Bahnbücherkisten oder warum Duisburg einen offenen Bücherschrank bräuchte

Offene Bücherstube in Bonn Bad Godesberg | Quelle: Wikipedia

Bildung für alle und zwar umsonst bietet derzeit die Deutsche Bahn. Zwar nicht unbedingt in Duisburg selbst – sieht man mal vom Halt des RE2 an unserem Bahnhof ab – sondern eher in Straßenbahnlinien anderer Städte aber immerhin: Die Bahn und die Stiftung Lesen installieren – mal wieder – sogenannte Bücherkisten. Bestückt mit frischer Lektüre, die die Reisenden halt von horrenden Gebühren, durchregnenden Dächern oder sonstigen klimabedingten Ausfällen ablenken soll, so böse Zungen. Titel des Ganzen: Tausch (d)ein Buch.

Diese Aktion ist nicht neu, ähnliches gab es auch schon vorher – so im RE9 mit, Überraschung, der Stadtbibliothek Mönchengladbach als Partner. Was aus dem Projekt an sich geworden ist? Jedenfalls kein deutschlandweites Projekt mit anderen Bibliotheken oder Büchereien wie man damals hoffte. Vereinzelt gab es damals in den Fachmailinglisten den ein oder anderen Hinweis, aber da eine Initiative hat sich da nicht entwickelt. Das war übrigens noch vor der Krise. Als man es sich leisten konnte die teilweise überflüssigen Geschenkbücher aus Haushaltsauflösungen – Simmel, Konsalik, Utta Danella oder den Michelin für Hamburg von 1998 – noch freudig in die Gegend zu zerstreuen.

Bücher in den Zeiten der Krise

Heute in den Zeiten der Krise haben viele Bibliotheken eher damit zu kämpfen, dass sie neue Bücher brauchen, sie aber nicht finanzieren können. Duisburg kann ein Lied davon singen – setzt aber mit der Aktion der Buchpaten ein vielfach schon ausprobiertes Konzept zur Erneuerung des Bestandes in Zeiten klammer Kassen ein. Neue Bücher werden direkt in der Buchhandlung gekauft und von dort aus an die Bibliothek gesandt. Übrigens: Da Plakate an sich keinen Longtail haben wäre es ja nett wenn man die Aktion auch mit Materialien im Web bewerben könnte, die man von der Seite herunterladen könnte – kleine Vorschaubilder oder eine Bannergraphik sind dafür nicht der richtige Weg. Vor allem: Darf man die so einfach einbetten in die Webseite?

Von einer nachhaltigen Aktion kann bei der Bahn nun nicht die Rede sein, dafür ist die Einsatzdauer der Bücherkisten in den Öffentlichen Verkehrsmitteln einfach zu kurz. Vom 02. bis 09. September 2010 läuft diese – gerade mal knapp eine Woche lang. Entpuppt sich damit mal wieder als das, was es eigentlich ist: Eine PR-Aktion bei der die Bahn und die Stiftung Lesen in den Schlagzeilen der Presse zu finden sind. Sicherlich, das ist einzuräumen, haben beide Partner für sich auch längerfristige Angebote im Portefeuille. Hier aber ist der Charakter der Aktion eindeutig. Vielleicht werden die Bücherkisten aber erneut von denen benutzt, die schon seit einiger Zeit sich das Ziel gesetzt haben aus der ganzen Welt eine Bibliothek zu machen. Bookcrosser. (Wobei offenbar weder die Stiftung Lesen noch die Bahn das Potential der deutschen Bookcrossing-Fans genutzt zu haben scheinen – im deutschen Forum wäre sie sonst erwähnt worden. Mag aber sein, dass ich sie übersehen habe.)

Niedrigschwellige Leseförderung

So hoch und hehr die Bahn-Buch-Aktion auch sein mag: Eine weitere Chance wird verschenkt. Nämlich die festzustellen wieviele von den freigelassenen Büchern denn nun wirklich am Ende der Aktion wieder in den Kisten landen. Oder ob neue dazukommen. Wer meint, dass abschließend keine da sein würden, der dürfte sich wohl irren. Zwar ist das keine wissenschaftlich fundierte Aussage. Erfahrungen im Bereich ähnlicher Aktionen zeigen aber, dass Menschen durchaus altruistisch handeln – und dass man sich nicht nur von Literatur trennt, die zweitklassig ist. Offene Bücherschränke zum Beispiel.

Als Künstlerprojekte begonnen sind offene Bücherschränke in etlichen Städten Deutschlands zu finden. Dabei sind sie kein Ersatz für eine Bibliothek – man kann weder Bücher vorbestellen, noch gezielt nach einem Titel suchen – sondern eine notwendige Ergänzung. Meistens liebevoll betreut gibt es sie in den unterschiedlichen Varianten. Reizvoll wäre es mal eine Tagestour durch Bonn zu unternehmen oder durch Hannover, dort befinden sich wohl die meisten Bücherschränke. Aber weit reisen muss man nicht einmal: Essen hat nämlich ebenfalls einen. Standort: Vor dem Grillo Theater. Die Stiftung Mercator sorgte hier für den Schrank, das Angebot wird rege angenommen.

Ein Bücherschrank für Duisburg ?

Wenn es um Bildung geht, dann springen Politiker meistens mit dem Satz auf den Lippen auf, dass man ja etwas tun muss. Was? Gute Frage. Meistens bleibt es dann bei kurzfristigen Aktionen ähnlich den Bücherkisten der Bahn: Von Dauer ist selten etwas. Vor allem ist das Argument häufig, dass man ja wollen würde, aber man sei ja auf den Hund gekommen und Geld wüchse nicht auf Bäumen. Dies mag in der Tat stimmen. Wie teuer allerdings mag ein Offener Bücherschrank sein? Vor allem: Wie dauerhaft wäre es im Vergleich zu den einmalig anfallenden Kosten?

Bücherschränke vermitteln einen anderen, spielerischen Umgang mit dem Thema Buch. Vor allem sind sie ein Beispiel dafür, dass es Systeme gibt die allen Widerständen zum Trotz irgendwie funktionieren. Sich selbst organisieren. Sie wollen kein Ersatz für Bibliotheken sein, aber vermehrt gibt es Bibliotheken – wie die Kölner Stadtbibliothek mit ihren Sommerlese-Aktionen in den Parks – die diesen niedrigschwelligen Leseförderungsansatz aufgreifen. Natürlich fragt sich ob die entnommenen Bücher gelesen werden. Das fragen sich traditionelle Bibliotheken allerdings auch und somit ist das nicht der Punkt. Der Punkt ist vielmehr, dass diese Bücherschränke eine durchaus vergnügliche Art sind das Lesen zu fördern. Sie bieten zudem auch denen einen Anlaufpunkt für die, die einerseits mit der Welt der Bücher sonst vielleicht nicht unbedingt in Kontakt kommen – in den Zeiten von schließenden Zweigstellen ist das gar nicht so unwahrscheinlich – und sie sind auch Anlaufpunkt für diejenigen, die sich gar nicht erst in eine Bibliothek trauen würden oder nicht reingelassen werden würden.

Bildung für alle und zwar umsonst

Utopisch? Ja, so könnte man das Ganze durchaus nennen. Sehr utopisch. Schließlich müsste man erstmal mit der Stadt über einen geeigneten Ort verhandeln, es müsste dann der Geldbetrag für den Bücherschrank zusammenkommen, generell müsste man vielleicht auch jemanden einsetzen, der ab und an mal nachschaut ob alles in Ordnung ist. Kosten halt. Duisburg hat momentan auch ganz andere Probleme wird man mutmaßen. Durchaus richtig. Andererseits: Was wäre der Mensch ohne Träume und Utopien? Vielleicht ist das, was in Essen möglich ist ja auch in Duisburg machbar? Vielleicht sollte man einfach mal machen. Einfach mal eine Kiste irgendwo hinstellen und schauen was passiert. Ich glaube, man wäre sehr überrascht über die Ergebnisse.

One thought on “Bahnbücherkisten oder warum Duisburg einen offenen Bücherschrank bräuchte

  1. Danke für die interessante Information. In Darmstadt gibt es etwas Ähnliches, manchmal sind recht brauchbare Bücher dabei (vgl. meinen Blog-Eintrag http://beltwild.blogspot.com/2007/08/am-02092007-gehen-in-der.html ).

    Während ich persönlich Bibliotheken liebe und sie insbesondere im Urlaub gern aufsuche, stehe ich der Verwendung öffentlicher Gelder für Buchkäufe, und überhaupt einer gewissermaßen kultischen Verehrung „des Lesens schlechthin und an sich“ nicht ganz unkritisch gegenüber.

    In meiner Jugend, wo man wenig Geld hatte, hätte ich die Tom Prox-Bände gegen Gebühr (Groschen nur, aber die waren so um 1960 noch etwas wert!) in der gewerblichen Leihbücherei ausleihen müssen. (Eine Stadtbibliothek gab es damals in Bielefeld natürlich auch schon, aber was interessant gewesen wäre – Karl May & Co z. B. – war entweder nicht vorhanden oder immer vergriffen.) Auch damals schon war allerdings mit den Bibliotheksbüchern kein großer Staat zu machen; wie heute überwucherten die Romanregale den Rest.

    Hauptsache, die Leute lesen was, und man kann anständige Zahlen vorweisen. Was gelesen wird, und ob die vorhandenen Sachbücher brauchbar oder Schrott sind: wen interessierts?

    Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass es Aufgabe der Steuerzahler ist, den Bürgern ihr Geld abzunehmen, um sie mit Landkarten, Audiotheken oder gar Artotheken zu beglücken. Das, und seichten Romanschrott, sollen sich die Leute sich gefälligst selbst kaufen – und in öffentlichen Bücherschränken recyceln! (Da es in Frankfurt derartiges m. W. nicht gibt, schleppe ich meine überflüssigen Bestände oft zu Oxfam.)