Dabei werden auch Künste aktiv einbezogen. Aus den vereinzelten Inseln innerhalb der Welt wurde so ein zusammenhängender Kontinent, eine Gemeinschaft der Schäfer, die momentan mit den UN in Gesprächen ist.

Präsentationen aus den Workshops zeigten unter anderem Ergebnisse aus dem Bereich des „Urban Playgrounds“ – wie verhalten sich Menschen, wenn sie mit menschlichen Spielfiguren agieren? Dieses Konzept gekoppelt mit dem „verstecktem Theater“ erobert sich den öffentlichen Raum. Diesen in Szene zu setzen gelang am Abend die Lichtinstallation von Siegrun Appelt: „Reale Formulierungen“. Eine neue Erfahrung des Raumes einerseits durch die zahlreichen in den Fokus gerückten Bestandteile des Raumes Mühlenweide, andererseits durch die sehr starke Intensität des Scheinwerferlichts. Wer sich durch diesen Raum bewegte, konnte diesen neu erleben. Die Duisburger nutzten zahlreich die Gelegenheit diesen temporären Raum zu erleben. Ebenfalls großes Interesse rief die Aufführung von „Welt am Draht“ von Rainer Maria Fassbinder hervor. Der Film von 1973 ist Vorläufer für „Matrix“ oder „13th Floor“: Wie real ist die Wirklichkeit? Ist sie letztendlich nicht doch auch ein Konstrukt? Fragen, die das Programm der ISEARuhr2010 perfekt ergänzten.

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