Studien zur Dialektik, heute: TV ohne Fußball

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Tja, morgen ist spielfrei. Oder heute oder übermorgen oder … es hängt halt davon ab, wann Sie diesen Artikel lesen. Das ist die Variable. Es bleibt die Konstante: die Achtelfinalspiele sind absolviert, und bis zu den Viertelfinales ist es noch etwas hin. Und so heißt es: zwei Tage und Nächte lange „TV ohne Fußball“.
So nennt das umstrittene Internet-Portal „Ruhrbarone“ die Serie mit seinen täglichen Fernsehtipps, die ausgerechnet zur Fußball-WM der (weitgehend) unschuldigen Leserschaft präsentiert wurden. Nochmal und damit wir uns richtig verstehen: es findet ein wichtiges Fußballspiel statt, und die Ruhrbarone empfehlen, ein anderes Programm einzuschalten!!!
Das ist … zynisch. Mindestens. Vielleicht aber gar auch schon menschenverachtend. Schwer zu sagen, kommt wahrscheinlich darauf an, wer gerade spielt, und ist letztlich eine Schiedsrichterentscheidung. Also eine Tatsachenentscheidung. Auf jeden Fall: eine grobe Unsportlichkeit.

Ganz anders sieht die Sache freilich aus, wenn gerade keine WM stattfindet, oder aber, wenn zwar WM ist, aber spielfrei. Verstehen Sie?! – Wenn nicht: auch kein Problem. Ich werde auf die in der Tat anstehende Problematik noch näher eingehen. An dieser Stelle reicht zunächst einmal: wenn kein Fußball, darf in der Glotze geguckt werden, was man gerade will. Wenn doch, dann nicht.
Ein wichtiger Merksatz übrigens, dessen Nichtbeachtung in früheren Zeiten, als die armen Menschen noch genötigt waren, mit der ganzen Familie vor einem einzigen Fernseher zu kauern, gar mancher Schwiegermutter das Leben gekostet hatte. Ist aber schon eine halbe Ewigkeit her, bestimmt zwanzig Jahre oder so.

Fußball – ja, mein Gott nochmal: das hat doch was! Auch intellektuell und so. Diese Dialektik von Raum und Zeit. Von Strategie und Taktik. Von individuellem Können und mannschaftlicher Geschlossenheit. Von Abwehr und Angriff. Und natürlich, beinah hätte ich es vergessen: von rechts und links.
Und wenn man das alles so gesehen und durch seinen dialektisch geschulten Kopf hat gehen lassen, erklimmt man die Höhen des Dreischritts aus These, Antithese und Synthese. Dort angekommen steht zweifelsfrei fest: aus uns kann nur etwas werden, wenn wir uns auf die deutschen Tugenden besinnen!
Durch Kampf zum Sieg. Kämpfen, kämpfen, kämpfen. Immer weiter. Und wenn nötig: Gras fressen! Und natürlich: absolute Disziplin. Jeder Mann an seinem Platz. Pflichterfüllung, jawohl: Pflichterfüllung. Deutschsein heißt Pflichterfüllung. Wir sind nun einmal keine Brasilianer.
Am Zuckerhut mit den halbnackten Mädels Samba tanzen? Wer bitteschön soll das denn machen? Der Poldi etwa? Oder der Schweini? Nun aber mal halblang. Träumen ist erlaubt. Doch bevor es zum Platz an der Sonne geht, von mir aus zum Karneval in Rio, man kann es gar nicht oft genug sagen, heißt es: Kämpfen, kämpfen, kämpfen! Und notfalls: Gras fressen. Das ist nun einmal unsere Mission.

So, und jetzt mal etwas ganz Anderes. Die Sache ist nämlich die – ich versuche es nochmal zu erklären: morgen und übermorgen, oder besser: am Mittwoch und am Donnerstag ist spielfrei. Kein Fußball im Fernsehen. Nichts zu machen, müssen wir hinnehmen, ich sage immer: was uns nicht umbringt, macht uns nur hart!
Dann gucken wir uns eben etwas Anderes in der Glotze an. Ist ja vielleicht auch mal ganz gut. Ja sicher, die Dialektik des Fußballs und welche Ebenen da so alles ineinander greifen. Trotzdem: auf die Dauer verblödet man ja doch ganz schön, wenn man sich in der Flimmerkiste ständig diese millionenschweren Männer in kurzen Hosen anguckt.
Ja sicher, man unterstützt die Mannschaft, unsere Mannschaft, oder eben: wenn absolut nur Ausländer auf dem Platz sind, umständehalber auch eine andere. Man gibt alles, man schreit Sätze wie: „Nun lauf doch, Du faule Sau!“ Oder: „Bauchmuskelzerrung! Wenn ich so etwas schon höre!“
Aber seien wir ehrlich: so das hundertprozentig Richtige ist das auf die Dauer nicht. Denn so, wie nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist stecken kann, kann sich auch nur ein gesunder Geist um einen gesunden Körper kümmern. Zu dialektisch formuliert?

Okay, ich drücke es einfacher aus: am Mittwoch, den 30. Juni 2010, wird um 20 Uhr 15 ARTE eingeschaltet! Verstanden?! Nein, nicht Sat1, RTL oder sowas, sondern ARTE. Kennen Sie nicht? – Das ist der Sender für Schlaue; denn wir wollen doch jetzt – nach dieser langen Zeit – mal wieder etwas für das Köpfchen tun!
Sie müssen auch schon allein deswegen einschalten, weil ich kaum glaube, dass Sie am Dienstag, den 20.07.2010, schon morgens um 10 Uhr 25 Zeit haben. Da wird die Sendung „Von Auschwitz nach Entebbe“ nämlich wiederholt. Oder haben Sie einen Videorekorder? Sonst speichern Sie den Beitrag einfach auf Ihrer Festplatte. Er dauert 52 Minuten, produziert vom ZDF 2009.
Auf jeden Fall müssen Sie sich diese Dokumentation ansehen. Schon allein, damit Sie das mit dieser Dialektik endlich auch einmal kapieren. Oder auch einfach nur den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus.

Also, so als „Appetizer“: es geht um eine Flugzeugentführung nach Entebbe im Jahr 1976. Die Kidnapper waren Deutsche, ganz linke – also Antiimperialisten, und dann sowieso schon mal auch Antizionisten. Und dann haben die, weil man ja so ein gewisses Druckpotenzial aufbauen muss, sich so ein paar Geiseln ausgesucht, um … – na ja, Sie wissen schon.
Und wer halt einen israelischen Pass hatte, klare Kiste, der war reif. Aber, und das ist jetzt ganz wichtig: nicht etwa, weil er oder sie Jude war, sondern israelischer Staatsbürger. Verstehen Sie?! Das ist links und nicht rechts, also antizionistisch und nicht etwa antisemitisch.
Zufälligerweise waren nun einige der zionistischen Passinhaber in Entebbe auch noch jüdischen Glaubens und – wahrscheinlich ebenso zufällig – gut dreißig Jahre zuvor zusammen nicht etwa in Entebbe, sondern in Auschwitz. Dass die sich nun während der Selektion im Flugzeug an die Selektion im Lager erinnert fühlten, ist aufgrund der Stresssituation in gewisser Hinsicht verständlich, dennoch vollkommen blödsinnig.
Im deutschen KZ ging es nämlich ums Jüdischsein. Das ist ein klarer Fall: Antisemitismus, also politisch rechts, wenn Sie so wollen. Es ist etwas völlig Anderes, sowieso schon mal klar. Aber ich gebe zu: man kann da schon mal durcheinanderkommen. Sogar, wenn man nicht einmal Jude ist.

Und deshalb – ja deshalb! – sollten Sie sich diese ZDF-Dokumentation auf ARTE wirklich einmal ansehen! Wegen der Dialektik von rechts und links. Wegen der deutschen Tugenden und unserer Mission.

Werner Jurga

 

Ankündigungstext

Von Auschwitz nach Entebbe – Israels Kampf gegen den Terror

Am 3. Juli 1976 begann in Entebbe, Uganda, eine waghalsige Militäroperation, die Israel für immer veränderte. Israelische Luftlandeeinheiten befreiten mehr als hundert Geiseln – die allermeisten von ihnen Landsleute – aus der Gewalt eines deutsch-palästinensischen Terrorkommandos. Es war Israels Antwort auf eine Flugzeugentführung, deren Verlauf finstere Erinnerungen an die Shoah weckte. Ein deutscher Terrorist hatte die Geiseln nach Juden und Nichtjuden getrennt und die nichtjüdischen unter ihnen freigelassen.

Am 27. Juni 1976 entführten die deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann mit zwei Palästinensern eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris mit 248 Passagieren und zwölf Besatzungsmitgliedern an Bord nach Entebbe. Am vierten Tag der Geiselnahme kam es zu einer gespenstischen Szene: Die deutschen Terroristen führten unter den Gefangenen eine Selektion durch. Juden mit israelischem Pass wurden ausgesondert und mussten sich in einem abgetrennten Raum sammeln. Einige der Geiseln waren Überlebende deutscher Konzentrationslager der Nazizeit. Alle anderen Entführungsopfer wurden freigelassen. "Die Stimmung in Israel war: Wer macht diese Selektion?", berichtete der israelische Diplomat Avi Primor, "die Deutschen, ausgerechnet die Deutschen!"

Nach dem ungeheuerlichen Akt der Selektion sahen der israelische Premier Jitzchak Rabin und sein Verteidigungsminister Schimon Peres keine andere Möglichkeit, als die Entführung mit militärischen Mitteln zu beenden. In die streng geheime Aktion waren nicht einmal die engsten Verbündeten der Israelis eingeweiht. Ein Scheitern hätte eine internationale Isolierung Israels zur Folge gehabt.

Doch der spektakuläre Coup gelang. Die Rückkehr der Befreiten nach Tel Aviv löste eine Welle nationaler Begeisterung aus. Israel hatte den Terror besiegt und ein Trauma überwunden. Entebbe bedeutete das Ende eines kollektiven Ohnmachtgefühls. "Hätten wir vor dem Zweiten Weltkrieg einen Staat und eine Armee gehabt", sagte Muki Betzer, stellvertretender Kommandeur des Entebbe-Einsatzes, "hätte es den Holocaust in Deutschland so nicht gegeben."

Die Rekonstruktion der Entführung der Air-France-Maschine und des genauen Ablaufs der Befreiungsaktion steht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms. Zudem analysiert sie die Vorgeschichte, die Entstehung der "Revolutionären Zellen" in Frankfurt, die Zusammenarbeit deutscher und arabischer Terrorgruppen sowie die antisemitischen Wurzeln der palästinensischen Befreiungsbewegung in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die Dokumentation zeigt seltene Originalaufnahmen der Geiseln während ihrer Gefangenschaft im Flughafen von Entebbe und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter ehemalige Geiseln, Offiziere der israelischen Armee, deutsche und französische Diplomaten sowie die israelischen Politiker Matan Vilnai, Ehud Barak und Schimon Peres. Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, nimmt ausführlich Stellung zu den Hintergründen und politischen Auswirkungen des Falls Entebbe.

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