Gastkommentar: Das mit dem Bauzaun

Aus den Kommentaren hier bei xtranews:

Der erkaufte Zwischenbericht von Jasper und Berstermann kommt zu dem Schluss:
„Nach dem derzeitigen Stand der Prüfung liegen uns keine Erkenntnisse dafür vor, dass Mitarbeiter der Stadt Duisburg ihre gesetzlichen Pflichten verletzt hätten und auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar verursacht hätten.“

Sicherheit ist nicht nur eine Frage von Vorschriften und Geld, sondern das jeder Beteiligte aktiv sich für Sicherheit einsetzt und bei jeder Entscheidung Sicherheit niemals wirtschaftlichen oder andern Interessen unterordnet. In Duisburg ist sehr viel missachtet und verletzt worden – vorsätzlich!

Bereits in den ersten Tagen habe ich eine Verstoß gesehen, der für Fachleute bzw. Menschen mit gesundem Menschenverstand klar gewesen sei sollte:
Die Auflage 4 der Nutzungsänderung des Güterbahnhofes war zu keiner Zeit erfüllt.

Die Stadt Duisburg hat sich mit diesem Gefälligkeitsgutachten keinen Gefallen getan.

62-34-WL-2010-0026 14.06.2010 Seite 4:

Für alle Einzäunungen der Veranstaltungsflächen, die Wellenbrecher sowie Umwehrungen an Absturz- bzw. Stolperkanten sind statische Nachweise zu führen. Diese Nachweise müssen von einem staatlich anerkannten Sachverständigen für die Prüfung der Standsicherheit geprüft werden. Die Bescheinigung über diese Prüfung ist vor der Erteilung der Genehmigung vorzulegen.

Kein Wort von der Seitentreppe

62-34-WL-2010-0026 21.07.2010
http://static.rp-online.de/layout/fotos/HBAOLPBF.pdf
Auflagen
4. Die Zaunanlage, welche das Veranstaltungsgelände umfasst, ist so auszuführen, dass sie einer Anprall-Last von mind. 2kN/m standhält.

Dies ist keine Anforderung, die durch einen normalen Bauzaun erfüllt werden kann.

Belastungsbeispiel – ein Bauzaunelement als Balkon (Standfläche):
Dies würde jeder vom Bau, aber auch Baugeräte oder Zaunverleiher sofort Antworten. Ein Bauzaunelement ist 3,50m breit – wenn man diesen waagerecht wie einen Balkon in eine Wand einspannt, dann entsprächen 2kN/m: 3,50m x 2 kN/m = 7kN/m was einer vertikalen Belastung durch einem Gewicht von 700kg entspricht. Die DIN 1055-100 fordert noch einen Sicherheitsfaktor von 1,5 – d.h. Das Bauzaunelement müsste eine Belastung von 1050 kg aushalten, dies entspricht einem PKW oder 15 Personen a 75 kg. Bauzäune sind aber nicht fest im Boden eingespannt, sondern stecken lediglich in Sokelfüßen, die so leicht sind, dass eine einzelne Person sie bequem tragen kann.

„62“ fordert zurecht einen statischen Nachweis von einem staatlich anerkannten Sachverständigen.

Die DIN 1055-3 gibt als Bemessungslast ebenfalls 2kN/m für Horizontale Nutzlasten infolge von Personen auf Brüstungen, Geländer und anderen Konstruktionen, die als Absperrung dienen (Zeile3 (Wegen Kategorie T3) Einleitung in 1m Höhe) vor. Kategorie T3 ist für öffentliche Gebäude mit Flächen für größeren Menschenmassen – z.B. Eingänge, Treppen, Terassen von Museen, Rathäusern…

Die Landes- und Bundespolizei sollte bei so einem Einsatz Beamte mit besodnerer Schulung im Einsatz haben. Scheinbar setzen die Innenminister nur noch auf Hubschrauber, Videoüberwachung, Nacktscanner, Biometrie…. :(((

Somit hätte jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand bei den wackeligen Bauzäunen argumentieren können, das diese nicht der normal üblichen Sicherheit im öffentlichen Raum entsprechen – d.h. einen Polizisten auffordern können, an dem Bauzaun zu wackeln und fragen, wie er handeln würde, wenn ein Geländer am Rathaus oder im Bahnhof so wackeln würde. Eigentlich müssten Beamte geschult sein Gefahr für Leib und Leben zu erkennen und auch mit niedrigem Dienstrang Verantwortlich handeln und notwendige Maßnahmen unverzüglich einleiten:
Absicherung auf Kosten des Veranstalters – wenn dies nicht nötig, Unterbrechung der Veranstaltung oder gar Abbruch. Bei Ruhestörung werden doch auch Veranstaltungen beendet.

„62“ schreibt von Wellenbrechern – für so eine Veranstaltung ist sicherlich die DIN EN 13200-3 maßgeblich:
Die DIN EN 13200-3:2005(D) Tabelle A1, Spalte H gibt bei „im rechten Winkel zur Zuschauerbewegung verlaufende Absperrungen für Gänge in Stehplatzbereichen“ eine Bemessungslast von 5,0 bis 2,0 KN/m vor. Die Tabelle A2: bei Horizontalem Abstand zwischen den Wellenbrechern von 5m und Neigung der Rampe von 5° eine Empfohlene horizontale Nutzlast von 5KN/m vor.

Da die Empfohlene Bemessungslast mit zunehmenden Wellenbrecherabstand und Neigung steigt – der Untergrund der Rampe zudem gepflastert wäre man als Planer mit einer Nutzlast von 5KN/m auf der sicheren Seite – es scheint daher nicht emfehlenswert auf den Freiraum dieser Norm nach 13200-3 – 4.2 gibt:

Wenn Werte für die geringsten und empfohlenden Belastungsgrade angegeben sind, ist die Übernahme dieser Werte durch eine dokumentierte Risikobewertung zu untermaueren […] auch zu nutzen.

Die 5kN/m pro Zaunelement entsprächen bei dem Bauzaun als Balkonbeispiel 5kN/m x 3,50 m = 17,5 kN bzw 1750 kg. Mit einem Sicherheitsfaktor 1,5 sogar 2625 kg.

Es gab auf der Rampe Zaunelemente z.B. vor dieser schmalen Diensttreppe, die senkrecht zur Bewegungsrichtung der Menschen standen.

D.h. für solche Fällen waren die Vorgaben von „62“ mit 2 kN/m um Faktor 2,5 zu klein.

Dennoch hätte ein Einhalten der Vorgabe mit 2kN/m ein Umkippen oder Knicken der Absperrung möglicherweise verhindert.

Was absolut fehlte waren Rettungsmöglichkeiten, Fluchtwege aus dem Gedränge – Zäune von 2m Höhe sind ein unverantwortbare Hürde für Sanitäter bzw. dem Abtransport von Menschen die Hilfe benötigen.

Mit der Auflage 4 62-34-WL-2010-0026 vom 21.07.2010 ist aber anders als die DIN 1055-3 keine einfache veränderliche Horizontale Last vorgegeben worden, sondern eine Anprall-Last. Dieser Lastfall gilt für den statischen Nachweis als dynamisch, als überwiegend nicht ruhende Belastung. Somit müsste der Hersteller der Schweißverbindungen der Zaunelemente nach DIN 18800-7 Herstellerqualifikation E – Großer Eignungsnachweis mit Erweiterung auf dynamischen Bereich besitzen, für Verbindungen Rohrknoten (Rundrohr an Rundrohr) für Schweißer/Bediener die Zusatzprüfung nach DIN 18808 gefordert.

Die Rohre der Bauzäune sind aber nicht ordentlich verschweißt, sondern an 2 bis 4 Punkten an einander gebraten. Die Schweißnähte erfüllen noch nicht einmal die einfachsten Anforderungen der DIN 18800-1 – z.B. Form, Qualität oder auch Länge von mindestens 30 mm.

Ich bezweifle, das es einen staatlich anerkannten Sachverständigen gab, der durch statische Berechnung und Prüfung der Aufbauten vor Ort, bescheinigt hat, das die Auflage 4 der Zaunanlage (und sonstige darüber hinaus geltende statische Anforderungen) erfüllt worden sind. „62“ musste wissen, das ein einfacher Bauzaun diese Auflage nicht erfüllt.

Auch die Mitarbeiter, die die Bauaufsicht am Vorabend mit der Bauabnahme beauftragte müssten diese Fachkenntnis besitzen.

AktNr: 425/41271-10/mdt01_3/at Heuking Kühn Lüer Wojtek 03.08.2010 S.29
„Die Mitarbeiter der Bauaufsicht nahmen führten in mehreren Ortsterminen die Bauabnahme durch, zuletzt am 23.07.2010 bis nach 23 Uhr.“

D.h. Um 23Uhr gab es noch keine vollständige Bauabnahme, die dem Veranstalter die Nutzung des Geländes erlaubt.
Um Jahr 2000 herum gab es beim Genehmigungsverfahren eine Änderung, die Verantwortung z.B. zur statischen Prüfung von der Behörde zu einem staatlich anerkannten Sachverständigen verlagert. Mehrere Termine bis kurz vor der Veranstaltung bis sehr spät in die Nacht dürfte nicht üblich sein und auch nicht zu einem ordentlichen, sauber geprüfter Genehmigung beitragen.

Meiner Ansicht nach wurde die Auflage 4 zur Nutzungsänderung wurde offensichtlich nicht erfüllt, sondern missachtet, nicht geprüft, oder gar falsch geprüft!
Welche Konsequenzen hat das? Meine Vermutungen u.a.:
Ohne Erfüllung der Auflage 4 hätte zu keiner Zeit (vom OB bzw. Stadt Duisburg) eine Veranstaltungsgenehmigung erteilt werden dürfen. (OB / Stadt Verantwortlich)

Eine Veranstaltungsgenehmigung entbindet den Veranstalter wohl nicht Pflicht der ständigen Erfüllung der Auflage 4. (Ständige Verantwortlichkeit des Veranstalters).
Trotz Veranstaltungsgenehmigung hätte er zu keiner Zeit die Veranstaltung beginnen dürfen.

Ich halte es sogar für möglich, das in Absprache die Nichterfüllung von Auflagen/Vorschriften begangen wurden, dies wären kriminelle Taten!

Hoffentlich werden nicht nur (kleine) Bauernopfer gefunden.

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