Merkel an Gauck: „Sie sind ein richtiger Demokratielehrer!”

Merkel Gauck

Im Januar 2010 feierte Joachim Gauck seinen 70. Geburtstag. Die ehrenden Worte sprach Angela Merkel. xtranews dokumentiert die Rede der Kanzlerin in Auszügen.

 

Ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung bedanken. Sehr gerne bin ich heute zu dieser Festveranstaltung gekommen. Eigentlich könnte Joachim Gauck die Laudatio auf sich am allerbesten selbst halten. Denn da er ein herausragender Redner und prägnant in der Ansprache ist und das, was er ausgeführt hätte, vielleicht auch noch höheren Neuigkeitswert hätte als das, was ich zu sagen habe, wäre das ein interessantes Experiment gewesen.

Weil Joachim Gauck so eine spannende Persönlichkeit ist, sage ich natürlich aus vollem Herzen, dass ich ihm gerne meine Reverenz erweise, denn er hat sich in herausragender und auch in unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht – als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker, als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land sowie als Mahner und Aufarbeiter des SED-Unrechts und damit auch als ein Mann, der immer wieder an historische Verantwortung erinnert. Welche Facette man auch hervorhebt, immer spiegelt sich das Fundament unserer Gesellschaft wider: Einigkeit in Recht und Freiheit.

Die herausragende und prägende Rolle von Joachim Gauck als Pfarrer wie auch der Kirche insgesamt war kein Zufall. Wir wollen an diesem Tag hier noch einmal kurz daran erinnern: Die Kernbotschaft der friedlichen Revolution war – Sie haben es jedenfalls einmal so gesagt, lieber Herr Gauck –, "dass die Ostdeutschen mit ihrer friedlichen Revolution unserer Nation die Eintrittskarte in den Kreis jener Völker gelöst haben, die ihre eigene Freiheitstradition haben".

Den Kern der Freiheit haben Sie, lieber Herr Gauck, einmal folgendermaßen umschrieben: "Wer nicht lebt, was er als Möglichkeiten, die in ihm angelegt sind, leben könnte, wer sich so die Vollmacht aus den Händen seines Lebens nehmen lässt, jene Vollmacht, die aus Verantwortung erwächst, der erlaubt sich nicht, zu einer Fülle des Lebens zu gelangen, die ihm möglich ist und die wir alle brauchen."
– Damit haben Sie indirekt im Grunde das gesagt, worunter zumindest ich persönlich in der ehemaligen DDR so gelitten habe: dass man niemals an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten kommen konnte.

Sie sind Mahner, Sie sind ein richtiger Demokratielehrer. Sie halten die Erinnerung an die DDR und ihr Unrechtssystem wach. Sie werben immer wieder für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Sie verbinden das nicht einfach nur mit Funktionen und Ämtern. Denn auch nach dem Abschied als Leiter der nach Ihnen benannten "Gauck-Behörde", deren Bezeichnung sich nicht ganz unauffällig in "Birthler-Behörde" verwandelt hat – das scheint eine Behörde zu sein, die gerne mit Namen assoziiert wird, weil ihr eigentlicher langer Name so schwierig auszusprechen ist, sodass man darüber auch schon wieder eine Abhandlung schreiben könnte –, die aber mehr oder weniger immer noch die gleiche ist, haben Sie immer wieder darauf hingewiesen, dass das SED-Unrechtsregime aufgearbeitet werden muss, dass man mahnen muss und dass dies gerade auch bei den jungen Menschen ins Gedächtnis gebracht werden muss. Dabei spielt der Verein "Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V." natürlich eine ganz wichtige Rolle.

Meine Damen und Herren, es ist deshalb richtig, dass die Bundesregierung nach vielen Jahren endlich ein Gedenkstättenkonzept erarbeitet hat, mit dem wir klar unterstreichen, dass wir dieser Phase der deutschen Geschichte gedenken. Lieber Herr Gauck, Sie haben sich immer dafür eingesetzt. Ihr Einsatz für die Erinnerungskultur wendet sich gegen das Vergessen, weil Sie der Überzeugung sind, dass nur so das Vertrauen in die Kraft von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wachsen kann.

Heute stehen wir in gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft unseres Landes. Sie sind der Letzte, der immer nur den Blick zurückwirft. Sie, lieber Herr Gauck, warnen zu Recht immer wieder vor einem Rückzug aus gesellschaftlicher Verantwortung. Deshalb ein drittes Zitat von Ihnen: "Von den Menschen aus der Bürgerrechtsbewegung lernen, heißt auch, sich zu bewähren, wenn die Diktatur vorbei ist."

Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, dass wir Sie, Herr Gauck, haben. Denn Sie legen den Finger in die Wunde, wenn Sie eine Wunde sehen, aber Sie können auch Optimist sein und sagen: Es geht voran. Beides brauchen wir. Danke, dass es Sie gibt. Danke, dass Sie weiter da sind.

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