Dumm, dümmer, Duisburg: der „Dunning-Kruger-Effekt“

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Verdammt! Ich bin scheinbar doch nicht so spitze, wie ich immer denke. Scheinbar. Blöde Sache. Ich dachte nämlich immer, ich sei so in Sachen Sozialwissenschaften so einigermaßen auf dem Laufenden, also selbstverständlich auch in der Sozialpsychologie. Und was muss ich da gerade feststellen? Pustekuchen! Ich kannte bis gerade nicht einmal den DKE. Peinlich sowas. Das bleibt aber unter uns! Ich verlass mich auf Sie. Erzählen Sie es bitte nicht weiter! Falls doch, wird das Konsequenzen nach sich ziehen!!!

Die ganze Sache ist im Grunde schnell erzählt. Ich wollte mich hinsetzen und einen Artikel über die Duisburger Stadtspitze schreiben. Ach, habe ich mir gedacht, blättere doch sicherheitshalber erst noch einmal die Zeitungen durch! Vielleicht gibt es ja wieder etwas Neues. War doch die letzten Tage immer so. Und wenn Du Autor bist, dann musst Du – extremst wichtig! – immer auf dem neuesten Stand sein.
Und wenn Du Top-Autor bist, dann musst Du natürlich auch die Top-Zeitungen lesen. Versteht sich von selbst. Ich blättere also ganz relaxed die FTD durch, und wen sehe ich da? – Halten Sie sich fest: Stromberg! Nein, nicht die Duisburger Gerüstbaufirma. Seit 1904: Stromberg. Könnte man ja meinen – Financial Times, Wirtschaftszeitung, Gerüstbau. Schwamm drüber, kann passieren.
Nein, nein, die ganze Sache hat gar nichts mit Duisburg zu tun. Überhaupt kein bisschen. In der FTD abgebildet ist nämlich Bernd Stromberg, der ehemalige Ressortleiter der Abteilung Schadensregulierung M bis Z bei der Capitol Versicherung. Und die Capitol Versicherung hat ihren Hauptsitz gottweisswo, aber nicht in Duisburg. Des weiteren ist Duisburg auch nicht Finsdorf. Finsdorf ist nämlich ein Juwel in der Heide, Duisburg dagegen die Metropole an Rhein und Ruhr.

Bernd Stromberg jedenfalls, zu dieser Behauptung versteigt sich Nina Annika Klotz in ihrem Artikel „Zu dumm“, der heute (06.10.2010) in der FTD auf Seite 31 erschienen ist, allerdings (noch?) nicht online steht, leide an einer

Wahrnehmungsstörung. Es ist ein relativ häufiges psychologisches Phänomen, und seit elf Jahren hat es einen Namen: Dunning-Kruger-Effekt, kurz DKE. Die Theorie des DKE besagt, dass inkompetente Menschen zu inkompetent sind, um ihre eigene Inkompetenz zu erkennen – und deshalb sich selbst für kompetenter halten als andere.

Und ich wusste – wie gesagt – noch nicht einmal, was DKE überhaupt ist. Nochmal: erzählen Sie es bitte nicht weiter! Und was ich schon gar nicht wusste: wenn man diesen DKE im Körper hat, kann man mitunter auch ganz schön Pech haben. Hier, auch aus Frau Klotz sein Artikel:

„Entscheidungen, die unter dem Einfluss des DKE getroffen werden, können in der Zukunft sehr unglücklich machen“, warnt Dunning. Wohliger Optimismus und süßes Nichtwissen hin oder her – Selbstüberschätzung und Größenwahn sind Folgeerscheinungen des DKE und führen oft zu riskanten Fehlentscheidungen. „Es kann zum Beispiel sehr unglücklich machen, wenn man nicht weiß, dass man nicht wirklich gut darin ist, ein Flugzeug zu fliegen.“

Andererseits: wir haben ja in Duisburg gar keinen Flughafen. So what?! Aber das ist ja auch schwach. So ein Airport, finde ich, stünde uns als Metropole auch gar nicht schlecht zu Gesicht. Am besten mitten in der Stadt. Wir haben doch direkt da am Bahnhof so ein Gelände, bestimmt groß genug, längs geschnitten. Müsste passen. Wenn Du Chef bist, da musst Du auch Visionen haben. Alle großen Neuerungen wurden zu Beginn als Spinnerei verspottet. Nur nicht von Kleinmut bremsen lassen, Duisburg! Think big!

Manchmal fehlt uns Duisburgern einfach das nötige Selbstvertrauen, glaube ich. Selbstvertrauen – das A und O, wenn man mal ganz groß rauskommen will. Nochmal Nina Annika Klotz:

„Unwissenheit erzeugt viel häufiger Selbstvertrauen als Wissen“, stellte bereits Charles Darwin fest.

So sieht es doch aus! Und vor allem: davon haben wir hier doch genug, Duisburgs wichtigster Rohstoff. Guter Mann, dieser Charles Darwin! Wer war das noch mal? – Egal. Wahrscheinlich auch so einer, wie dieser Grieche, der als nächstes im FTD-Artikel wohlwollend zitiert wird:

Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Richtig, sehr geehrter Herr Sokrates! So Leute wie Sie können wir hier bei uns gebrauchen. Come to Duisburg! Sie wissen nichts, Herr Sokrates, Sie sind unser Mann! Machen Sie sich bloß keinen Kopf wegen all Eurer Schulden! Wir hier in Duisburg sind auch pleite. Kein Thema; trotzdem feiern wir hier Mega-Partys, bis dass die Schwarte kracht. Ist doch bestimmt etwas für Sie, Herr Sokrates!
Ihr Südländer macht ja alle gern Party – schon wegen Eurer ganzen Mentalität. Herzlich willkommen! Nein, wir haben hier kein bisschen was gegen Ausländer, keine Sorge. Jude sind Sie doch nicht, oder? Ich frage wegen Ihres komischen Namens. Was? Wie bitte? Ach was! Wäre selbstverständlich auch egal! Sicher.

So, Herr Sokrates! Jetzt mal nicht lange überlegen; das machen wir hier in Duisburg auch nicht. Kein Zögern und Zaudern. Hinterher enden Sie noch als Philosoph. Sorry, kleiner Scherz.
Ergreifen Sie Ihre Chance beim Schopfe! Hier bei uns können Sie richtig Etwas werden! Sie wissen ja nichts. Da steht Ihnen bei uns die Welt offen. Eine Führungsposition? Ja sicher, in der Verwaltung oder bei der Marketinggesellschaft, da werden in Kürze Posten frei. Kein Thema.
Ach, eine Frage noch, Herr Sokrates: woher wissen Sie das eigentlich? Ich meine: dass Sie nichts wissen? Donnerwetter, das ist ja wirklich phänomenal! Ach, und noch etwas, ist mir jetzt langsam peinlich, ist jetzt aber wirklich meine letzte Frage: mit diesem sog. „Dunning-Kruger-Effekt“ haben Sie sich bislang noch nicht beschäftigt, oder?
Nein, sehr gut! Wir nämlich auch nicht. Nicht einmal dieser Möchtegern-Schlaumeier von Jurga kennt den. Ja, ich weiß, blöde Frage, Sie wissen ja nichts. Klar, dass Sie den nicht kennen. Nein, nicht den Jurga – den sowieso nicht. Diesen komischen Effekt, wie heißt der nochmal? Ich sagte es doch gerade.

Okay, Sie können am 1. September anfangen, Herr Sokrates. Nein, den Diogenes können Sie nicht aus Athen mitbringen. Diesen Wichser können Sie doch in die Tonne kloppen. Wir dachten daran, Ihnen einen gewissen Herrn Stromberg zur Seite zu stellen. Klar kennen Sie den nicht; Sie wissen ja nichts. Stromberg – wie soll ich sagen? Ein fertiger Top-Mann, perfekt. Führungserfahrung, Visionen und alles Pipapo. Ich würde sagen, Ihr beide fangt mal mit dem Airport-Projekt an!

Werner Jurga

 

 

Wikipedia schreibt über den Dunning-Kruger-Effekt:

„Dunning und Kruger hatten in vorausgegangenen Studien bemerkt, dass etwa beim Erfassen von Texten, beim Schachspielen oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. An der Cornell University erforschten die beiden Wissenschaftler diesen Effekt in weiteren Experimenten und kamen 1999 zum Resultat, dass weniger kompetente Personen
– dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen,
– überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen,
– das Ausmaß ihrer Inkompetenz nicht zu erkennen vermögen,
– durch Bildung nicht nur ihre Kompetenz steigern, sondern auch lernen können, sich und andere besser einzuschätzen.“

Benjamin Maack schreibt im „Spiegel“ im Rahmen der Serie „eines tages“ am 19.01.2010 über die „Durchbrüche der Durchgeknallten“ (Was passiert, wenn drei Menschen, die sich für Jesus halten, in einem Raum sitzen?); am Rand erklärt er den Dunning-Kruger-Effekt:

„1999 fanden die Psychologen David Dunning und Justin Kruger anhand einer Reihe von Tests heraus, woran das liegt. Sie ließen eine Gruppe von Studenten Arbeitsblätter zu Themen wie Grammatik, Logik oder Humor ausfüllen. Am Ende des jeweiligen Tests musste jeder Student angeben, wie gut er im Vergleich zu den anderen Teilnehmern war. Mit erstaunlichem Ergebnis: Bei allen Fragebögen glaubte das schlechteste Viertel der Probanden von sich, weit über dem Durchschnitt zu liegen – selbst dann noch, als ihnen die Testbögen der besten Teilnehmer zur Ansicht gegeben wurden.“

13 thoughts on “Dumm, dümmer, Duisburg: der „Dunning-Kruger-Effekt“

    • Dr. Werner Jurga Sa, 07 Aug 2010 at 11:28:13 - Author

      Meister, ich bin unwürdig! Hatte gehofft, Deine Weisheiten hier auf xtranews in hinreichender Menge zu finden. Aber wie gesagt: Ich bin nicht so spitze, wie ich immer denke. Vielleicht ändert sich das, wenn ich häufiger „unkreativ.net“ anklicke. Mein Weg aus dem Dunning-Kruger-Effekt. Ich geh dann mal …

  1. DKE! Das erklärt so einiges. Und wenn dann noch Parkinsons Gesetz dazu kommt… Au weia! Ganz schlimme Sache, ich befürchte dagegen gibt es keine Medizin.

      • Nein nein, den Historiker und Publizist Cyril Northcore Parkinson gab es wirklich. Seine Theorie über die „Prinzipien der Begabtenauslese“ rundet wunderschön das DKE ab. Und weil diese ganzen Leute ja völlig „unschuldig“ sind, Konnte ja dann nur Murphy´s Law mal wieder zugeschlagen haben.

  2. Ich bin doof. Jetzt habe ich mich doch tatsächlich bei meinem Namen vertippt. Nein, ich heiße nicht Cora sondern Caro.
    Ist DKE ansteckend?

  3. @Caro,
    ist nicht so schlimm, wie man selber manchmal denkt.
    Bei nur 4 Buchstaben geht das doch sowieso als „Dreher“ durch.
    Ich finde Deinen Hinweis auf genau diesen Parkinson übrigens sehr gut und passend,
    zumal ich das Buch sogar hier hab.
    Was ich aber zum Thema DKE bemerken möchte, ist, daß es sich bei der angesprochenen Untersuchung, um Studenten handelte, die beim gemeinschaftlichen Test mit anderen Studenten schlecht abgeschnitten hatten. Wären sie mit weniger gut gebildeten Personen zusammen in einem Test gewesen, dann hätten sie ja vermutlich bei den Topleuten gehört. Da danke ich, daß sie dann nicht als DKE-befallen gegolten hätten, sondern wieder die, die schlechter abgeschnitten haben. Ich meine sogar, daß Studenten, die bei de genannten Untersuchung besonders gut waren, in einer Gruppe mit noch höher Begabten, genau dieses DKE-Syndrom entwickelt hätten.
    Der DKE scheint mir eine Schutzeinrichtung zu sein, die aber bewirkt, daß man grunsächlich, besserqualifizierte nicht als solche erkennen kann. Das scheint mir aber auch gut zu sein, denn dann wird keiner so schnell „mundtot“.

    • Dr. Werner Jurga Sa, 07 Aug 2010 at 19:52:34 - Author

      Ja ja, alles ist relativ. Donnerwetter, das ist ja wirklich phänomenal!
      Übrigens: Caro oder Cora. Ist bestimmt sowieso ein Künstlername.

  4. Beschreibung der Geschichte BRD zwischen Adolf Hitler und Adolf Sauerland:
    http://de.wikipedia.org/wiki/FAKKEL

    „FRIEDENSstiftung“ – eine einschneidende Notlage ist behoben worden, der soziale Wandel dorthin ist gründlich, schnell und realistisch gewesen, Experten und Laien sind Verbündete;
    „ALLTAGSbildung“, noch unterteilt in „Institutionalisierung“ und „Routinisierung“ – ein infolge dessen unnötig erscheinender und sehr langsamer neuer sozialer Wandel, aber die Expertenrolle etabliert sich mit zunehmendem Abstand von der Friedensstiftung abgesondert von den Laien, d. h. die Gesellschaft magisiert sich ,
    „KLASSENformation“ – das „Experten-Laien-Syndrom“ – radikalisiert sich, d. h. beide Subkulturen trennen sich voneinander, zunehmend verächtlich (Experten gegenüber Laien) bzw. misstrauisch (umgekehrt), so dass sich neuartige Katastrophenmöglichkeiten unbemerkt aufbauen;
    „KATASTROPHENeintritt“ – neuartige Katastrophen treten also unvermutet (rapide) ein;
    „ENDE aller Sicherheit“ – die soziale Entnetzung greift um sich, die Experten haben alles Vertrauen verloren, aufs Ganze werden die Laien notgedrungen zu kurzsichtig fortwurstelnden und anomischen ‚Katastrophenrealisten‘, das unterbindet weiteren gesamtgesellschaftlichen Wandel, seine Radikalität geht also zurück;
    „LIQUIDATION der Werte“, bei praktisch missachteten und nun in Vergessenheit geratenden alten Werthaltungen wird der verzweifelte Zustand stationär, Verlangsamung des Wandels. Die Gesellschaft geht in der Folge unter, teilt sich, schließt sich anderen Gesellschaften (Invasoren) an oder findet doch eine eigene ‚Lösung‘ (= neue „Friedensstiftung“)