Tolkien und DerWesten

Zugegeben – man muss ja nicht alles gut finden was in diesem unserem Lande in diesen unseren Buchregalen so als Literatur verkauft wird. So finde ich es nicht ganz so toll dass in jeder größeren Buchhandlungen Nacherzählungen von Stephanie Meyers Vampirschnulzen-Serie im Dutzend zu finden sind und damit die bisher dort stehenden – eh schon schmalen – SF- und Fantasy-Buchreihen noch kleiner gemacht haben.

Wer unbedingt von starken wilden Männern im schottischen Hochland träumen möchte, deren Heldin sich sinnlich – ach nee, moment, das waren ja eher die Nackenbeißer. Aber schön, wenigstens liest die Zielgruppe halt fantastische Literatur. Der Westen dagegen, der den neuen – na ja, als das was man aus den Hinterlassenschaften von Tolkien so finden konnte und ich wette, wir werden die nächsten Jahr noch mit sogenannten neuen Tolkiens beglückt werden – der Westen also nun, nein, genauer, Herr Howahl hat sich nun der Legende von Sigurd und Gudrun angenommen. Und schafft es in der Einleitung gleich mal alle Tolkien-Fans zu vergraulen.

Auch wenn „Der Herr der Ringe“ heute getrost als ein Grundstein der Fantasy-Literatur gesehen wird, ganz so sprießend war die Fantasie seines Verfassers wohl nicht.

Natürlich nicht. Ein Autor, der ganze Sprachen erfindet, der jahrelang die Welt in sich konstruiert hat, der damit beschäftigt war ganze Generationenbäume zu erfinden – der hatte halt keine sprießende Fantasie. Nehmen wir mal „Die Briefe vom Weihnachtsmann“, „Roverrandom“ oder „Der Elbenstern“, der nichts mit dem HDR zu tun hat, mal aus – aber nein, Fantasie hatte Tolkien ja nun beileibe nicht. Wo kämen wir da hin wenn Wissenschaftler auf einmal Phantasie besäßen? Zu Stephen Hawking?

Richtig: Tolkien hat sich von Sagen und Epen anregen lassen. Auch von „Beowulf“. Und sicherlich hat er wohl auch Märchen in Betracht gezogen – allein, dass Tolkien nur – so lassen es die Zwischenzeilen ahnen – ein begnadeter Collageur alter Stoffe gewesen sei – das greift gerade dann nicht wenn man sich mal die Anhänge des HDR zu Gemüte führt oder wenigstens einen Blick ins „Silmarillion“ wirft. Aber schön, lassen wir das mal beiseite, es geht hier ja nicht um Mordor sondern um Siegfried – pardon – Sigurd.

Erstaunlich nur, dass vielen die Geschichten um Hobbit Frodo und Zauberer Gandalf vertrauter erscheinen als jene, die unserer eigenen, nordeuropäischen Mythologie entspringen.

Woran könnte das wohl liegen… Vielleicht weil eines gewisse dunkle Zeitepoche in unserer Geschichte diese Stoffe irgendwie für sich vereinnahmt hat? Ebenso wie gewisse führende Herren damals die Opern eines Richard Wagners? Die Heldensagen des Mittelalters könnten so durchaus für etliche Jahrzehnte halt etwas – nun – nicht opportun gewesen sein. Und auch heute noch lässt Deutschlands hehren Recken Siegfried so mancher gerne beiseite, weil der halt groß, blond und blauäugig gewesen sein könnte. Ob er das war wissen wir nicht. Sicherlich aber weiß man, dass Richard Wagner sich seinen eigenen Mythos für seine Opern zurechtzimmerte. Und nun mag Bayreuth ein Ort der Kultur sein – aber Wagner ist nun auch Geschmackssache. Wenn also nicht jeder gleich sich mit Siegfried und Co. identifizieren möchte könnte das Gründe haben. (Da gab es doch noch diesen Tom-Gerhard-Film, ich glaube, der hat auch noch so einigen Flurschaden angerichtet…)

Natürlich kann man aus dem Herrn der Ringe auch so ziemlich alles herausinterpretieren was man möchte – hehre leuchtende Elfen gegen tumbes dunkles Trollvolk, nun ja. Kann man tun. Dass Tolkien ein Epos für sein Land schaffen wollte welches den nordischen Heldenepen gleichkam, unbestritten. Ob der neue Tolkien nun eine Rehabilitierung des Stoffes ist, dies muss der Leser des Buches selbst beurteilen. Dass Richard Wagner dann im Buch vermutlich nicht erwähnt werden wird – nun, das ist einsichtig. Schließlich scheint es im neuen Tolkien um die Urquellen der Dichtung zu gehen. Für Wagner-Fans ist das Suchen nach Parallelen sicherlich interessant.

Übrigens: Es gibt keine Hobbitianer. Wenn man schon eine Fanbezeichnung sucht, dann wäre Tolkienianer besser geeignet. Für letzteren Begriff hat Google immerhin einige Treffer mehr.

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