Auf zur Trauerfeier: alles hat Konsequenzen!

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Alles, was beispielsweise Sauerland jetzt sage, hätte Konsequenzen, sagte Ekkehart Schäfer, der Vizepräsident der Rechtsanwaltskammer, der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist so, wie man das aus dem Kino kennt – es kann sozusagen gegen ihn verwendet werden." So zu lesen in der Financial Times Deutschland (FTD).
So etwas Ähnliches dürfte auch sein Strafverteidiger Herrn Sauerland gesagt haben, bevor er in dessen Kanzlei der Bildzeitung ein Interview gegeben hatte. „Ich habe nichts unterschrieben! Keine einzige Genehmigung!“ Na toll, und das war jetzt der große Befreiungsschlag?!
Die Bildzeitung hat es jedenfalls nicht daran gehindert, über sein grandioses Zitat, das die fette Schlagzeile bildet, und das alle Chancen hat, historisch zum geflügelten Wort zu werden, als Oberüberschrift zu setzen: „Der Oberbürgermeister will immer noch nicht zurücktreten.“ Eigentlich sollte man sich darüber nicht wundern.

Und die anderen Medien? Sie mögen es irgendwie nicht so sehr, dass er nur von ihm ausgewählten Journalisten bereit ist, Interviews zu geben (außer der Bild noch der WAZ), und dass für sie die Rathaustür zu ist. Sie waren ohnehin noch knatschig, weil sie am Sonntag zur Pressekonferenz eingeladen wurden, und sich die Äußerungen Sauerlands dann im Grunde darauf beschränkten darzulegen, dass er nichts weiß und schon gar nicht etwas mitzuteilen habe – wegen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.
Und was passiert, wenn sich die versammelte deutsche Presse auf den Arm genommen fühlt, können Sie sich gegenwärtig in einem Medium Ihrer Wahl zu Gemüte führen. Egal ob Fernsehen oder Radio, Zeitung oder Internet – überall diese „missverständlichen Äußerungen, die die Medien heute veröffentlicht haben“, so Sauerland heute in einer Rundmail an alle städtischen Mitarbeiter.
Und – das ist das Neueste – entschuldigen möchte er sich. Nein, nicht für die Katastrophe vom 24. Juli, nicht dafür, was die Angestellten seit Montag durchmachen wegen des unfassbaren Starrsinns ihres obersten Dienstherrn, sondern dafür, dass die „gegen mich geschürte Wut auch Sie massiv trifft.“ Adolf Sauerland – ein Mann dreht ab.

Kurioserweise sind es nicht allein „die“ Medien; auch seitens „der“ Politik nimmt der Druck auf Sauerland permanent zu. Von allen Seiten – und von allen heißt von allen, auch von einem Duisburger CDU-Politiker, der ungenannt bleiben möchte – ist zu hören, Sauerland habe noch eine „Schonfrist“ bis zum Gedenkgottesdienst am Samstag Morgen. Ab Montag entstünde dann eine neue Situation.
Nun gut, aber was passiert am Samstag? Diese Trauerfeier – auch schon wieder so ein Meisterstück. Ich will gar nicht fragen, wer hier „schuld“ ist. Als Antwort erhielte man vermutlich: die Kirchen, die nach anfänglichen wechselseitigen Schuldzuweisungen den Schwarzen Peter an die Politik weiterreichen. Dort wird vom Burgplatz aus nach Düsseldorf gezeigt, die NRW-Regierung zeigt weiter aufs Kanzleramt, dies wiederum auf das Bundespräsidialamt, das seinerseits wiederum die Sauerland-Expertentruppe bezichtigt. So könnte ich mir das jedenfalls vorstellen.
Dass die große – national wie international beachtete – Trauerveranstaltung ohne die Eltern einiger der zu Tode Gedrückten stattfinden muss, weil die gerade ihre Kinder unter die Erde bringen müssen, dürfte sich mit etwas gutem Willen noch den betroffenen Eltern selbst in die Schuhe schieben lassen.
Was vereinbaren die auch einfach einen Bestattungstermin für ihr Kind ohne geduldig abzuwarten, ob die Stadt Duisburg nicht noch etwas Schönes vorhat?! Mit solchen Kleinigkeiten, die ja nur das einfache Volk betreffen, werden auch unsere Verwaltungsfachkräfte vom Burgplatz locker fertig. Etwas vertrackter stellt sich da schon dar, dass wieder einmal so verdammt viele Menschen anrücken wollen.

Jetzt hat man schon die größte Kirche Duisburgs ausgewählt, um den Opfern einen würdigen Abschied zu bereiten – die Salvatorkirche. Die bietet etwa 600 Menschen Platz, was also locker ausreichen würde, kämen nur diejenigen, die es etwas angeht. Selbst wenn für ein Todesopfer nicht nur die Eltern, sondern auch noch zwei Paar Großeltern kämen, und von mir aus auch noch die Freundin oder der Freund und, wenn es unbedingt sein muss, auch noch davon die Eltern. Könnte alles locker reichen. So eine schöne Kirche, die Salvatorkirche. Mit Bundespräsident und Bundeskanzlerin und allem Pipapo – da würde sich manch einer die Finger nach lecken!
Der Platz reicht aber nicht. Weil nämlich auch noch alle möglichen Leute kommen wollen, die nichts oder zumindest fast nichts mit der ganzen traurigen Geschichte zu tun haben. Von zehntausend Menschen ist die Rede, es können aber auch Hunderttausend werden. Und das, obwohl das Erste Programm live überträgt.
Gut, dann schickt man die eben zum MSV-Stadion. Und, nur für den Fall, dass der Platz da auch nicht ausreichen sollte, stellt man eben noch ein paar Großleinwände auf den Vorplatz. Wer jetzt noch zerquetscht wird, offenbart aber wirklich „individuelle Schwächen“.
Wir Duisburger haben unsere Lektion aus dem 24. Juli gelernt. An der Wedau ist nun wirklich reichlich Platz; da kann echt nichts passieren. Was aber, wenn sich unter die aufrichtige Anteilnahme erweisen wollenden Menschen auch noch so ein paar Chaoten gemischt haben sollten, die gar nicht gedenken wollen, sondern eine Großdemo gegen Adolf Sauerland veranstalten wollen?
Was aber, wenn nur so eine gute Handvoll Unbelehrbarer – sagen wir mal: so fünf- bis zehntausend Leute – sich gar nicht zur MSV-Arena begeben wollen, sondern auf dem Burgplatz die Anwesenheit des Staatschefs, der Regierungschefinnen und der Fernsehanstalten nutzen wollen, um ihrer Forderung „Sauerland muss weg!“ effektiv Gehör zu verleihen?
Was aber, wenn auch von denen nochmal nur ein klitzekleiner Rest es nicht einsehen will, dass nur Menschen mit Eintrittskarte die Salvatorkirche betreten dürfen, andere jedoch nicht? Gewiss, es dürfte kein Problem für die Polizei sein, ein Kirchentor zu sichern. Dumm nur: ein paar Leute sollen ja auch in die Kirche rein.

„Schonfrist“ – schön und gut. Appelle an den noch amtierenden Oberbürgermeister bringen nichts. Wieder einmal bleibt nur Hoffen und Beten. Vorige Woche um die gleiche Zeit hat es nichts genutzt. Dieses Mal sieht es weit besser aus. Ich wüsste jedenfalls nicht, warum es Tote geben sollte.

3 thoughts on “Auf zur Trauerfeier: alles hat Konsequenzen!

  1. Am morgigen Samstag findet in der Duisburger Salvatorkirche die Trauerfeier für die 21 getöteten Loveparade-Besucher statt. Wegen des zu erwartenden großen Interesses wird der Gottesdienst ins Wedau-Stadion und auf Großbildleinwände übertragen.

    Es ist schon eine eigenartige Wortverbindung: Loveparade und Trauerfeier. Und dennoch wird diese neue Wortschöpfung Einzug in den deutschen Sprachgebrauch halten. Loveparade-Trauerfeier ist auch ein Synonym für die Beerdigung der seit Jahren erfolgreichen und friedlichen Loveparades in Berlin und im Ruhrgebiet. Was am Samstag als “Liebes-und Musikparade” begann, endete am Samstagabend in einer “Deathparade”, wie viele Kommentatoren schrieben. Und einen Tag später erklärte der Veranstalter dieses tragischen Events, Schaller, die Loveparade für gestorben.

    Nun folgt die Beerdigung und die Trauerfeier eines Events, welches über Jahre zig-tausende RaverInnen aus aller Welt anzog. Die nach Berlin, Essen, Dortmund und Duisburg anreisten, um dabei zu sein. Abzufeiern, zu tanzen, Musik zu hören, einfach Spaß zu haben fernab von alten Konventionen. Mittlerweile sind sie alle wieder abgereist. Dahin, von wo sie herkamen. Diesmal aber nehmen sie andere Gefühle, andere Eindrücke und Beklemmungen mit. Diesmal wissen sie: so etwas wird es nicht mehr geben.

    21 von ihnen sind für immer abgereist. Noch bevor sie ein letztes Mal tanzen und raven konnten, wurden sie im ungeordneten Andrang der tausenden Besucher zerquetscht. Und alles nur, weil eine Handvoll älterer Männer ein Sicherheitskonzept entworfen haben, was nicht sicher war. Und keiner dieser älteren Herren hat auch nur ein Wort des Bedauerns, eine Entschuldigung oder auch nur den Hauch eines mea Culpa bekundet.

    Ein Oberbürgermeister, der am Stuhle klebt, vermutlich aus Angst um seine Pensionsansprüche, ein Veranstalter Schaller, der die Einladung zu Maybritt Illners Talkrunde ausschlug, ein Stadtdezernent, der auch heute noch voll hinter seinem “Unsicherheitskonzept” steht, sind nun die tragischen Protagonisten eines wahrhaften Trauerspiels.

    Die Trauerfeier wird den 21 Toten gewidmet. Aber noch mehr ist gestorben: das Gefühl von Sicherheit, die Hoffnung auf einsichtige Mandatsträger, die politische Verantwortung übernehmen, ein gutes Stück Jugendkultur und eine vor 12 Jahren geborene Loveparade. Letztlich auch ein Teil der Stadt Duisburg und des Lebensgefühls im sonst oft coolen Ruhrgebiet. Wir werden lang daran knabbern!