Update: Svenja, der kleine Prinz und die Stange Geld

 

Update siehe Nachtrag unten

Kleiner Prinz

Es war einmal … vor langer, langer Zeit, sozusagen früher, also ganz früher, schon ganz, ganz lange her. Da gab es doch tatsächlich – heutzutage völlig undenkbar – kleine Mädchen; die sehnten sich nach einem kleinen Prinz. Mit einem – wenn möglich – nicht ganz so kleinen Schloss und – das sollte schon drinsitzen – einer ordentlichen Stange Geld.

Da aber diese – nur allzu gut nachvollziehbare – Sehnsucht über die Jahrhunderte, um nicht zu sagen: Jahrtausende, jedenfalls in 99,37 % aller Fälle, so bitterlich enttäuscht worden war, sagten sich die kleinen Mädchen: „Fuck!“
Und so beschlossen sie, auf diesen reaktionären Humbug nicht mehr reinzufallen, die Horizontallage zu verlassen, groß zu werden und auf eigenen Beinen zu stehen. Sie wissen schon: Frauenbewegung, Emanzipation und all diese Dinge. Nehmen wir zum Beispiel Svenja!

Svenja Aufderheide ist eine erwachsene Frau, die klug genug ist, nicht darauf zu warten, ihr Schicksal, auch ihr finanzielles Schicksal, nicht in den Schoß irgendeines kleinen Prinzen zu legen. Sie ist ihr eigener Herr und als Lokaljournalistin nicht auf irgendeinen Gönner angewiesen.

Nein, einen Gönner braucht sie nicht, die Svenja. Aber ein Vorbild hat sie. Ja, einen Mann. So einen richtigen Macho-Man; aber das spielt hier jetzt keine Rolle. Svenja ist professionell. Und wer ist der Held aller knallhart nachfragenden Lokalredakteure? – Recherche, Recherche, Recherche, und immer einfach mal ganz knallhart nachgefragt?
Richtig! Übrigens: Sie wissen doch, dass das Gerücht nicht aus der Welt zu bekommen ist, dass Horst Schlämmer jetzt in Duisburg ein neues Betätigungsfeld gefunden haben soll. Mit Lokaljournalismus hatte er ja schon im Vorfeld der Bundestagswahl aufgehört – wegen seiner HSP.
Und jetzt soll er in Duisburg für die städtischen Finanzen zuständig sein. Und weil Svenja ebenfalls in Duisburg ihre Herausforderungen zu meistern hat, und weil Horst Schlämmer ihr ganz großes Idol ist, und weil sie eben kein kleines Mädchen mehr ist, sondern eine emanzipierte Frau, die ganz genau weiß, dass man / frau nicht mehr Geld ausgeben darf, als man / frau eingenommen hat, …
Könnte ich mir jedenfalls alles so vorstellen. Muss also nicht 100%ig so sein, kann aber so oder so ähnlich sein. Tatsache ist aber zweifelsfrei, dass Svenja Aufderheide ein strenges Auge auf das Duisburger Stadtsäckel wirft.

Knallharte Recherche, furchtlose Enthüllungen. Als letzten Monat Brandt und Mahlberg ver- bzw. entsorgt werden sollten, wer hat die Burgplatz-Oligarchen da das Fürchten gelehrt?! Richtig! Svenja, die Pfennigfuchserin. Und Recht hat sie ja auch gehabt, den Herrschenden die Stirn zu bieten. Dass sie dabei, auch wenn Duisburg nicht Moskau ist, die nötige – sagen wir nicht Vorsicht, sagen wir – Sorgfaltspflicht an den Tag gelegt hatte, wer mag es ihr verdenken?!
Aber Svenja will mehr. Wer sich Richtung Pulitzer-Preis vorkämpfen will, kann sich nicht mit Brandt oder Mahlberg begnügen! Der – in diesem Fall: die – muss die echten Sauereien aufdecken! Und heute, ach was: just gerade war es soweit:

Svenja Aufderheide proudly presents: Zuschuss-Geschäft: Gastronomisches Vorzeigeprojekt kostet eine Stange Geld. Ja, die Svenja! Aus der wird nochmal was! Wie die dahinter gekommen ist?! – Das weiß ich natürlich nicht. Da wäre sie ja auch schön blöd, wenn sie mir derartige Top Secrets stecken würde.
Aber egal: sie hatte es geschafft. Sie ist echt drangekommen – an den Erfahrungsbericht „Kleiner Prinz“, der ansonsten eigentlich nur der verschworenen Gemeinschaft des Sozialausschusses im Rat der Stadt Duisburg zugänglich ist. Höchstens sonst noch einer Handvoll Kommunalbeamter. Man wüsste ja nur allzu gern, wo der Maulwurf steckt. Aber keine Chance; Svenja ist Profi.

Und dieses Geheimpapier hat es in sich! Wow, das sage ich Ihnen! Mann o Mann. Sie kennen doch diesen „Kleinen Prinzen“, da direkt am Rathaus. „Konferenz- und Beratungszentrum“ – wie sich das schon anhört! Alles für die da oben! Riecht man doch sofort.
Riechen reicht aber nicht. Beweise müssen her. Dachte sich unsereins schon immer; kommt man aber nicht dahinter, was die da oben alles so aushecken. Besser gesagt: käme man nicht dahinter. Wenn wir nicht – ja, wir hier in Duisburg! – die Heldin des investigativen Journalismus hätten, die ihr Adlerauge in die dunklen Kanäle wirft, wo die Großen dieser Welt ihre Millionen und Abermillionen versickern lassen. Aber gottlob haben wir sie, unsere Svenja!

Und jetzt halten Sie sich fest: dieses ominöse „Konferenz- und Beratungszentrum“ (muss man eigentlich gar nicht mehr viel sagen) mit dem nach Mafia klingenden Name „Kleiner Prinz“ (die da oben sind echt frech) hat allein im Jahr 2008 (!) 61500 Euro verschlungen!!! Unfassbar. Das sind mehr als fünftausend Euro im Monat. Mit dem vielen Geld könnte man doch einen Arbeitsplatz für einen Herrn oder meinetwegen auch eine Dame in einer gehobenen Position einrichten!
Ja okay, nicht ganz oben. Auch nicht in der zweiten oder dritten Reihe. Aber verglichen mit dem, was so ein Hartz-IV-Empfänger kriegt, ist es doch schon einmal etwas. Selbst für eine Lokalredakteurin, keine Ahnung, aber bestimmt eine Stange Geld.

Gut, werden die da oben sagen, 2008 war das erste Jahr. Anlaufverluste blablabla. Aber jetzt der Hammer! In 2009 waren es schon 65.000 Euro. Ein unvorstellbarer Betrag. Und das, so hat Svenja enthüllt, obwohl die Anzahl der „richtigen“ Vermietungen kräftig zugenommen habe.
Da stimmt doch etwas nicht. Da kommt Svenja bestimmt noch hinter. Vollprofi, wie sie ist, wird sie sich bestimmt nicht mit so einer Wasserrohrbruch-Legende abspeisen lassen.
Weiter so, Svenja Aufderheide! Zerren Sie alles ans Licht der Oberfläche! Decken Sie auf, wie und wo die Oligarchen ihre Privilegien sichern! Naja gut, Licht der Oberfläche … ziehen Sie alles halt in die Öffentlichkeit!
Sie haben ja schon gut angefangen. Die tagen da doch selber, die hohen Herren!!! Eine Frechheit. Und wenn die schon keinen Bock haben, ihre ach so wichtigen Tagungen in irgendeinem Keller zu veranstalten, dann sollen sie wenigstens gucken, dass ihr Amt auch ordentlich die Miete bezahlt!
Oder wie? Oder was? Oder überhaupt. Egal, dass die da sitzen, stört mich jedenfalls enorm. Und dann auch noch dieses abgezockte Täuschungsmanöver. Integration, Behinderte usw.
Ja gut, da laufen, oder sagen wir mal: rollen echt so Leute rum. Ziemlich oft sogar. Aber darauf fallen wir nicht rein. Ich nicht. Und die Svenja schon mal gar nicht. Go, Svenja, go!

Geld - Stange

Nachtrag: Montag, 28. Juni

Frau Aufderheide hat heute auf “der Westen” die Überschrift ihres Artikel geändert. Das “Gastronomische Vorzeigeprojekt” kostet jetzt nicht mehr “eine Stange Geld”, sondern , wie es ökonomisch korrekt heißt: “massig Geld”. Es ist nicht wichtig, zur Pflege der guten Sitten muss es aber doch darauf hingewiesen werden, dass sowohl in der Printausgabe als auch ursprünglich in der Onlineausgabe von der Stange, statt von der Masse die Rede war.
Das Problematische an Svenja Aufderheides Artikel  besteht freilich weniger in der Suche nach dem exakten wirtschaftwissenschaftlichen Terminus. Ich würde hier den Fachausdruck “viel” vorschlagen: “viel Geld”. Aber der wird nicht den Anforderungen gerecht, die Svenja an die Überschrift stellt.
“Viel” besagt zwar auch nicht weniger als “massig” oder die besagte “Stange”, kommt aber zu nüchtern daher. Und da sind wir beim eigentlich Problematischen. Svenja will Stimmung machen, was an und für sich völlig okay ist. Sie tut dabei so, als richte sich ihr Populismus gegen die lokale Politprominenz. Und deswegen erwähnt sie auch im Titel nicht, dass von einem Jahresbeitrag in Höhe von rund 20 Tausend Euro die Rede ist. Das würde auch dem einfältigsten “Kommentator” auf derWesten.de klar werden, dass es hier nicht um Politiker gehen kann.
Nein, Svenja Aufderheide polemisiert gegen ein “Zuschuss-Geschäft” für Behinderte. Sie macht Stimmung – ob gewollt oder billigend in Kauf nehmend – gegen die Behinderten, die dort in der Gastronomie arbeiten. Gegen eine Beratungseinrichtung, die für die Menschen in Selbsthilfegruppen eine erhebliche Erleichterung gegenüber mach einem Gemeindehaus darstellt. Und selbst wenn dies “eine Stange” oder sogar “massig” Geld kostete: genau genommen sollten man/frau so etwas nicht machen.
Und wenn überhaupt, dann allenfalls mit der größten Sorgfalt. Daran fehlt es jedoch in Aufderheides Artikel. Eine mickrige Anschubfinanzierung zu einem Problem des Stadthaushalts zu stilisieren, den Wasserschaden im “Kleinen Prinzen” zu unterschlagen und die deutsche Haupttugend des (Kaputt-) Sparens für sich zu reklamieren, ist in Kenntnis der Sachlage dürftig genug. Dies auf dem Rücken von Behinderten zu machen, ist – wie soll ich sagen? – … “massig”?

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