Facebook-Hysterie: Brain10.exe einschalten, bitte!

Morgen erscheint der neue Focus. Und da bekanntlich Sommerloch ist – für die A40 kann man ja leider nicht mehr die Druckerpressen anhalten, aber bestimmt gibts bald dann so ein schönes Extra mit den besten Fotos der Welt – macht man auf Datenhysterie und Facebook. Genau. Facebook macht sich immer gut momentan, weil Facebook ja so ein Krakenpaul ist für Daten. Kaum meldet man sich an schluckt es alle Daten und generiert daraus für sich dann Profile um Werbung zu verkaufen. Facebook ist das neue Google ist das neue Microsoft ist das neue…

Datenschutz ist wichtig. Keine Frage. Datenschutz ist ein zentrales Anliegen unserer Gesellschaft. Keine Frage. Datenschutz wird auch immer wichtiger und wichtiger. Keine Frage. Nur: Warum diese Hysterie um Facebook? Warum gibts keine Hysterie um diese ePost- und DE-Mail-Datenfächer für seine elektronische Post? Ach, die wollen nur meine Handynummer, dann schicken die mir eine M-TAN und dan löschen die schnell wieder die Nummer… Ja, nee, is klar dat. Das manche Foren im Internet immer noch verlangen, dass man denen eine Ausweiskopie zuschickt weil man ansonsten nicht mitdiskutieren darf – Spam und Trolle und so – klar, das tun wir aber dann auch mal. Und bestimmt möchte auch jeder Blizzard-Forenkunde, dass er mit offiziellem Namen… Weil, so anonym ist doch auch doof im Online-Gaming. Ach, wollen die nicht? Na, dann haben die ja was zu verbergen. Genau. Das macht die schon mal verdächtig.

Natürlich haben wir alle etwas zu verbergen: Unsere Privatsphäre. Keine Frage. Ist wichtig, manche Dinge gehören halt nicht in die Öffentlichkeit – ABER DANN SCHREIBT MAN SIE AUCH NICHT INS ÖFFENTLICH ZUGÄNGLICHE INTERNET, ODER?

Sorry fürs Anbrüllen, aber gerade das ist es ja was mich immer so um den Verstand bringt wenn es um Facebook, Google oder die großen bösen Datensammler – und der Staat ist da mit Sicherheit nicht außen vor, schon mal geguckt was der alles wissen will von einem? – geht: Dinge, von denen ich nicht möchte dass sie im Internet stehen gehören da auch nicht hin. Egal wie gut oder schlecht die Privatsphären-Einstellungen von Facebook sind – mittlerweile nicht mehr so kompliziert wie früher übrigens – bei manchen Menschen scheint Brain10.exe einfach nicht zu funktionieren.

Klar, natürlich – Social Software lebt von Daten, vom Austausch, vom Miteinander, ansonsten wäre das Web2.0 ja auch nicht möglich. Und kein Mensch liest sich komplett die AGBs durch bevor er sich bei einem Dienst anmeldet – sollte er aber tun, sonst weiß er nämlich nicht wie er notfalls ein Konto wieder löschen kann – ist ja auch menschlich, dass man da eben scrollt, Kreuzchen, zack angemeldet. Nur: Ob ich in einer Beziehung bin oder nicht, welcher Religion ich angehöre, persönliche Photos meiner Familie – das alles wird man bei Facebook garantiert nicht in meinem Profil finden. Ebensowenig wie man meine Telefonnumer bei XING finden wird. Ebensowenig wie man private Bilder von mir selbst eingestellt im Netz finden wird – Kinderbilder bei FLICKR? Nie im Leben! Tweets direkt von der Hochzeit mit Twitpic? Hallo???

Irgendwas an Verstand muss ja dann doch noch hoffentlich im Hinterkopf sein wenn man Social Networks nutzt. Sie vermitteln leicht den Eindruck, man sei in einem engen Familienkreis und natürlich gibts dann auch Dinge, die man twittert wo man sich hinterher denkt – hmm, ob das klug war? Aber das eigentlich Problem ist doch die fehlende Medienkompetenz. Es gibt eigentlich genug Seiten im Netz, die einem genau erklären wie man sich im Chat oder bei Social Networks so verhält, dass man keine unliebsamen Erfahrungen macht. Es ist natürlich auch so, dass diese ganze Social Networking im Internet Sache noch ziemlich neu ist, da muss man noch Regeln für finden – manchmal. Und wenn wir als Gesellschaft nicht endlich mal akzeptieren, dass sowas wie Medienkompetenz vermittelt werden muss – von Lehrern, Bibliothekaren, etc. pp.  – dann haben wir schlicht und einfach versagt. Als Vorbilder. Denn von wem sollen es die Kinder denn nun lernen wenn nicht – ebend – von uns.

Daher: Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden. Höchste Zeit, dass wir neue Reifen dafür herstellen und dass wir uns Gedanken machen darüber wie man mit dem Thema umgeht. Und das kann nicht darauf hinauslaufen, dass man komplett offline geht oder Facebook und Co. dämonisiert. Sicherlich sind sie eine Gefahr für die Privatsphäre aber letztendlich bestimmt am Ende noch der Mensch selbst über das, was im Internet über ihn zu finden ist. Also hört bitte mit der Hysterie auf und benehmt euch mal endlich wie jemand, der Kant kennt…

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