Fritz Pleitgen wird wohl irgendwie irgendetwas gemeint haben

Pleitgen

Fritz Pleitgen

 

Lesen bildet. Zum Beispiel auch das Lesen von dpa-Meldungen. Wobei: da kommt es natürlich darauf an, was die Agentur so meldet. Zum Beispiel: irgend so eine Katastrophenmeldung bildet an und für sich noch nicht. Klar!
Wenn aber dann ein gebildeter Mann etwas zu dieser x-beliebigen Katastrophenmeldung sagt, dann, ja dann … bildet das schon ganz schön. Denn so ein gebildeter Mann, der sagt etwas Gebildetes, und dann denkt man darüber nach, und schon kann man sich einbilden, dass man das bei nächstbester Gelegenheit auch einmal zum Besten geben könnte, und dann …
Am besten, ich mache das einmal an einem Beispiel deutlich. Um 1:20 Uhr kam diese dpa-Meldung. An und für sich darf ich die hier so einfach gar nicht bringen. Aber machen wir einmal eine Ausnahme; ich schreibe ja etwas drumherum. Aber die Meldung dient auch schon so für sich – und an sich bestimmt auch – der Bildung.
Achtung! Hier, lesen Sie das mal:

Berlin (dpa) – Der Chef der Kulturhauptstadt «Ruhr.2010», Fritz Pleitgen, hat sich hinter die Organisatoren der Loveparade in Duisburg gestellt. Bei der Entscheidung von Oberbürgermeister Adolf Sauerland und den anderen Verantwortlichen werde Sicherheit höchste Priorität gehabt haben, sagte Pleitgen der «Frankfurter Rundschau». Aber offensichtlich sei nicht alles bedacht worden. Die Loveparade galt im Vorfeld als eine der wichtigsten und größten Veranstaltung zur «Ruhr.2010» im Kulturhauptstadtjahr. Inzwischen ist die Zahl der Todesopfer nach der Massenpanik auf 20 gestiegen.

Also: die beiden letzten Sätze sind hier nicht so wichtig. Die haben ja nur die dpa-Leute drumherum geschrieben. Ist also so noch nicht unbedingt Bildung. „Inzwischen ist die Zahl der Todesopfer nach der Massenpanik auf 20 gestiegen.“ Schön und gut, eine Information, mehr nicht, uninteressant.
„Die Loveparade galt im Vorfeld als eine der wichtigsten und größten Veranstaltung zur «Ruhr.2010» im Kulturhauptstadtjahr.“ Schon besser, mehr als eine Information. Ich würde sagen: Wissen. Verstehen Sie?! Das ist Wissen!
Das mit der Loveparade, und der Ruhr.2010 und dem Kulturhauptstadtjahr. So etwas ist Wissen. So eine Art Vorstufe zur echten Bildung. Andererseits: so etwas weiß man eben. So etwas weiß jeder: Loveparade, Ruhr.2010, Kulturhauptstadt – können Sie wahrscheinlich beim nächsten Event keinen Blumentopf gewinnen.

Wenn Sie richtig etwas reißen wollen, dann müssen Sie schon mit profunden politischen Einschätzungen kommen. Nachdenklich und so. Bildung eben. So wie Fritz Pleitgen. Ja! Machen Sie es so wie er!
Stellen Sie sich hinter die Organisatoren der Loveparade in Duisburg! Sagen Sie so etwas wie: Bei der Entscheidung von Oberbürgermeister Adolf Sauerland und den anderen Verantwortlichen werde Sicherheit höchste Priorität gehabt haben. Ja, muss ja wohl …
Fügen Sie dann ganz cool hinzu, dass „aber“ (!) – das „aber“ ist hier ganz wichtig! – offensichtlich nicht alles bedacht worden sei. Dieses Motiv können Sie ruhig ein wenig variieren – vielleicht sagen Sie, dass ja wohl jeder schon einmal etwas übersehen habe. Oder so, ist ja auch egal. Die Bewunderung der anderen gebildeten Partygäste dürfte Ihnen sicher sein. Schließlich wird der Fritz Pleitgen ja auch allerorten bewundert.

Wie bitte?! Was meinen Sie?! So einen Stuss könne man sich nur erlauben, wenn man schon ein wenig in die Jahre gekommen ist?
Okay, das kann auch sein. Gut, dann müssen Sie halt einfach ein wenig Geduld haben. Gut Ding will Weile haben. Von so einer Instant-Bildung halte ich sowieso nichts. Richtig gebildet zu sein, dauert eben so seine Zeit.
Aber es lohnt sich. Es ist bestimmt ein tolles Gefühl, wenn man so als halb-bekloppter Opa richtigen Schwachsinn von sich gibt und dafür noch eine dpa-Meldung bekommt. In der Szene erzählen sich dann so junge angehende Gebildete, dass Sie das ganz schön mitgenommen habe. Das mit den 20 Toten und so. Allein das schon habe Sie bestimmt mehr mitgenommen als … na ja …
Und dass die anderen Schwachsinn-Erzähler es bestimmt auch irgendwie ganz gut gemeint hatten und trotzdem jetzt so einen Tullus haben, das hat sie ja auch wirklich mitgenommen. Wie leicht hätte auch Ihnen so etwas passieren können?! Ein furchtbarer Gedanke.
Die jungen Leute, die auch einmal so werden wollen wie Sie, hören fasziniert zu. Wie gefährlich doch das Leben ist! Wenn das so ein alter Knacker wie Sie schon sagen muss! Gott sei Dank ist Ihnen ja nichts passiert. Die jungen Leute wissen Bescheid. Ganz genau Bescheid. Das hatten Sie ja sofort erzählt. Und auch danach immer wieder. Wie das mit den Verträgen so genau aussieht. Dass Ihnen keiner irgendetwas kann.

Ja, Pleitgen, Sie sind schon ein Vorbild …

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