„Alt bin ich selber!“

Am letzten Sonntag traf ich während meiner morgendlichen Runde mit meinen Hunden eine ältere Frau, die bereits um kurz vor 7 Uhr das Grab ihres verstorbenen Mannes besuchte und pflegte. Mein morgendlicher Spaziergang führt mich teilweise an diesem Friedhof vorbei. Wir gerieten ins Gespräch und ich danach ins Nachdenken.

Sie gehe jeden Morgen ans Grab ihres Mannes, erklärte sie mir. Er wäre jetzt 2 Jahre tot und wenn sie gestorben sei, würde sie neben ihm beerdigt werden. Das sei auch alles schon geregelt. Ihr einziges Kind lebt mit seiner Familie in USA. Kontakt gebe es nur brieflich, ab und an mal telefonisch. Die mir unbekannte Frau erzählte mir, das sie sonst niemanden mehr hätte. Die meissten Freunde, Verwandten und Bekannten seien auch bereits tot. Der tägliche Gang zum Grab ihres Mannes, und zu ihrem zukünftigen eigenen, ist der einzige Termin, den sie am Tage hat. Und es ist ihr wichtigster, fast einem Ritual gleich. Sie tat mir leid. Denn ich spürte, das es der alten Dame gut tat, mir ihre Geschichte zu erzählen. Mir, einem ihr bis dahin Wildfremden. Wir wünschten uns dann noch gegenseitig einen schönen Tag und jeder ging seines Weges.

Ich frage mich seitdem, wie viele “alte Damen” oder “alte Herren” es wohl in unserem Land gibt, die ausser Grabpflege ihrer jeweiligen Lebenspartner sonst nichts mehr haben. Ich schreibe über eine Generation, die in den 20-iger und 30-iger Jahre des vergangenen Jahrhundert geboren wurden. Deren gravierendstes Lebenserlebnis der zweite Weltkrieg mit all seinem Leid war. Die nach dem Krieg die Trümmer wegräumten, in die Hände spuckten und sich ihr Leben gestalteten. Die zumeisst sehr arbeitssam waren, immer bemüht ihren eigenen Kindern eine schönere Kindheit und Jugend zu gestalten, als sie es selbst erleben mussten.

Sie haben Familien gegründet, wurden später Großeltern und viele auch Urgroßeltern. Und doch sind viele von ihnen im Alter einsam und allein. Andere wiederum leben zufrieden im Kreis ihrer Kinder und Enkelkinder. Was aber hat sich in uns allen geändert, das wir es zulassen, das alte Menschen vereinsamen? Immer wieder liest man von toten alten Menschen, die fast rein zufällig in ihren Wohnungen gefunden wurden. Alt, einsam und allein, selbst in ihrer letzten Stunde. Niemand, keine Familie, keine Nachbarn oder Bekannte haben sie vermisst. So wie sie im Alter allein leben mussten, so starben sie auch einsam und allein.

Das muss uns berühren und beschäftigen. Denn alt zu werden, ist ein biologisches Naturgesetz, das uns nun mal alle gleich trifft. Und das Alleinsein liegt uns nun mal nicht im Blut. Das mag mal angenehm sein, aber auch nur dann, wenn man weiss, das man die Einsamkeit selbst wünscht und sich sicher ist, diesen Zustand auch selbst ändern zu können. Aber wenn ein Mensch die Einsamkeit nicht will und weiss, das er diesen Zustand selbst nicht ändern kann, ist dies frustrierend und traurig.

Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Zuviel Egoismus ist erwachsen und hat auch das Bild von Familien neu geprägt und verändert. Das mehrere Generationen unter einem Dach leben, ist eine Seltenheit geworden. Jede Generation lebt in erster Linie für sich und lebt sich damit weiter auseinander. Der Jugend-, und Schönheitswahn lässt eigene Aussichten auf das altern nicht zu. Die persönliche Kommunikation ist durch das Internet oftmals ersetzt worden. Aber gerade beim Medium Internet kommen die alten Menschen heutzutage kaum mit und sind demzufolge wieder ausgeschlossen. Und selbst, wenn sie es wollten, könnten sie es oft nicht, aufgrund von körperlichen Gebrechen und Sehstörungen. Es ersetzt einfach nicht das Gespräch von Mensch zu Mensch.

Viele alte Menschen geraten in die Isolation. Sie verlassen ihre Wohnungen nur noch zum notwendigen Einkaufen oder zum Gang zum Friedhof oder zur Kirche. Wir alle sehen sie täglich. Auf ihren Rollator gestützt, die Einkaufstaschen im Korb abgelegt, sind sie ein Bild, welches wir alle kennen. Niemand fragt sich weiter, wie es wohl dieser Frau, diesem Mann, eigentlich geht. Ob ihre Rente zum Leben reicht oder ob sie niemanden haben, der sie auf Einkäufen begleitet oder diese für sie erledigt. Alle gehen an sich vorbei. Die Gesellschaft hat zu sehr mit sich selber zu tun. Das Leben in unserer heutigen Zeit ist kompliziert, geprägt von wirtschaftlichen Problemen, deren Auswüchse ein jeder in seiner eigenen Geldbörse spüren kann. Da bleibt einfach nicht die Zeit, sich vermehrt Gedanken um andere Menschen zu machen.

Dies ist somit auch ein politisches Thema. Es reicht nicht darzustellen, wie viele Alten-und Pflegeheime es in Deutschland gibt ohne auch darauf hinzuweisen, das es aber auch noch viele tausend alleinstehende alte Menschen gibt, die in ihren eigenen Wohnungen leben. Die aufgrund ihres Alters multiple Gebrechen haben und manches einfach kräftemässig nicht mehr allein regeln können. Von allein werden diese Menschen nicht auf andere zugehen. Denn das hiesse eigene Schwäche zu zeigen. Und schwach war diese Generation nun mal nicht. Und Hilfe von aussen holte man sich einfach nicht. Das widersprach dem eigenen Anspruch und Selbstverständnis. Umso beschämender ist es, das zur jetzigen Zeit immer noch viele alte Menschen den Gang zum Sozialamt gehen müssen, weil ihre spärliche Rente nicht fürs Überleben reicht. Dies allein ist schon ein Skandal, wenn bedacht wird, was die heute über 70-jährigen an Wiederaufbauleistung für die nachfolgenden Generationen geleistet haben. Und oftmals ohne jemals dafür Anerkennung erhalten zu haben. Das diese Menschen nun gezwungen sind, in ihren Augen, den Staat anzubetteln, ist erbärmlich.

Was können wir, die Gesellschaft, die jüngeren Generationen und der Staat tun? Zuerst einmal das wieder-mehr-Hinsehen lernen, sich nicht scheuen auf alte Menschen zu zu gehen, ihnen nicht jede Motivation für Geselligkeit und Aktivitäten in toto absprechen, und sie vor allem nicht allein auf ihr Alter zu reduzieren. Gerade alte Menschen mögen den Kontakt zu jüngeren. “Alt bin ich selber..“, hört man oft aus ihrem Mund. Ich denke dabei oft an meine eigene rüstige 80-jährige Mutter, die mir manchmal erzählt, das sie beim Einkaufen eine alte Oma gesehen hat, die kaum noch laufen konnte. Wenn ich ihr dann sage, du bist doch selbst Oma und sogar mehrfache Ur-oma, lacht sie. Aber es zeigt mir auch, das sich viele alte Menschen noch lange nicht selbst als Oma oder Opa bezeichnen, weil sie nicht allein darauf reduziert werden wollen. Und es macht deutlich, das die alten Menschen am Leben teilhaben wollen, auch wenn dazu eine Gehilfe wie ein Rollator vonnöten ist.

Dieser Artikel soll ein Plädoyer an alle sein unsere alte Generation noch lange nicht aufs Altenteil zu schieben. Wir sollten alle vielmehr den Kontakt zu ihnen suchen, viel weniger grußlos an ihnen vorbei gehen. Ein simples “Guten Morgen“, —nicht unbedingt die moderne “Hallo“-Begrüßung—, kann für einen alten, alleinstehenden Menschen bereits ein Tageshighlight sein. Und wenn sich daraus anschliessend ein kleines Gespräch ergeben sollte, ist dies noch besser. Wir sollten vermehrt den Kontakt zu alten Menschen suchen und dies auch fördern. Neben unseren eigenen alltäglichen Problemen sollten wir nicht ausser Acht lassen, das die heutigen “Alten” durch ihre Lebensleistung unseren jetzigen Wohlstand mit erwirtschaftet und begründet haben. Deren Erfahrungen, auch kriegsbedingt, stellen immer noch einen wertvollen “Schatz” für die jüngeren Generationen dar. Jung und alt können und wollen sich vielfach ergänzen und austauschen. Dies ist begrüßenswert und sicher noch ausbaufähig. Denn die kommende “alte Generation” wächst bereits heran.

Ich hoffe, ich treffe die alte Dame noch mal wieder, bei meinen morgendlichen Spaziergängen!

2 thoughts on “„Alt bin ich selber!“

  1. Dr. Werner Jurga Mo, 02 Aug 2010 at 23:49:07 -

    Die kommende “alte Generation” wird, so wie es aussieht, noch einmal älter als die jetzige. Und – auch dies ist bestens bekannt – ein noch höherer Anteil der Menschen dieser, also unserer Generation, wird seien Lebensabend in geistiger Umnachtung verbringen. Demenzkrank.
    Gestern, also am Sonntag, Abend verschlug es mich in die Notaufnahme einer Klinik. Dort traf ich eine ältere Dame, die sich um ihren dementen Mann kümmerte. Er lebte zwar im Pflegeheim; sie verbringt dennoch den Größtteil des Tages mit ihm. Und weil er gestern – wieder einmal – gestürzt war, ging´s ab in die Notaufnahme.
    Das Personal dort hatte freilich auch mehr als genug zu tun. Es konnte der armen Frau nicht dabei helfen, dafür zu sorgen, dass ihr Mann auf der Liege liegen bleibt und nicht noch einmal stürzt. Demenzkranke Menschen sind nämlich sehr unruhig. In fremder Umgebung umso mehr.
    Ich verzichte darauf, den Bericht auszuwalzen, Es ist nicht schön, was es so zu sehen gibt … hinter den Kulissen der Gesellschaft.