Stillleben: the Day after the Volksaufmarsch

Party
Fröhliche Menschen feiern eine Party
Foto: Stefan Meiners

 

Eine Dame, schon etwas älter, aber noch nicht wirklich alt, war sich ziemlich sicher: „Auch wenn wir mal nicht mehr sind, werden die Jüngeren noch sehr, sehr lange davon erzählen.“ Mit dieser Prognose schaffte sie es in eine Hauptnachrichtensendung des deutschen Fernsehens, und der alte Fritz, der dies alles organisiert hatte, wusste auch schon, was diese Jüngeren dereinst einmal sagen werden. „Ich war dabei“ oder „wir waren dabei“ wird es dann heißen, wenn die Menschen an diesen schönen Sonntag im Sommer 2010 zurückdenken, an diesen 18. Juli 2010, an dem sie etwas bewerkstelligt hatten, was die neue nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin so toll fand, dass sie die Idee in die Debatte warf, so etwas Großartiges solle in nicht allzu ferner Zukunft unbedingt wiederholt werden.
Der „Event“ nannte sich „Still-Leben“ oder „die längste Tafel der Welt“ und bestand aus „Alltagskultur“ oder „Volkskultur“ und vor allem darin, dass 60 Kilometer Autobahn lahmgelegt wurden. Wer die Deutschen und ihr Verhältnis zum Individualverkehr kennt, kann ermessen, was sie sich angetan haben, als sie den Ruhrschnellweg völlig zweckfrei und ohne jeden vernünftigen Grund seiner eigentlichen Funktion entledigt, die „Lebensader“ des Ruhrgebiets zugestopft hatten, um einen Volksaufmarsch zu veranstalten, wie ihn die Welt tatsächlich noch nicht gesehen hatte.

Drei Millionen Menschen sollen sich gestern auf der A 40 herumgetrieben haben, womit die „Fanmeile“ in Berlin locker in den Schatten gestellt wurde, und womit auch der Karneval in Rio nicht im entferntesten mitkommen kann. Karneval in Rio – ausgelassene Menschen feiern eine fröhliche Party. Was soll man schon dagegen haben?!
Ich gebe zu: für mich wäre es nichts. Ich bin halt nicht so ein Party-Typ. Aber wenn sich Menschen freuen und feiern, wäre ich der Letzte, der daran etwas auszusetzen hätte. Ich gehe einfach nicht hin, und fertig ist die Lauge. Erstens.
Und wenn einmal etwas nicht so läuft wie gewohnt, wenn einfach einmal ganz andere Regeln gelten als gewohnt, wenn einfach einmal gesagt wird: „So, heute ist hier Party. Gestern kamst Du hier durch, morgen auch wieder, aber heute ist hier Hully Gully. Du kannst ja gern mitmachen. Oder auch nicht. Aber Du kommst hier nicht durch!“ Ja, was soll ich sagen?! Das ist doch ziemlich Spitze! „Heute ist hier Party“ finde ich klasse, auch wenn ich selbst nicht so ein Party-Typ bin. Ein Lob auf die Abwechslung! Tolle Sache! Zweitens.
Und drittens wache ich morgens nicht auf und frage mich, was ich heute wieder an den Deutschen rumzunörgeln haben könnte. Ich habe nämlich nichts gegen die Deutschen. Meine Kinder sind Deutsche, meine Frau ist eine Deutsche, und sogar viele meiner Freunde sind Deutsche. Da kann man mir nichts nachsagen! Und schon gar nicht, dass ich anti-deutsch eingestellt wäre. Ich bin eher schon pro-deutsch.

Und doch kommt man nicht – vorausgesetzt man hat noch alle Tassen im Schrank – umhin, sich an den Kopf zu fassen, wenn man sich von der gestrigen Aktion erzählen lässt. Und hier auf xtranews – klicken Sie einfach mal die Startseite an! – wird so einiges erzählt.
Zum Beispiel dieses: 20 Stunden Ruhrstillleben – wovon man später erzählt … Stefan Meiners hat folgendes gesehen:
“Auf der Mobilitätsspur gab es zwischendurch ein Problem, weil ein Erfrischungsstand die Hälfte der Fahrbahn blockierte. Wegen der unerwartet hohen Zahl an Radlern ein echtes Problem. Da sich ein Rückbau verbot und auch anderweitig keine Hilfe in Sicht war, …“

Tja, was jetzt?! Mobilitätsspur … – wie soll ich Ihnen das jetzt erklären?! Ich lasse es. Glauben Sie einfach mal dem Kollegen Stefan Meiners: hier gab es ein „echtes Problem“. Auch ich kenne das aus meinem Leben: kaum, dass man einmal so richtig Scheiße gemacht hat, schon gibt es ein echtes Problem! Wie oft hat man da schon verzweifelt gerufen: „Verdammt! Warum hilft mir denn keiner?!“ Doch gestern war alles anders. Bitte, Stefan, wie war das? In dieser Situation, als alle Hoffnung voll am Ende schien,
griffen die Mitarbeiter von “Edeka Thiel”, die den Stand betrieben, selbst zu: Trotz 30° und Mittagssonne standen die Mitarbeiter bereit, um den Radlern beim Umfahren des Hindernisses tatkräftig zu helfen. Hier dachte niemand an Profit, aber alle an ein gemeinsames Miteinander. Und ich bitte das als Beispiel für viele Situationen zu begreifen, die ich gesehen habe: Eine solche soziale Harmonie ist mir vermutlich noch nie in einer annähernd großen Gruppe untergekommen – und sie macht sprachlos, ein Stück weit auch stolz – weil es eben zeigt, wie wir sind, wenn es drauf ankommt.“

Ja, dann kann man auch stolz sein! Ein Stück weit zumindest. Stolz darauf, dass die Mitarbeiter von „Edeka Thiel“ – ganz ohne Profitabsichten – eine solche soziale Harmonie erzeugt haben in diesem gemeinsamen Miteinander. Einfach so, obwohl es ihnen gar nichts genützt hat. In der prallen Mittagssonne, wo wir alle einfach so mal da waren, obwohl es uns gar nichts genützt hat. Aber dieses Gemeinschaftsgefühl, diese Kameradschaft, toll!
Gucken Sie sich einfach nur mal die Fotos an! Schon mitten in der Nacht, in der Dunkelheit hat das THW, eine eigentlich für den Katastrophenschutz geschaffene, paramilitärische Organisation Holzbänke und –tische mitten auf die Autobahn gestellt. Da möchte man dann einfach nur noch dabei sein. Da möchte man einfach nur ein Stück weit stolz sein. Einfach nur stolz darauf sein, dabei zu sein. Einfach stolz sein, dabei zu sein, wenn staatlich organisiert die Autobahn nicht mehr funktioniert.
Um dann ganz cool zu sagen, dies sei ein Still-Leben. Mit drei Millionen Leuten. Gleichzeitig natürlich auch eine Riesen-Party, also so etwas Ähnliches wie der Karneval in Rio. Da gehen die Leute ja auch hin, um Spaß zu haben. Und jetzt sagen Sie nicht, die Leute auf der A 40 hätten keinen Spaß gehabt! Die hatten Spaß!
Sicher, dafür gab es an und für sich nicht den geringsten Grund. Dafür muss man schon dieses gewisse Feeling haben. If you can´t feel it, you will never understand. Dieses gemeinsame Miteinander. Dieses völlig zweckfreie gemeinsame Leiden in der Mittagssonne. Dieses Verstopfen der eigenen Lebensader. Dieses den Längsten der Welt haben wollen. Dieses von uniformierten Kräften abgesicherte revolutionäre Gehabe, an das sich noch in Jahrzehnten die Enkelkinder hoffentlich erinnern werden.

Entweder man hat dieses Feeling oder man hat es nicht. Ja sicher, kein anderes Volk auf dieser Welt käme auch nur ansatzweise auf die Idee, solch einen völlig bestussten Volksaufmarsch organisieren zu wollen. Sich derartig an der eigenen, zugegebenermaßen etwas lästigen eigenen Anwesenheit um ihrer selbst willen zu berauschen, das kann sonst niemand. Das können nur wir …  – “weil es eben zeigt, wie wir sind, wenn es drauf ankommt.“
Und das ist übrigens auch keine Party. Das ist eine ziemlich ernste Angelegenheit. Hat aber toll geklappt. Mehr davon. Am besten gleich nochmal. Sagt auch die Regierungschefin.

 

 

 

 

Udo Lindenberg: Sie brauchen keinen Führer (Textauszug)

…und viele sagen immer noch:
So schlimm ist das doch wirklich nicht
es ist doch hier weit und breit
kein neues Drittes Reich in Sicht

Nein, sie brauchen keinen Führer
nein, sie können’s jetzt auch alleine
nein, sie brauchen ihn nicht mehr
diese neuen Nazi-Schweine

und keine braune Uniform
die Klamotten sind jetzt bunt …

3 thoughts on “Stillleben: the Day after the Volksaufmarsch

  1. Lieber Werner,
    ich befürchte Du hast es nicht verstanden. Was vermutlich daran lag, dass Du nicht dabei warst. Übrigens ist Ruhr2010 privatwirtschaftlich organisiert, es war also nicht „staatlich verordnet“. Oder übersehe ich da was? 😉

    Und nächstes Mal, da kommste einfach mal mit. Gell?

  2. Wer sich mit dem Thema im Vorhinein etwas intensiver beschäftigt hat und vor allem, wer gestern dabei war, sollte eigentlich der Meinung sein, dass das eine tolle Sache war.

    Ich habe so viele verschiedene Menschen gesehen, die einen Querschnitt durch die Bevölkerung des Ruhrgebiets darstellten und in vielfältiger Weise darstellten, was das Ruhrgebiet ausmacht. Mit drei Millionen Menschen kamen dreimal so viele, wie erwartet. Im Ruhrgebiet leben 5 Millionen Menschen. Von der Akzeptanz her, war die Veranstaltung ein Erfolg. Sie zeigte, dass diese Region das Außergewöhnliche drauf hat. Die wichtigste Autobahn der Region wurde gesperrt ohne dass Chaos ausbricht. Eine enorme logistische Leistung wurde vollbracht. Und es gab eine vollkommen friedliche Veranstaltung, die allen, mit denen ich gesprochen habe gefallen hat. Und ich hätte nie gedacht, dass es so viele Fahrräder im Ruhrgebiet gibt. Es war ein besonderer Tag, den man als Erfolg werten kann und der die Identifikation der Menschen, die hier leben, mit Ihrer Heimatregion gesteigert hat.