Still-Leben: Nichts mehr wie sonst aber woanders auch nicht

Photo: Thomas Rhodenbücher | Xtranews-Pool

Diese Leere und diese Weite ist das erste was mir am heutigen Tag auffällt. Es ist als hätte die A40 sich nochmal doppelt so breit gemacht um ihre Wuchtigkeit und ihre Industrieschönheit zu präsentieren, damit auch alle, wirklich alle Besucher an diesem Tag sich diese Leere und Weite einprägen, sie in ihrem Herzen bewahren. Da ist es auf einmal: Das Gefühl der Freiheit. Und auch: Das innere Kind, das an diesem Tag endlich losgelassen werden darf um den Unfug zu treiben den es immer schon mal treiben wollte. Mitten auf der Autobahn zu stehen, die Arme auszubreiten und laut: „Boah ey!“ zu rufen. Traut man sich dann aber doch nicht, ist man doch zu zivilisiert zu. Blöde Erziehung.

Mitten auf der A40 also stehe ich da, gucke in die Sonne – scheiße, haste Sonnencreme vergessen fällt einem ein, das wird am Abend ja schön brennen und besser, wenn du dich im Schatten hältst. Aber egal: Die A40 aufsaugen. Mit Sinnen, Herz und Taten. Mit allen Sinnen erleben – blöder Werbespruch, passt aber in diesem Moment. Dabei ist es gar nicht so heiß wie man es erwartet hätte, nein, es ist nicht heiß – Wind ist da, der von vorne weht, einem mitten ins Gesicht und in sich bringt er Gerüche mit, die sonst hier nicht zu finden sind. Irgendwie riechts nach Sonntag im Schrebergarten, lecker Tortenbüffet auf dem wackeligem Campingtisch und Kaffekanne nebenbei, neueste Familienanekdoten brühwarm serviert weil man ja selber nicht mehr zu Hause wohnt. Wenn es einem zu viel wird kann man ja immer noch daran denken, dass man am Abend sich verdrücken kann, wenn das zu viel ist: Herzensseligkeit und Gemütswärme. Auf der A40 zu sitzen ist der beste Schrebergartenersatz den man sich denken kann. Sogar die Wespen haben sich kreuzbrav eingestellt um einen den Kuchen abzujagen. Jetzt aber schnell Deckel über die Limo! Hopp! Hopp!

Die A40 also, dieser Asphaltweg der Verlorenen, Aufsauger von Lebensstunden – irgendwo in diesem Boden sind sie eingesickert, die Flüche der Staufahrer, die Quengeleien der Kinder, im Tunnel erwarte ich fast die Echos der „Sind wir schon da?“-Fragen an mein Ohr tönen zu hören, es ist aber dann doch nur das Geräusch das Menschen machen die im Gespräch durch diesen Tunnel gehen. Durch diese Halbwertzeitwelt, ein Phantasietraumland, dass es nur heute gibt, gelbes Dämmerlicht auf neugierigen Gesichtern. Die Schallmauer nebenan ragt wie eine Burgmauer aus dem Mittelalter hervor, ja, auch sie ist schön. Schön in diesem Dämmerlicht, schön, weil sie von den Menschen wahrgenommen wird und schön, weil sie kurz nach dem Tunnel auch wieder in der Erde versinkt. Den Blick freigibt auf Radfahrer und Skater, die einen wollen vor, die anderen zurück und irgendwie knallt kaum einer zusammen. Wahrlich ein Wunder.

Wunderbar ist diese A40 auf einmal, davon werd ich noch meinen Kindern erzählen – falls ich welche haben sollte – oder zumindest den Neffen. Erwarte ich nicht auch transformiert zu werden zu einem Menschen des Jahres der Ölkrise? Autofreie Sonntage, nicht der Ökologie sondern der Ökonomie wegen, sparen des Treibstoffes. Damals: Nur selten Fahrradfahrer. Heute: Eine, zwei, drei Millionen Menschen. Stehen die Autobahn voll, gehen die Autobahn voll und fast ist die Weite und Leere des Anfangs verschwunden, ist weg, hat sich davongestohlen in den blauen Himmel mit ein paar Wolken. Komm zurück, rufe ich ihr entgegen, komm zurück!

Vergebens: Weg ist der Eindruck, selbst der Schrebergarten weicht allmählich der gepflegten Männerrunde, Kartoffelsalat, Bierchen aber kein Grill. Dann eingelegte Eier. Hargekochte Eier. Gurken, Käse, hier, in der Kühlung ist noch Platz, hau mal noch eine Palette rein, passt schon. Trink doch einen mit, stelle dich nicht so, du stehst – nein – du sitzt hier die ganze Zeit nur rum. Rheinland auf der A40, von irgendwoher plärrt ein brustschwaches Radio WDR4-Schlager in die Luft, nur weg, nur eilig nach vorne, was sollen mir Schlager, Scheinwelten schaffe ich mir selbst. Und mitgehen also, aber nicht stechend sondern schlendernd. Das „Entschuldigen Sie, ich bin Deutscher, ich trenne meinen Müll“-Gefühl ablegen zumindest für heute und auch das Leder vom Arsch bei der Nacht wegpacken. Das war mal. Jetzt ist jetzt. Heute ist hier. Ruhrgebiet. Wir-Gefühl.

Prima, ich wollte nie ein WIR-Mensch sein. Ich lasse mich auch nicht von der Bahn in irgendwelche eckigen Markierungen zwängen – okay, ich rauche auch nicht, da fällt das leichter. Nein, nein, nein, dieses WIR-Gefühl, dieses „Du bist…“ – nein, geh weg damit. Dieses gezwungene „Du musst doch auch mal.“ Nein. Muss ich nicht. Echt nicht. Aber heute, heute ist das anders. Weil ich endlich das Gefühl habe, dass das hier echt ist. Keine Sportdeppen-Hysterie. Keine auferlegte Karnevalsfreude. Das hier, das ist anders. Die A40 ist nicht mehr wie sonst. Sie ist ein Forum im wahrsten Sinne des Wortes, ist das geworden was Kirchen im Mittelalter noch waren: Ein offener Raum in dem Menschen sich begegnen, die sonst nur in Blechkisten eingesperrt sind. Das ist gut, sage ich zu mir, das ist klar, das ist wahr. Nicht dieses Schaumgestöhne des Herbert G. aus B., das geht unter, das versinkt, das wird an den Bäumen aufgehängt und dagelassen. Was bleibt ist diese Gefühl der wahren Freude.

Woanders ist es auch scheisse prangt es auf den T-Shirts, die mir entgegenkommen. Blödsinn. Woanders ist es halt anders. Wer käme denn auch auf die Idee einen Stau mit einem anderen vergleichen zu wollen, frage ich mich und lächle bei dem Gedanken, dass es bestimmt schon sowas gibt. Irgendwo auf der Strecke ist ja auch ein Stausimulator – die Theorie gleich in die Praxis umsetzen bei der Mobilitätsspur in Duisburg, das ist doch schon toll irgendwie.
Woanders ist halt woanders. Aber jetzt, heute, ist Hier. Nicht Fremd, nicht Angeeignet, nein, heute ist HIER. Und alle, die nach einer Wiederholung rufen werden sehen, dass es nur dieses eine HIER gab, jetzt, hier wo ich stehe – mitten auf der A40 auf dem Mittelstreifen, die Welt zu meinen Füßen und den Himmel über meinem Kopf.

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