Eine Chance für die Liebe

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Miteinander reden. Ganz wichtig! Auch für Helden. Ja, und auch für Menschen, die sich lieben. Wie zum Beispiel Wolfgang und Birgit Mohr. Es ist doch so: auch wenn man sich liebt, kann es schon mal Probleme geben. Gerade dann! Echte Belastungsprobe und so. Aber Wolfgang und Birgit haben es geschafft.
Okay, letztlich kam es darauf an, dass Wolfgang es geschafft hat. Aber er hat. Natürlich mit Birgits Unterstützung! Klar. Anstatt sich einfach irgendeine Pille reinzupfeifen, war auch ihm völlig klar: wir (also Wolfgang und Birgit) müssen reden. Miteinander reden. Wir Männer machen das ja eigentlich nicht so gerne (also reden). Aber wir machen auch mal eine Ausnahme. Für die Liebe tun wir nämlich alles. Sogar reden. Selbst den größten Stuss. Wir sind die Helden der Liebe!

Miteinander reden, das ist es. Das ist echt gar nicht so einfach. Also wenn es um Liebe und diese Sachen geht. Das will gelernt sein! Klar: „ich verdiene soundsoviel im Monat“ oder „ich fahre dieunddie Karre“ – das kann jeder. Oder, wenn man Akademiker ist, oder ein angehender, oder einfach nur ein Single mit Niveau, dann bekommt man so einen Satz wie „Du, weißt Du, ich sehe das alles irgendwie differenzierter“ auch noch so eben hin. Aber wenn es um Liebe geht, um die echte Liebe, au Backe, das will gelernt sein!
Ich will ganz offen mir Ihnen sprechen. Auch mir ist dies in jungen Jahren keineswegs leicht gefallen. Manchmal war ich richtig verklemmt in diesen Dingen. Also, Liebe und so. Sie wissen schon. Aber dann kam sie. Sie! Nein, nicht 17 Jahr, blondes Haar. Die kam schon wesentlich früher. 1965, da war ich für so etwas noch viel zu klein.
Nein, sie, sie kam erst 1987, war damals 47, hatte dunkles Haar und gab uns allen „eine Chance für die Liebe“. Fünf Jahre lang Aufklärung vom Feinsten, tolle Show! Erika Berger auf RTL: eine Chance für die Liebe.
Ab 1991 wurde die Aufklärungsshow fortgesetzt als „Der flotte Dreier“. Naja, ich muss ja wohl nichts sagen! 2003 wurde dann "Eine Chance für die Liebe" nochmal neu aufgelegt. Aber das brachte alles nichts mehr. Da wussten wir ja schon Bescheid.
Über alles, und zwar von ihr. Die Jahre Ende der 80er, da hatte uns Erika Berger gesagt, worauf es ankommt, wenn die Liebe eine Chance haben soll. Wie gesagt: das Wichtigste ist, miteinander zu reden. Das machte sie auch diesem jungen Mann hier deutlich, dessen Ehe unter der Eifersucht seiner Frau zu leiden schien, wobei allerdings Frau Berger messerscharf erkannt hatte, dass die tieferen Ursachen in den Verständigungsproblemen zwischen den Ehepartnern liegen.

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Und manchmal – eigentlich meistens, das war ja gerade das Gute an der Sendung – ging es im Grunde nur um Sex. „Was sie sagte“, befand die „Süddeutsche Zeitung“, „klang immer auch ein bisschen schmutzig und ein bisschen geil. Das war ihr Markenzeichen, und es passte prima zu den Anfangsjahren des Privatfernsehens, das seiner Sexfachkraft in der Ratgebersendung auch noch neckisch einen Telefonhörer in die Hand gab und Rotlicht einsetzte.“
„Mutti, er will nicht mehr“ nannte Claudia Tieschky im letzten Sommer ihren Artikel. Er begann so: „Die Sendung ,Eine Chance für die Liebe` bot Voyeurismus für alle: Erika Berger, die erste Sexratgeberin des deutschen Fernsehens, wird 70.“ Wobei: zu sehen gab es so nichts – „die attraktiven Beine immer artig übereinandergelegt“.
Egal. Wir haben gelernt miteinander zu reden, und vor allen Dingen: zu lieben, zu lieben und nochmal zu lieben. Gegebenenfalls auch ohne groß miteinander zu reden. Nicht Worte, sondern Taten zählen. Es müssen gar nicht immer die großen Taten sein, die die Welt verändern. Häufig waren es die kleinen Kniffe, die Erika Berger ihren Ratsuchenden mit auf den Weg gab, worauf die derart Beglückten in großer Dankbarkeit zurückgaben: „Dann werde ich das mal versuchen, Frau Berger!“
Etwa, als ein männlicher Anrufer sich beklagte, dass die Gattin der von Frau Berger regelmäßig empfohlenen oralen Stimulierung – trotzdem! – nichts abgewinnen konnte, und Frau Berger zu bedenken gab, dass wegen des dual-use-Charakters des betreffenden Körperteils mitunter auch eine lokale Reinigung eine adäquate Antwort auf die in Rede stehende Zickigkeit darstellen könnte, gab es brav ein „Ja okay, dann mache ich das mal so!“ Ganz großes Fernsehen!

Seither hat die Liebe nicht nur eine Chance, sondern mindestens zwei oder drei. Sie hat sich sozusagen auf nationaler Ebene flächendeckend durchgesetzt, die Liebe. Denn seit dem Ende der 80er wissen wir, wie sie geht, die Liebe. Und, mindestens genauso wichtig: wir wissen, was alles geht. Was man alles so darf, ohne dass gesagt werden könnte, man wäre irgendwie …
Nix! Man darf. Logisch: hin und wieder mal waschen. War aber sowieso klar. Es ist ein schönes Gefühl, lieben zu können. Können ja manche gar nicht. Aber wir, wir können es. Seitdem uns eine Österreicherin in die Geheimnisse von G-Punkt und Waschzwang, Penisgrößen und Erektionsproblemen eingeführt hatte.
Und wichtig ist natürlich auch zu wissen, dass man nicht nur kann, sondern dass man auch darf. Schon allein wegen des schönen Gefühls. Ja, man darf. Ich darf. Ich will so bleiben, wie ich bin. Backing Vocals aus dem Off: „Du darfst!“ Und das schon seit 1987.
Ein schönes Gefühl. Aber jetzt wird es noch schöner! 23 Jahre nach Beginn der sexuellen Revolution, der echten sexuellen Revolution (1968 war doch nur Kinderkram) steht jetzt noch eine Revolution ins Haus. Für diejenigen, die sich nicht ganz so auskennen, eine ganz kurze Erläuterung.
“Revolution“, das bedeutet in Deutschland: wenn im Fernsehen eine oder einer sagt „Leute, Ihr dürft das!“ und die Leute dann Sachen machen, auf die sie sowieso schon immer total geil waren. Lassen Sie sich nicht dadurch irritieren, dass das Wort “Revolution“ in anderen Ländern für Sachverhalte benutzt wird, die etwas ganz Anderes, fast schon das Gegenteil bedeuten: Zank und Streit und so.
Wir Deutsche dagegen haben – wie eingangs schon bemerkt – gelernt miteinander zu lieben, zu lieben und nochmal zu lieben. Und wir haben – wie vor kurzem hier dargelegt – jetzt auch einen Präsidenten, der es uns erlaubt. Es.

„Unser Land ist ein wunderbares, ein großartiges Land. Das darf man auch lieben. Man darf auch seine Heimat lieben“, hat der Präsident selber gesagt. Höchstpersönlich. Es ist erlaubt! Sie ist erlaubt. Die Liebe. Die Vaterlandsliebe. Nur: die haben wir ja noch gar nicht richtig gelernt. Von wem auch?!

Und Zeit für eine Aufklärungsshow, die fünf Jahre lang einmal die Woche der Nation „eine Chance für die Vaterlandsliebe“ gibt, haben wir nicht. Nicht noch fünf Jahre warten! Wir brauchen dringend einen Crashkurs! Einen Crashkurs in Sachen Vaterlandsliebe.
Und da den sonst niemand anbietet, werde ich wohl mal wieder in den sauren Apfel beißen müssen. Ich habe schon ein wenig Schulungsmaterial herausgesucht. Gedulden Sie sich bitte noch zwei oder drei Tage. Vor dem Halbfinale gegen Spanien wird er fertig sein, der Online-Kurs. Arbeitstitel: „Vaterlandsliebe leicht gemacht“. Erscheint dann hier. Nur hier. Kostenlos.

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