Essay: “Wir sind Duisburg!”

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Foto: Meiners

 

Der Lehrer und Sozialdemokrat Bernhard Becker wohnt direkt am Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg-Neudorf. Gedanken eines direkten Anwohners und Intellektuellen. Ein Essay.

 

Wir sind Duisburg!

Die „Loveparade“ fand direkt vor unserer Haustür statt. Vorn auf der Wiese hämmerte 12 Stunden lang eines dieser erstaunlichen Lärmgeräte (natürlich ohne vorherige Ankündigung der Veranstalter), und wenn wir auf den Hinterhof blickten, konnten wir erleben, wie dort fortlaufend weltstädtisch große Tüten gedreht – oder schlicht rustikal vor die Wand gepinkelt wurde. Am Sonntagmorgen ließ sich der ganze Müll dann nur noch mit Laubsaugern entfernen. Außerdem haben sich hier bis heute weder Elstern und Krähen, allerdings auch keine Singvögel mehr blicken lassen. Soweit unser unmittelbarer Anteil als Anwohner zur „Kulturhauptstadt 2010“ – und auch der „Todestunnel“ von Neudorf nach Hochfeld, nach dem uns nun täglich ortsfremde Autofahrer fragen, liegt keine zehn Minuten entfernt.

Man muß allerdings nicht hier gewesen sein, um die soziologische Einsicht zu begreifen, daß es „den“ Menschen seit der Aufklärung in zweifacher Ausführung gibt – einmal als autonomes Individuum, zugleich aber als anonyme Population, deren Bewegungen der Statistiker meist bequem ausrechnen kann. In der ersten Rolle des kritischen Subjekts sieht er sich, so Hegel, gern als „Quell aller Tätigkeit, lebendiger und geistiger Selbstbewegung“. Darum fühlt er sich ab und zu von „Bullen“, Absperrzäunen o.ä. eingeengt – auch und gerade auf einer Loveparade, wo es um allseitige Entgrenzung und in Sensationszahlen meßbarer lustvoller Aufhebung der Vereinzelung in universalen Megabass gehen soll.

Gleichzeitig legt der Einzelne jedoch allergrößten Wert darauf, daß bei dieser Suche nach Einmaligkeit seine sämtlichen Bewegungen auch unter Drogeneinfluß sowohl von der Polizei als auch durch Experten aus Physik und Strömungstechnik zutreffend vorhergesehen wurden. Mit anderen Worten: die Aufgabe, die Diskrepanz zwischen Innen- und Außensicht vernünftig-notdürftig zu kitten, läßt sich bei genügend hohem Grad an Selbstverblendung bequem an die „Gesellschaft“ delegieren. Als Lehrer und Sozialdemokrat habe ich gelernt, daß das manchmal leider bitter nötig ist – auch wenn mein liberal-anarchistisches „Ich“ sich stets dagegen empören will. Klappt aber die hoch unwahrscheinliche Simulation einer Befreiung von allen natürlichen und sozialen Zwängen einmal wider Erwarten nicht und hat man, wie im Fall dieser Tragödie, dabei gar einander gegenseitig totgedrückt, müssen darum seit Kain und Abel Schuldige gefunden werden, die diesen tödlichen volunté general überhaupt erlaubt haben.

Soweit es sich dabei um Politiker handelt, geht das voll in Ordnung: sie werden schließlich als Entscheider gewählt, könnten also seit den Zeiten des Ödipus wissen, daß ihnen im Fall des Scheiterns nur die Rolle des Sündenbocks und motherfuckers bleibt: es ist normal, daß sie aus politischer – nicht strafrechtlicher! – Verantwortung dann besser ihren Hut nehmen. Und wer wie der unselige OB Adolf Sauerland sogar damit prahlte, seine Fehlentscheidung gebe der „Stadt Duisburg die Chance, sich als hervorragende Gastgeberin zu präsentieren“, sollte froh sein, daß heute nicht mehr spontane Gewalt, sondern bloß Presse und öffentliche Meinung die Rolle des kollektiven Mobbings übernommen haben. Das funktionale Äquivalent zur öffentlichen Hinrichtung ist jetzt die Debatte, wie viel Geld die Versorgung des unnützen Pensionärs den Steuerzahler wohl kosten wird – und hier kann man nur hoffen, daß das kalkulierte Aufschäumen öffentlich gemachter Erregung nicht weitere Tragödien nach sich zieht.

Nur – was hat das alles mit den Bewohnern dieser Stadt zu tun? Das einzige, was man ihnen wirklich vorwerfen könnte, ist: wer einmal diesen Tunnel an der Karl-Lehr-Straße mit Verstand durchschritten hat, hätte spüren können, daß nur ein Zyniker oder jemand, der Raver für Untermenschen hält, ihn als einzigen Zugang (vielleicht noch mit der Beschriftung techno macht frei) zur Loveparade empfehlen könnte. Doch offenbar kann man Gutachtenhonorare in fünfstelliger Höhe ja auch dann noch kassieren, wenn man gar nicht vor Ort war – und in dieser Angelegenheit hat niemand jemals die Bewohner von Duisburg-Hochfeld oder -Neudorf nach irgend etwas gefragt. Die Macher, die mit ihren zweifelhaften Segnungen die Provinz heimsuchen, leben zudem vom festen Glauben der Peripherie, es gebe irgendwo ein Zentrum, wo noch das „richtige Leben“ stattfindet und es die besseren Antworten gibt. Der Glaube, Zürich „sei eine tiefere Stadt“ als z.B. Wanne-Eickel, wußte schon Benn in seinem Gedicht „Reisen“, ist zu Droge einer Kultur geworden, die sich nur noch durch Abwertung des Alltäglichen definieren kann.

Und so mußte auch ich dann als Neudorfer Bürger (so das amtliche Schreiben an die Anwohner) tapfer „zeigen, daß die gesamte Metropole Ruhr zu Recht Kulturhauptstadt Europas 2010 ist“ – obwohl ich selbst nicht dazu neige, meine Gäste mit Polizeiketten am Bahnhof abzufangen, durch Bauzäune daran hindere, Getränke zu kaufen, die weniger als 2 Euro kosten und sie dann auf ein Gelände zumarschieren lasse, von dem ich weiß, daß es auch im günstigsten Fall niemals alle Besucher fassen könnte.

Leider war diese einmalige Chance zur Bewährung bei uns bereits von gewissen kleinbürgerlichen Kreisen versiebt worden: der SPD-Ortsverein Duisburg-Neudorf etwa empfahl der Ratsfraktion zur Beschlußfassung im Februar schlicht die Ablehnung dieser edlen Veranstaltung – ebenso wie die ortskundige Polizei und Feuerwehr. Hätte es jetzt nicht 21 Tote und 500 Verletzte gegeben, würde das vermutlich genüßlich als weiterer Beweis dafür zitiert, daß bei der Frage, was wünschenswerte Kultur sei oder nicht, bestimmte rückständige Milieus besser gar nicht gefragt werden. Und erst nach der Katastrophe meldete die WAZ als (ihr bis dahin angeblich völlig unbekannte) Sensation, die Teilnehmerzahlen ihrer bisherigen Jubelberichterstattung seien bloß frech kalkulierte Lügen des Veranstalters gewesen.

Nun sind wir also ein dummes verschuldetes Provinznest, das so ein popeliges „Event“ nicht mal ohne Tote hinkriegt, während selbst in Mekka alles klappt, wenn dort dank deutschem know-how von Millionen Pilgern der „Satan“ gesteinigt wird. Doch der technische Erfolg der Sozialingenieure verdeckt auch hier, daß – wie in der Religion das „Böse“ – „Provinz“ ja nur das imaginierte Gegenstück des schwindenden Glaubens an eine Mitte ist, die es längst nicht mehr gibt: das Geheimnis der „goldenen Mauer“ zwischen Regierten und Regierung, so Onno Quest in Harry Mulischs ‚Die Entdeckung des Himmels’, sei nämlich, daß es (jedenfalls in der Politik) überhaupt kein Geheimnis gibt: kein höheres Wissen, das nur den Besten bekannt wäre, waltet dort, sondern die gleiche Schäbigkeit wie überall. Die Fortschreibung dieses wohlgenährten Scheins erlaubt allerdings der dominierenden Minderheit, abgenudelte Rituale (oder Symbole wie den Daimler-Stern, der einst von Berlins „Europa-Center“ nach Essen entsorgt wurde) gewinnbringend in „Problemstädte“ des Ruhrgebiets zu exportieren, damit die endlich auch mal wissen, was angesagte Popkultur ist. Es beschäftigt zudem zahlreiche Akademiker, Event-Fachleute und andere, die sonst nirgendwo gebraucht werden – während etwa auf Zeche Zollverein ehemalige Bergleute, die für Geld Führungen machen, mit einer Kürzung ihrer Abfindung rechnen müssen. Kultur – belehrt uns Dürrenmatts ‚Romulus’ – ist zwar nichts, was man „retten“ könnte, aber ernährt zuverlässig die sterilen Eliten.

Von Moers oder Rheinhausen aus konnte man darum – wie Michael Ringel es jüngst in der taz in einem der zahllosen Beiträge über das „Besondere“ dieser Stadt vorführte – eine Zeitlang sogar glauben, daß in Duisburg „etwas los“ sei. Diesen Kinderglauben wird er offenbar dadurch am besten quitt, daß ihm ein privater Nachruf gewidmet wird, der immerhin erkennen läßt, daß dieser Nimbus z.B. beim Esch-Haus eine Zeitlang sogar zu Recht bestand. Nur verdankte sich eine solche Einrichtung ja gerade nicht CDU-Oberbürgermeistern oder abgehalfterten Größen aus der Hauptstadt, sondern eigener Provenienz und Hartnäckigkeit: hier, im „Asi-Kaff Duisburg“ – wie es nach dem Unglück im Internet hieß – wurde außerdem z.B. das erfolgreichste Selbstlernbuch für Gitarristen entworfen und es gibt sogar nachdenkliche MdBs wie Johannes Pflug, den man nicht gegen ein Dutzend Markus Söder eintauschen möchte.

Natürlich interessiert das weder Techno-Fans noch (völlig zurecht) die Angehörigen der Opfer. Doch aufgrund der zahlreichen Klischeebilder über „Duisburg“ ist sogar ein zugezogener Neubürger wie ich plötzlich zum Lokalpatrioten geworden, zum Verteidiger des angeblich „Provinziellen“ – und das nicht etwa, weil ich zufällig hier wohne, sondern weil es in einer globalisierten Welt diese angeblich bessere Sichtweise der Metropolen längst nicht mehr gibt. Das Reflexionsniveau der Peripherie ist nämlich in der Regel sogar höher als in ihren angeblichen Zentren: Wer etwa als Duisburger ein ordentliches Kaufhaus sucht, wo der Ehemann noch bequem sitzen kann, während die Frau die Bestände sichtet, muß nach Moers fahren – und das bislang beste italienische Essen habe ich einmal in Bremerhaven genossen.

Jetzt stehen wir also plötzlich für zwei Wochen im Focus: Zur Zeit wird mein Stadtteil ungewollt zum größten Wallfahrtsort Europas, wo neben einem Werbeplakat für noch schnelleren Internet-Zugang: „Nicht gleich, sondern sofort“ (tatsächlich wahr: hängt unmittelbar neben der verhängnisvollen Treppe) nun für alle erfahrbar wird, daß uns Sterblichen eine Aufhebung von Zeit- und anderen Beschränkungen wohl nur im Tod möglich ist. Und das alles mit Aufrufen, peinlichen Gedichten und mittlerweile mehr Kerzen als in Lourdes oder Kevelaer. Sogar der Investor, der das Grundstück der Pleitestadt vor der Nase weggekauft hatte, will hier demnächst eine Kapelle bauen lassen, um sein ungeliebtes Möbelzentrum doch noch ungestört aufs Gelände klotzen zu können. Im übrigen findet das Ganze ohnehin auf einem der größten Gräberfelder der Bronzezeit statt, das sich vom Kaiserberg bis zur Wedau erstreckt – die Exponate freilich befinden sich meist in Berlin: denn was sollte hier wohl ein Museum für Vorgeschichte?

Doch niemand hätte dafür extra hierhin fahren oder gar sterben müssen – auch nicht für den derzeitigen Kick, wieder einmal an wichtigen Topereignissen teilzuhaben: „Duisburg“ als Symbol für Tod und Vergänglichkeit jedenfalls wäre überall zu finden gewesen: „Selbst auf den Fifth Avenueen fällt Sie die Leere an“ heißt es bei Benn – und weiter: „Spät erst erfahren Sie sich: / bleiben und stille bewahren / das sich umgrenzende Ich.“ Identität – gerade da, wo sie stets zweifelhaft bleibt – scheint somit zwar allein durch zwanghaftes sich-unterscheiden-wollen möglich. Dennoch könnte man in Presse, Funk und Fernsehen vielleicht allmählich damit aufhören, die immer gleichen Phrasen von der armen gebeutelten grauen Stadt der Arbeitslosen, Türken und Schimanskis zu seichen, von der man sich dringend abgrenzen möchte und überhaupt niemals drin wohnen würde. Nicht nur, daß mit diesem Gratis-Mitleid verdeckt wird, daß die Verarmung von Städten mit hohem Hartz-4 Anteil ja kein Schicksal ist, sondern politisch gewollt: es erspart den Wohlhabenden eine Menge Geld – oder glaubt jemand, in den beschaulichen Dörfern und Kleinstädten unseres Landes ließen sich Wählerstimmen dafür gewinnen, daß in Dortmund oder Gelsenkirchen sich tatsächlich etwas ändert? Im Gegenteil: vor fünf Jahren wurde die Landtagswahl ja gerade mit dem Versprechen gewonnen, daß hier (außer schönen Worten) nichts zu erwarten sei.

So lange also nicht der erste mitleidige Entwicklungshelfer bei uns erscheint, den die Lektüre von ZEIT oder SPIEGEL in Blankenese oder Starnberg zu praktischem Handeln nötigte, erlaube ich mir, das ganze Gewäsch als „falsches Bewußtsein“ abzuhaken. Im Unterschied zur „Linken“ habe ich hier auch nur für die materiellen Interessen der Menschen (und nicht die Konsistenz einer hehren Ideologie) einzutreten, darum dazu nur so viel: Wir zahlen trotz Verschuldung bis heute brav für den „Aufbau Ost“ und wissen dabei zugleich, daß uns einige „draußen im Lande“, z.B. am Niederrhein oder im Münsterland am liebsten wie in dem Film „Die Klapperschlange“ mit einer dicken Mauer plus einem Deckel obendrauf versehen würden: denn wer – außer Zuhältern oder Rappern – braucht schon dringend Schulabbrecher aus Marxloh mit interessanten Familienkatastrophen- oder Migrationshintergrund?

Wir hätten einfach nicht mehr den Mut, hier genau hinzuschauen, schrieb mir ein Freund. Statt dessen erlebten wir „eine kollektive Reduktion auf die öffentliche Durchschnittsperson (Heideggers ‚man’)“ und könnten wohl dann nur noch in Kategorien denken, die zwar „passen“, dabei jedoch von jedem Kontext abstrahieren, d.h. „auf keinen Fall irgendwo den konkreten Kontext einer leibhaftigen Person berühren dürfen“. Und das gelte auch für die nachträgliche Stilisierung der Betroffenen: „Wenn so Schlimmes passiert ist, dann kann man da doch nichts in Frage stellen, was die Opfer betrifft.“ De mortuis nihil nisi bene – gewiß: aber über jene, die für einen Augenblick diese tödlich-erdrückende Menge waren und damit eine „Allheit“ bildeten, „die sie selber sind und über die sie nichts vermögen“, so Adorno, wird man sich ja wohl noch ein paar Gedanken machen dürfen, ohne heucheln zu müssen. Erst recht gilt das allerdings für jene, die sie so eifrig für eigene Zwecke zusammengetrieben und für dumm verkauft haben. Denn was bis 16 Uhr bloß eine zynisch und leichtfertig organisierte Massenveranstaltung war, wird nun nicht plötzlich zu etwas ganz anderem – gerade nicht durch den Tod einiger Teilnehmer.

Aus meiner privaten (d.h. zurückgebliebenen) Duisburger Sicht sahen die einfallenden Muskelhelden und Schönheiten dieser Parade darum eher wie verirrte Pilger nach dem Absoluten aus, die es in ihrer eigenen Welt nicht mehr aushielten, um bei uns auf ihrer Suche nach dem heiligen Gral die „Wunder und Weihen“ einer kühl-kalkuliert fingierten Attraktion zu finden. Die Mehrzahl der Besucher, so mein Eindruck, verhielt sich dabei im Wesentlichen so, wie Mutti es sie einst auf tollen Kindergeburtstagen gelehrt hatte – also voll narzißtisch & den Dreck für andere zurücklassend. Und wo wir uns sonst als Personen aufführen müssen, scheint es in der Seligkeit der Masse fast nur auf den Körper und die Unmittelbarkeit der Situation anzukommen: ein Karneval der Befreiung von sozialen Erwartungen. Das heißt aber auch, daß die sonst im Inklusionsbereich geltenden Reziprozitätserwartungen entfallen. Erst in der Katastrophe findet der Einzelne daher wieder zu seinen erlernten Rollen und hilft, wo er kann.

Wer um jeden Preis Attraktionen für Zehntausende produzieren will – so auch die Lehren von Rammstein – geht damit zugleich immer auch das Risiko ein, daß das hoch Unwahrscheinliche dann tatsächlich einmal eintritt: als Unglück. Und daß das alles dieser Stadt in monatelanger Propaganda von hippen Medien-Tuis angedreht wurde, hätte man tatsächlich vorher wissen können, liebe JournalistInnen: aber wahrscheinlich würde es der „Leser“, jene klug von euch erfundene Dumpfbacke, wieder mal gar nicht wissen wollen. Denn wer ohne eigenen Standpunkt bloß das schreibt, was „die Leute“ auch lesen, sieht bei einer reinen Beobachtung zweiter Ordnung „des Kaisers neue Kleider“ immer als erster und kann so zum Hofberichterstatter aufsteigen. Diese Großveranstaltung sei für das Revier unverzichtbar und überhaupt gebe es „keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren“, tönte Dieter Gorny noch im Januar in der WAZ, „als wenn man diese Chance verpaßte.“ Es ist schon ziemlich lange her, daß ein Moderator wie Alan Bangs seine Mitarbeit am „Rockpalast“ mit dem fast theologischen Argument beendete, zwischen „Traum“ und „Illusion“ gebe es einen himmelweiten Unterschied. Ich habe zwar keine Ahnung, ob die heute favorisierte Musik noch zu solchen Differenzierungen taugt. Doch für letzteres lassen sich durchaus empirische Veranstalter dingfest machen, die wissen könnten, was sie tun.

Das schwarze Loch der Katastrophe schluckt nun alles, auch die paar heiteren Erinnerungen: etwa, wie der Schönheitstanz einer exotischen Teilnehmerin abrupt zur Tarantella geriet, als eine Wespe herannahte – und natürlich bleibt für jeden, der am Straßenrand zuschaute, die bange Frage, wie es wohl jenen ergangen sein mag, an deren Gesichter man sich noch erinnern kann. Doch auch im „Normalfall“ hieß das Ganze für uns Einwohner vor allem: Hubschrauber vom frühen Morgen bis in die Nachtstunden & Belagerungszustand – mein Stiefsohn mußte, als er um 15 Uhr kurz vor dem Tunnel im Stau ein ungutes Gefühl bekam und umkehren wollte, erst zweimal seinen Ausweis vorzeigen, um hartnäckige Polizeikräfte daran zu hindern, ihn wieder zurückzuschicken. Gottlob hatte er dazu genug störrischen Eigensinn – und beim ersteren so viel „Soul“, auf die innere Stimme zu hören. Sein Bruder war derweil irgendwo zum Grillen: schließlich hatte er diesen Weg bis zum Abitur zweimal täglich zurückgelegt.

Ich vermute mal, daß es unter denen, die sich in der Gegend ein wenig auskannten, nicht sehr viele Opfer gab – und vielleicht ist es ja das, was uns jetzt alle Welt übel nimmt: daß nur derjenige, der wenigstens mit seinem eigenen Viertel etwas vertraut ist, vielleicht auch das Ganze besser beurteilen kann. Und natürlich hätten wir von allen Ratsmitgliedern erwartet, daß auch sie vor Entscheidungen nicht nur das Finanzielle nachprüfen. Wäre es hier – wie in Bayern über das Rauchen – zu einem Volksentscheid gekommen, hätte das vermutlich allen Vieles erspart. Das geschieht jedoch offenbar nur in den wenigen Fällen, wo es der Politik egal sein kann – oder sie selbst nicht mehr weiter weiß.

Wer allerdings wissen will, welch finsteren Reiz diese Unterführung früher einmal für Duisburg besaß, kann sich jetzt – genau wie wir – nur noch im Film „Solino“ ansehen, wie Moritz Bleibtreu sie minutenlang bekifft im Auto durchquert. Und im Unterschied zu unserem OB hatte hier auch niemand ernsthaft vor, diese Stadt in aller Welt berühmt zu machen: noch sind wir nicht so „fertich“, daß wir nun von Mitleid und Fremdenverkehr leben müßten – oder gar von der Illusion, „Metropole“ zu sein.

Solidarität dagegen hieße, angesichts dieser Ereignisse zu begreifen, daß wir letztlich alle Duisburger sind. Denn sicher gab es hier ein paar Dinge, die man hätte besser machen können, allerdings nicht nur unabsehbar vieles, das sich von niemandem jemals kalkulieren ließe, sondern auch so einiges, das gar nicht anders werden soll, weil es das gewohnte Zusammenspiel von Politik und Medien in Frage stellen würde.

Bernhard Becker

2 thoughts on “Essay: “Wir sind Duisburg!”

  1. Wahrhaftig: die Provinz ist keineswegs prinzipiell provinziell.

    Ohne dass ich unbedingt in allen Einzelheiten zustimmen würde (z. B. dominiert bei „Volksentscheiden“ häufig das kurzsichtige Eigeninteresse, und das ist nicht immer – wie es hier zweifellos gewesen wäre – mit weitsichtigeren Perspektiven vereinbar), kann und möchte ich zusammenfassend aber doch sagen, dass Ihr Essay eine hinreißende Brillanz ausstrahlt (und selbstverständlich werde ich ihn in meinen eigenen Blog-Einträgen zum Thema verlinken)!