Sauerland, Schaller – wer war schuld daran, dass solche Leute reden und machen durften?

Ausgestreckter_Zeigefinger

Es erfordere keinen „Mannesmut“, sagte Jürgen Thebrath gestern Abend in seinem Kommentar für die ARD-Tagesthemen, auf den Oberbürgermeister zu zeigen und seinen Rücktritt zu fordern. Das ist wohl wahr. Dies ist jetzt genauso risikolos, wie es letzte Woche gewesen wäre. Abgesehen für diejenigen, die bei der Duisburger Stadtverwaltung beschäftigt sind. Die würden freilich auch jetzt weder „Mannesmut“ noch Frauenpower, sondern einfach nur mangelnde Vorsicht, Übermut oder Abenteurertum an den Tag legen, also dem Beispiel ihres Noch-Dienstherrn folgen, würden Sie auf ihn zeigen und seinen Rücktritt fordern. Sie müssten mit ihrer sofortigen Entlassung rechnen.
Doch alle anderen – also wir, die wir keine städtischen Mitarbeiter sind – können und konnten auch schon immer unseren Finger gen Oberbürgermeister strecken und seinen Rücktritt fordern, ohne auch nur ein Fitzelchen „Mannesmut“ oder Frauenpower bemühen zu müssen. Schließlich leben wir in einem freien Land. Aber wer weiß das schon?! Das heißt: inzwischen, also nach dem 24. Juli, weiß man das. Deshalb zeigen ja auch (fast) alle auf den Oberbürgermeister und fordern seinen Rücktritt.
Allein der Umstand, dass dies weder „Mannesmut“ noch Frauenpower erfordert, bedeutet jedoch nicht, dass an dieser Forderung irgendetwas verkehrt sein müsse. Selbstverständlich hätte Adolf Sauerland längst seinen Hut nehmen müssen; selbstverständlich gilt nach wie vor: je früher er geht, desto besser! Also fordere auch ich dies nach wie vor, zumal ich dafür nicht einmal mehr „Mannesmut“ aufzubringen habe.

Was ich übrigens nicht fordere – dies nur nebenbei bemerkt – ist, dass Herrn Sauerland der Prozess gemacht wird oder gar, dass er inhaftiert wird. Es scheint, als sei ich vorgestern und gestern von dem ein oder anderen Leser diesbezüglich missverstanden worden. Ohne Sie an dieser Stelle mit meinen justizpolitischen Auffassungen belästigen wollen, lassen Sie es mich einfach nur klarstellen: ich habe dies in keinem dieser Texte gefordert. Und ich werde auch nicht fordern, Herrn Sauerland ins Gefängnis zu stecken. Unsinn.
Ich gehe halt – und damit scheine ich wohl eine Außenseiterposition zu vertreten – auf der Basis unseres jetzigen Wissens davon aus, dass Herrn Sauerland der Prozess gemacht werden wird. Und ich halte es keineswegs für ausgeschlossen, dass bereits zuvor Untersuchungshaft gegen ihn angeordnet werden könnte. Das bedeutet doch nicht, dass ich ihm dies wünsche! Ich wünsche dies niemandem. Sorry, ich wollte dies nur mal klargestellt haben.

Es führte ein wenig vom Thema weg, aber eben nicht so ganz. Es ist doch ziemlich merkwürdig, dass ich mit meiner Auffassung, dass Herr Sauerland mit einem Bein im Knast steht, ziemlich allein dazustehen scheine. Es ist ja nicht so, als stünde ich mit meinem Interesse am Thema allein. Was aus Sauerland wird, ist das Thema der Stadt. Es ist Thema weit über diese Stadt hinaus.
Die strafbaren Handlungen, die ihm vorgehalten werden, sind dabei ebenso allgemein bekannt wie die dafür vorliegenden Indizien, Unterlagen etc. In zentralen Punkten darf man Herrn Sauerland offenbar ungestraft der Lüge bezichtigen. „Mannesmut“ – Thebrath hat recht – wird nicht gebraucht. „Adolf Sauerland ist ein Ausgestoßener in seiner eigenen Stadt“, schreibt die „Zeit“.

Keine Frage: sollten die Vorwürfe, die ihm gemacht werden, zutreffen und sollte ihm dies nachgewiesen werden können, muss8 Adolf Sauerland mit einer Haftstrafe rechnen. Auch dies weiß eigentlich jeder, und doch ist anscheinend niemand bereit, an diesem Punkt weiter zu denken und die entsprechende Schlussfolgerung in Erwägung zu ziehen. Dies erinnert in eigenartiger Weise an die Situation vor dem 24. Juli.
Nicht jeder, aber doch jeder Interessierte wusste – oder hätte wissen können, dass bei der Planung der Loveparade etwas nicht stimmt. Alle Warnungen – etwa der Polizei, der Feuerwehr, des SPD-Fraktionsvorsitzenden – werdenin diesen Tagen von den Medien Punkt für Punkt aufgelistet. Dennoch waren nur ganz Wenige bereit, siehe oben: an diesem Punkt weiter zu denken und die entsprechende Schlussfolgerung in Erwägung zu ziehen. Nur ganz wenige haben die „programmierte Katastrophe“, wie es jetzt häufig genug heißt, kommen sehen.
Und noch weniger waren es, die bereit waren, laut „Stopp“ zu schreien. Und dies hatte eine ganze Menge an „Mannesmut“ und an Frauenpower gefordert, weil sie nämlich Beschäftigte des öffentlichen Dienstes waren (und teilweise noch sind). Abgestraft wurden sie alle. Auch dies hätte jeder politisch interessierte Duisburger wissen können. “Group Think”.

Innenminister Ralf Jäger hat gestern schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter der Loveparade erhoben. Sie mögen daraus ableiten, dass meine Prognose hinsichtlich Herrn Sauerlands Zukunft vielleicht doch etwas zu düster ausgefallen sei. Okay, da sehe ich keinen Sinnzusammenhang. Doch abgesehen davon gestatten Sie mir bitte den Hinweis, dass mir die Vorhalte gemacht wurden, Herrn Sauerland gern im Knast zu sehen, weit bevor Jägers Pressekonferenz begonnen hatte.
Wie auch immer: Ralf Jäger hatte in der Tat Herrn Schaller im Fokus seiner Darlegungen. Den Herrn Schaller von Lovapent, dem Loveparade-Veranstalter. Am Freitag oder Samstag – das weiß ich nicht mehr; denn es steht auch nicht online – bekam Herr Schaller in der Presse noch breiten Raum dafür eingeräumt, den Vorwurf, das Güterbahnhofsgelände sei doch viel zu klein für die erwarteten Menschenmassen, zurückzuweisen.
Dieser Vorwurf sei eben ein typisches Beispiel für das Nichtverstehen der Loveparade. Diese sei nämlich nicht so etwas wie ein Rockfestival, sondern ein „dynamisches System“. Ja, an diese Formulierung erinnere ich mich noch ganz genau. „Dynamisches System“ – super, was soll man da noch sagen?! Die Leute, so Schaller, raven mit rum, kommen und gehen. Alles total dynamisch. Immer im Fluss.

Erkennbarer Schwachsinn. Die Zeitung hat ihn gedruckt. Kein Mensch hat etwas dagegen gesagt. Zum Beispiel noch am gleichen Tag im Radio oder im Fernsehen. „Halt! Stopp!“ hätte jeder einigermaßen prominente Duisburger rufen können und wäre damit auf Sendung gekommen. „Halt! Stopp! Dieser Muckibuden-Heini hat nicht alle Tassen im Schrank. Der labert da etwas von einem dynamischen System. Dort auf diesem Güterbahnhofsgelände, das viel zu klein ist, könnten die Leute mit den Floats rum raven, kommen und gehen, und all so einen Stuss erzählt der. Der tickt nicht richtig, dieser McFit-Schaller. Das geht überhaupt gar nicht. Der spinnt total. Ihr müsst die ganze Sache abblasen!“
Hätte doch mal irgendein einigermaßen prominenter Duisburger, den man auf Sendung genommen hätte, der aber nicht bei der Stadt beschäftigt ist, sagen können. Es stand ja dick genug in der Zeitung. Sogar mit Bild. – Hat aber irgendwie keiner gemacht. Ob es am „Mannesmut“ gelegen hat?

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