Vaterlandsliebe leicht gemacht – ein Crash-Kurs

 

autokorso-duisburg-de-arg-4476

„Wir brauchen dringend einen Crashkurs! Einen Crashkurs in Sachen Vaterlandsliebe“, schrieb ich hier vor drei Tagen. Naheliegend: ich liebe Deutschland, Sie lieben Deutschland, wir können es halt nur noch nicht so richtig zeigen. Denn wir konnten es ja nicht lernen, und wir durften es ja auch nicht lernen. Das mit dem Nationalstolz und so.

Umständehalber haben wir dann erst einmal das mit der Liebe gelernt. Bei der Erika Berger. Und als wir es dann konnten, waren wir Weltmeister. Nein, nicht in Sachen Liebe. Ich glaube, das können wir nicht schaffen. Aber im Fußball! 1990.
Da hatten wir sowieso gerade einen guten Lauf. Die Wiedervereinigung stand an, zwei Wochen lang hatten die Brüder und Schwestern schon unsere D-Mark, uns konnte keiner mehr. Die Argentinier auch damals schon weggeputzt, und das nur mit Westdeutschen. Die künftige gesamtdeutsche Mannschaft werde "auf Jahre hinaus unschlagbar" sein, sagte der Kaiser. Der war damals unser „Teamchef“.
Und wir die totalen Weltmeister. Unsere sind dann gleich am Sonntag Abend noch Türken klatschen gegangen. Denn wir waren jetzt wieder wer. Deutschland und Weltmeister und alles. Und die anderen waren die Ausländer. Für diejenigen, die hier waren, nicht ganz der richtige Zeitpunkt. Erst brannten die Asylbewerberheime, dann die Wohnhäuser der Türken.

Das hat uns doch niemand beigebracht, das mit dem Nationalstolz und der Vaterlandsliebe! Woher hätte man denn wissen sollen, dass das noch etwas Anderes bedeuten kann als andere Leute totmachen?! Und außerdem liegt diese Geschichte jetzt schon zwanzig Jahre zurück. Wer sagte das noch? „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, davon nichts mehr hören zu wollen.“
Ein paar Jahre später war der Spuk vorbei. Vor vier Jahren war die Welt zu Gast bei Freunden. Und diejenigen, die vor noch längerer Zeit als Gäste gekommen und ungebeten einfach mal so hier geblieben sind, nennen wir jetzt auch gar nicht mehr Gäste. Erstens, weil es keine sind, und zweitens, weil man uns inzwischen beigebracht hat, dass sich das gar nicht gehört.
Wir sind also sehr wohl lernfähig. Es muss einem nur mal gesagt werden! Wir integrieren die jetzt sogar. Der Wille und die entsprechende Leistung vorausgesetzt, können auch die hier richtig was werden. Zum Beispiel der Mesut Özil, der Sami Khedira oder der Jérôme Boateng. Von wegen Rassismus! Wer uns nutzt und nicht ausnutzt, kann hier richtig was verdienen. Über den Rest berichtet heute die Bundesregierung. Klar, wo Licht ist, ist auch Schatten.

„Neben Bastian Schweinsteiger aus Kolbermoor oder Thomas Müller aus Weilheim in Oberbayern besetzen mit Mesut Özil oder Sami Khedira die Söhne türkischer und tunesischer Einwanderer tragende Rollen im Team. Hinzu kommen die Kinder polnischer Aussiedler wie Miroslav Klose oder Lukas Podolski sowie Spieler mit einem deutschen und einem ausländischen Elternteil wie Jérôme Boateng oder Mario Gomez. 11 von 23 Mitgliedern des deutschen Kaders hätten auch für ein anderes Land antreten können“, schreibt Stefan Kaiser – auch heute – in der FTD und meint: „Die aktuelle Nationalmannschaft kann mehr für die Integration dieser Menschen tun als jeder Einbürgerungskurs.“

Schwer zu sagen, ob unsere Nationalmannschaft „diesen Menschen“ so viel nützen wird. Ich neige hier eher zur Auffassung, die Rainer Moritz im konservativen „Rheinischen Merkur“ so auf den Punkt gebracht hat: „Mit Doppelpässen und Flankenwechseln lässt sich die Welt nicht ins Lot bringen.“
Wie dem auch sei: eine Sache ist, genauer: zwei Sachen sind völlig klar. Die ARD-Sendung Panorama hat darauf aufmerksam gemacht:
Auch Einwandererkinder stimmen inzwischen in die "Deutschland, Deutschland" -Chöre ein. Nur eine Gruppe kann sich irgendwie nicht so richtig freuen: die NPD.
Sehen Sie sich das dreiminütige Video ruhig mal an, oder lesen Sie das Sendemanuskript!

Da kommt ein gewisser Klaus Beier zu Wort, seines Zeichens Bundespressesprecher der NPD. Einer, der weiß, was er sagt, also nicht diese Pöbeleien des rechtsradikalen Mobs, die Lena Kampf in der taz zusammengetragen hat. Beier erklärt dem Fernsehen sein Schönheitsempfinden: "Ich finde es generell nicht schön, (…) wenn ein Völkermischmasch auf dem Platz steht.“
Völkermischmasch – igitt! Andererseits muss man sich da schon fragen … – Lena Kampf hat den NPD-Beier direkt gefragt:
Nazis sind jetzt gegen Deutschland? "Nein, nein", wehrt Klaus Beier ab. Als Pressesprecher der NPD halte er selbstverständlich zur deutschen Nationalmannschaft. Aber das Nationale würde durch die Durchmischung mit Spielern nicht deutscher Herkunft natürlich konterkariert. "Uns stößt übel auf, dass genau damit der Ursprungsgedanke des Wettstreits zwischen Völkern vernichtet wird", betont Beier die Position der NPD.

Durchmischung – von Stoiber einst „Durchrassung“ genannt -, das konterkarierte Nationale, die Vernichtung des Ursprungsgedankens – alles schrecklich genug. Dennoch nur geheucheltes, glattgebürstetes Gelaber eines Obernazis! In Wirklichkeit hetzt die NPD – wie gehabt – gegen farbige Deutsche, die sie als „Passdeutsche", folglich „Plastedeutsche" denunziert. Und die ganze rechtsradikale Szene graut die Vorstellung, dass diese Nationalmannschaft Weltmeister werden könnte.
Und auf der anderen Seite muss, wie Kaiser in der FTD berichtet, „ein libanesischstämmiger Handyladenbesitzer, der eine 85 Quadratmeter große Deutschlandfahne an einem Haus in der Neuköllner Sonnenallee anbrachte, diese nun gegen die Angriffe von Linksradikalen verteidigen, denen die Migranten offenbar zu deutsch geworden sind.“
Na, und da sollte man nicht zur deutschen Mannschaft halten?! Unter diesen Umständen? – Also, ich bin bekehrt. Das ist schon ein Crash-Kurs in Sachen Vaterlandsliebe. Wenn linksradikale Antideutsche und dem Führer nachtrauernde NPD-Fuzzys unserer Mannschaft alles Schlechte wünschen, dann muss ich nicht mehr allzu lang nachdenken, wo ich hingehöre.
Ich gehöre dahin, wo die blonden deutschen Miezen Party machen und der Dönerbudenbesitzer die Daumen drückt, und zu den Büroangestellten, die ihre bewimpelten Autos vor dem Spiel extra nochmal auf Vordermann bringen. Und wenn sich bei uns auf der großen Wiese der kleine Aydin für Özil hält und der Leon meint, er wäre Poldi – ja klar: dann halte ich auch für Deutschland!

Es bleibt dabei: mir passt so einiges nicht. Aber so insgesamt, das Land und die Leute … Auf jeden Fall ist die Mannschaft klasse. Spielen einen tollen Fußball, die Jungs.
Stefan Kaiser meint: „Der Stolz auf die deutsche Mannschaft lässt sich nicht loslösen von ihrer multiethnischen Zusammensetzung und der damit verbundenen spielerischen Leichtigkeit. Egal wie das Halbfinale gegen Spanien ausgeht.“

Kann gut sein. Kann auch nicht sein. Kann ich jetzt aber nicht mehr drüber nachdenken. Ich muss nämlich das Spiel gucken.

Comments are closed.