Joachim Gaucks Rede im Deutschen Theater

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Die Rede im Deutschen Theater

Freiheit – Verantwortung – Gemeinsinn
Wir in unserem Staat
Berlin, 22. Juni 2010

Es gilt das gesprochene Wort!

Wenn ich mich Ihnen vorstelle, möchte ich meine Leitgedanken, meine politischen Schwerpunkte und Ziele nicht in Thesen fassen. Vielmehr möchte ich von Erfahrungen sprechen, die mich geprägt haben und den aus mir gemacht haben, der heute vor Ihnen steht. Es sind Erfahrungen, die die Leidenschaft für Freiheit, Demokratie und Recht in meinem Leben verankert haben. 
Über der ersten Begegnung mit dem Leben könnte ein Titel von Thomas Mann stehen: „Unruhe und frühes Leid“. In meiner Kindheit war Krieg. Ich selbst bin der elementaren Bedrohung nur einmal begegnet, im Keller meines Großvaters. Die Bombe fiel damals nicht auf unser Haus, aber die Angst vor Tod und Zerstörung kam zu mir über die Augen der Erwachsenen. Sie kam auch bei Kriegsende zu mir über die Erwachsenen, als Männer abgeholt wurden, zum Arbeiten oder zum Erschießen, und als Frauen und Mädchen ihre Körper verhüllten und sich der Schrecken auf ihren Gesichtern spiegelte.

Ich bin 1940 geboren. An den Glanz in den Augen der Verführten, die jubelten, als ihr Führer aller Welt Angst machte, kann ich mich nicht erinnern. Ich erinnere mich erst an die Angstaugen, als der Krieg verloren war und Deutschland einem schrecklichen Ende entgegen ging. Und das Kind lernte: Da draußen ist es zum Fürchten.

Sechs Jahre später wurde mein Vater abgeholt. Er verschwand in Sibirien wie Abertausende, die denunziert und ohne jedes Vergehen bestraft wurden. Mein Vater hatte Glück. Nach fünf Jahren kehrte er zurück. Arno Esch und andere freiheitsliebende Jugendliche sind in Moskau erschossen worden. Meine Großmutter, meine Mutter, meine kleinen Geschwister und ich, sowie all die anderen Familien, die sich der neuen Zeit verweigerten – wir spürten: Da draußen ist es zum Fürchten.

Als mir Krieg, Diktatur, wieder Diktatur, Willkür und Rechtlosigkeit begegneten, war es die mütterliche Liebe, die dem kleinen Jungen, der sich ohnmächtig fühlte, letztlich das Zutrauen in sich selbst und in das Leben schenkte. Hass und Niedertracht um mich herum waren nicht ausgelöscht, aber ich wurde überlebensfähig. So erkannte ich im Nachhinein: Lange bevor Widerstand, Opposition oder Eigensinn gelebt werden, müssen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Deshalb sind Eltern und frühkindliche ermächtigende Erziehung so unglaublich wichtig.

Es war kein Zufall, dass ich mit zwölf Jahren dem Freiheitspathos von Friedrich Schiller verfiel, mit dreizehn Jahren wie ein Fiebernder am Radiogerät die Ereignisse des 17. Juni verfolgte und mit sechzehn am liebsten bei der Revolution in Ungarn mitgekämpft hätte.

Bis zu meinem 22. Lebensjahr war der Westen noch erreichbar. Ich fuhr hin, viele andere auch, an Wochenenden und in den Ferien. Die Demokratie dort war nicht perfekt, aber lebendig. Die Menschen wählten ihre Regierenden, sie lasen unterschiedliche Zeitungen, sie besaßen Gewerkschaften, die kämpften, es gab Bücher und Schallplatten, die bei uns verboten waren. Die Freiheit, die wir dort fanden, beflügelte uns. Auf Reisen im Westen tankten wir auf, um den Alltag im Osten besser zu bestehen.

Nach 1961 aber konnten wir nicht mehr zwischen dem Bleiben in der Heimat auch unter kommunistischer Herrschaft oder dem Neubeginn in der ersehnten, aber fremden Freiheit wählen. Der Ausweg war uns versperrt. Das Bild vom Westen setzte sich nur umso fester in unserem Innern fest. Sehnsucht nistete sich in unseren Herzen ein. Das wirkliche Westdeutschland entwickelte sich in eine uns unbekannte, von vielen Widersprüchen und Mängeln geprägte Richtung, unsere innere Wirklichkeit hingegen verklärte den abgetrennten Teil zu einem Staat ohne Runzeln und Abgründe. Wir haben die Freiheit idealisiert, die wir nicht besaßen.

Im eigenen Land trug die Freiheitsliebe einen Tarnanzug. Sie zitierte Heine, sie zitierte Schiller, sprach von der Französischen Revolution, siedelte – wie schon in der braunen Diktatur – in Innenräumen. „Die Gedanken sind frei“ sangen wir in der Kirche und in der Familie. Um uns herum gab es gleich gesinnte Freundeskreise, Kirchgemeinden, Cliquen, die Jugendgruppen der Kirchen.

Ich suchte Botschafter der geistigen Freiheit auch in der Diktatur. Immer wieder waren es Christen und Kirchenvertreter wie mein mecklenburgischer Landesbischof Heinrich Rathke, die mir Wegweisung und Mut gaben. Sie ließen mich glauben, dass die Wahrheit – ethisch wie politisch – nicht bei der Mehrheit sein muss. Wir erlernten damals die Minderheitenexistenz. Und indem wir sie annahmen, annehmen mussten, verloren wir zwar allerhand – aber nicht uns selbst.

Uns selber treu zu bleiben, halfen uns auch die, deren Ermutigung uns selbst noch erreichte, als die Staatsmacht sie außer Landes getrieben hatte. Wolf Biermann, Günter Kuhnert, Reiner Kunze, Erich Loest, Sarah Kirsch – um nur einige zu nennen – , deren Worte und Lieder versteckt in Koffern, Handtaschen oder über Diplomatenpost die Mauer überwanden. Wir fanden Trost und Zuspruch auch bei Martin Luther King – ich begegnete diesem Ermutiger persönlich in den sechziger Jahren in der Berliner Marienkirche: „I have a dream.“ Ähnliche Botschaften drangen aus der Ferne auch von Alexander Solschenizyn, Andrej Sacharow, von Vaclav Havel und den Widerständigen aus der polnischen Solidarnosc zu uns. Und mochte Nelson Mandela am anderen Ende der Welt auch in seiner Zelle in Robben Island gefangen sein, so fühlten wir uns doch mit seiner Freiheitsbotschaft verbunden. Später, in der Rückschau erkannte ich die Bedeutung dieser realen und der Begegnungen im Geiste: Widerstand  IST nicht, Widerstand WIRD.

 

Joachim Gauckvor

Joachim Gauck – Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten

Bevor der Freiheitssturm Europa vor zwanzig Jahren verändern konnte, mussten Angst und Resignation überwunden werden. In unseren Seelen eingelagert war eine ganze Niederlagengeschichte. Immer hatten die Dikatoren gesiegt: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und Polen, 1968 in Prag, 1970 und 1981 in Polen. Widerstand ist zwecklos – fast hatten wir uns damit abgefunden.

In den späten Jahren der Diktatur aber zeigte sich: Es gibt Situationen, in denen die Befolgung von Wahrscheinlichkeitsrechnungen nicht klug, sondern einengend ist – die angebliche Aussichtslosigkeit von Widerstand legte uns nämlich Wohlverhalten nahe. Erst ganz langsam und dann sehr schnell lernten wir eine ratio, die die humanen Werte hoch hielt und das Ziel der Freiheit auch dann bewahrte und benannte, als ihr Erfolg noch in fernen Sternen stand: Nie vergessen, wie im Nachbarvolk Polen weder Kriegsrecht noch Inhaftierungen den Freiheitswillen brechen konnten. Nie vergessen, wie der polnische Papst mit „Fürchtet euch nicht“ seine Landsleute ermutigte. Weit, ganz weit über die katholische Kirche und Polen hinaus wurde dieser Zuspruch politikmächtig. Nie vergessen, wie Vaclav Havel über die „Versuche in der Wahrheit zu leben“ auch uns eine Richtschnur wies. Diese und ähnliche Vorbilder inspirierten auch uns immer wieder, uns mit den erstarrten Verhältnissen nicht abzufinden.

Ich bin mir sicher, dass unser deutsches „Yes, we can“ das sächsische „Wir sind das Volk“ war. Ich bin so sicher, weil ich die Wirkung dieser Botschaft erlebt habe. Weil ich erfahren habe, welch unerwartete und ungeheure Kraft in den lange Unterdrückten noch steckte. Weil ich unter ihnen war, die sich staunend anschauten auf den Straßen und Plätzen unseres kleinen Landes: Bin ICH das? Sind WIR das? Sind wir tatsächlich so mutig? Damals setzten wir unsere Befreiung durch. Diese Erfahrung kann der Osten des Landes in die gemeinsame deutsche Geschichte einbringen und den Bewohnern im Westen unseres Landes schenken: Auch Deutsche können Revolution. 
Diese unbändige Kraft damals – manchem ging sie allerdings verloren, als uns später die Mühen der Ebene zu schaffen machten. Denn unsere Befreiung war Freiheit von etwas gewesen. Wir hatten den Druck, die Normen, die Uniformität, die Einschüchterung abgeschüttelt. Und wir hatten erhalten, wonach wir uns gesehnt hatten – die Freiheit zu etwas: die Freiheit des Denkens, der Meinung, die Freiheit der Selbstverwirklichung nach unseren Möglichkeiten. Doch diese Freiheit hatten wir als Bewohner einer Diktatur nicht lernen und nicht einüben können.

Mehr noch als die Bewohner in Deutschlands Westen begleitet die Bewohner des Ostens  deshalb eine Angst vor der Freiheit, die den schmerzlichen Prozess der Aufklärung und Säkularisierung auf dem Weg in die Moderne immer begleitet hat. Wir haben durch die Freiheit viel gewonnen, aber wir haben auch Bindungen, die äußere festgezurrte Ordnung und Sicherheit verloren. Für ihre Lebensplanung sind die Menschen nun selbst zuständig – aber zu dieser Eigenverantwortung sind einige nicht mehr, und andere noch nicht fähig. Die Gestaltung der Freiheit ist generell der Gefahr ausgesetzt, durch die Angst vor ihr beschnitten und gehemmt zu werden. Ich kenne viele, die einst fürchteten, eingesperrt zu werden, und jetzt fürchten, abgehängt zu werden. Das werden wir zu bearbeiten haben – auch wenn die Angst häufig eher da ist als die reale Gefahr.

„Furcht vor der Freiheit“ hat Erich Fromm dieses Phänomen genannt. Immer – so seine Sicht auf die menschliche Existenz – entstünde ein Erschrecken, eine den Menschen begleitende Furcht, wenn er den Raum der Freiheit betrete. Mögen wir die Freiheit noch so sehr ersehnt haben und ihren Raum bewusst betreten haben, wir bleiben verfolgt von machtvollen Fluchttendenzen. Sind wir wirklich hinreichend ausgestattet, so fragen sich die aus dem Paradies Vertriebenen. Sie sehnen sich nach der fraglosen Ordnung, die sie verließen, als sie aus freien Stücken den Apfel im Garten Eden nahmen und danach unversehens im Gefilde der Arbeit und der Sorgen landeten.

Sie errichten sich Fluchtorte, bergen sich im stupiden Konformismus oder in den Burgen der Ideologien, wo sie weder Verantwortung für ihr eigenes Ich noch für ihr Gemeinwesen tragen. So tauschen sie die Einmaligkeit der Freien gegen die bequeme Ohnmacht der nie und nirgends Verantwortlichen. Paradies ist das zwar nicht – aber die unerträgliche Last der Eigenverantwortung sind sie los.

Tatsächlich gibt es für Angst aktuelle Gründe. Potenziert durch die aktuellen Krise kehren sie daher zurück: Die Gefühle von Ohnmacht, eine ständige Furcht, ja eine neue Beheimatung in allumfassender Angst. Manche zweifeln an der Demokratie, andere an der Marktwirtschaft. Haben diese  Systeme nicht angesichts der Umweltprobleme, der Finanzprobleme Griechenlands und anderer Staaten, angesichts des schwindenden Vertrauens in unsere europäische Währung versagt? Vor allem die internationale Finanzkrise hat die Menschen so verunsichert wie einst die Urgroßeltern die Weltwirtschaftskrise.

Die Weltgemeinschaft reagiert zwar mit hektischer Entschlossenheit, aber die Furcht ist noch nicht gebannt. Ist die „langsame“ Demokratie überhaupt effizient angesichts derartiger Krisen, überlegen einige laut. Könnten nicht autoritäre Regime viel schneller reagieren? Sollte nicht die als  „Kapitalismus“ denunzierte Marktwirtschaft endlich abgeschafft werden?

Mir erscheinen derartige Überlegungen als Flucht. Flucht aus einer Verantwortung, die uns die konkreten Probleme zu lösen aufgibt. Flucht vor Herausforderungen, die uns zu konstruktiven Lösungen führen kann. Wir haben den vorhandenen Sachverstand und unseren – freilich dürren – Mut zusammenzubringen, um den aktuellen nächsten Schritt zu tun.

Der Versuchung zum Systemwechsel werden wir am leichtesten entgehen. Wir schaffen auch den Fußballsport nicht ab, weil es immer wieder Spieler gibt, die Foul spielen. Ebenso wenig den Radsport oder die Leichtathletik, weil unehrliche Sportler dopen. Vielmehr erlassen wir Regeln und schaffen Instanzen, die Regelverstöße ahnden. Dasselbe Vorgehen gilt auch für die Wirtschaft und die Finanzmärkte. Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird immer mehr verlieren als gewinnen. Politik wird allerdings zu ringen haben um den Rahmen und die Regeln. Und auch die Unternehmer werden sich zu bewähren haben in der traditionellen Verantwortung für das Gemeinwesen als Ganzes. Wir alle haben genug vom Treiben gewissenloser Finanzakrobaten oder maßloser Manager  – aber wir wissen auch, dass nicht die gesamte Wirtschaft verantwortungslos ist. Und wir wissen, dass die Sozialleistungen, die wir als Sicherung eines menschenwürdigen Lebens ansehen, bislang nur in Gesellschaften erwirtschaftet werden konnten, die über eine funktionierende Marktwirtschaft verfügten.

Die Freiheit, die wir bejahen, bindet sich an das Gemeinwohl. Sie akzeptiert eine Ratio des sozialen Ausgleichs und nimmt den besser Gestellten, um es den schlechter Gestellten zu geben. Dies geschieht durch das Steuersystem und die Sozialleistungen. Eine solidarische Gesellschaft steht Hilfsbedürftigen bei, wenn sie in Not sind. Sie ermächtigt die Hilfsbedürftigen aber vor allem, wieder für sich selbst zu sorgen. Für diese Art der Unterstützung passt der Begriff Fürsorge nur bedingt. Fürsorge kann entmächtigend wirken, wenn der Staat die Rolle eines gütigen Fürsten annimmt, dessen Gestus die Empfänger zu Mündeln macht und ihre Abhängigkeit fördert statt an ihren Mut und ihr Selbstvertrauen zu appellieren.

Freiheit, die sich ans Gemeinwohl bindet, schafft auch soziale und ökonomische Voraussetzungen für eine möglichst große Chancengleichheit. Menschen in unterprivilegierten Schichten und Menschen, die erst in den letzten Jahrzehnten zu uns gekommen sind, dürfen aufgrund fehlender ökonomischer und sozialer Absicherung nicht um ihre Entwicklungsmöglichkeiten gebracht werden. Selbstverwirklichung in Freiheit gelingt nur, wenn beispielsweise Kinder und Jugendliche über gleiche Bildungschancen verfügen – unabhängig von ihrem Elternhaus.

In einer Freiheit, die als Verantwortung gelebt wird, kann aber nicht einer Gesellschaftsschicht die Verantwortung für die anderen übertragen werden. Wir brauchen Bürgersinn in allen Schichten. Wir brauchen Menschen, die je nach ihren Möglichkeiten Verantwortung für diesen, unseren gemeinsamen Staat tragen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Status, unabhängig von ihrer Kultur, Religion und Ethnie.

Wir wollen eine solidarische Gesellschaft sein, die auch Defizite bei der Integration von Migranten und Zugewanderten abbaut. Wir wollen eine aufnehmende und einladende Gesellschaft sein; jeder weiß, dass wir Zuwanderer schon aus demographischen Gründen brauchen. Vor kurzem war ich tief bewegt, als ich die mangelnde Beheimatung spürte, die viele von ihnen immer noch verspüren, selbst wenn sie hier geboren wurden. In den USA begegneten mir Menschen, die erst zwei, drei Jahre im Land lebten, aber dennoch stolz erklärten: This is my country. Hier aber begegnete mir eine junge Frau, die als Tochter türkischer Eltern hier zur Schule ging, hier als akademisch Gebildete in führender Position im politischen Leben aktiv ist, aber mich dennoch mit großen Augen ansah: „Gehöre ich dazu, wenn Sie sagen: Wir sind ein Volk?“ Offensichtlich haben wir zu lange zu wenige und zu halbherzige Einladungen ausgesprochen und dadurch mit befördert, was uns heute große Probleme bereitet: Ressentiments gegenüber fremden Kulturen auf der einen Seite und mangelnde Integrationsbereitschaft in bestimmten Milieus der Zuwanderer auf der anderen Seite.

Demokratie lebt von einer festen Wertebasis, aber sie ist keine ausschließlich rationale Veranstaltung. Demokratie lebt mit Emotionen, mit Ressentiments, mit gegensätzlichen Interessen. Die Politik in Demokratien hat einerseits für möglichst sachgerechte Lösungen zu sorgen, aber sie ist auch angewiesen auf Akzeptanz in der Bevölkerung. Die jetzt schon hitzigen Debatten über das Weltklima werden an Heftigkeit zunehmen. Wer Freiheit als Verantwortung definiert, wird der Zukunftsfrage des Klimaschutzes als Bewahrer der Schöpfung zu begegnen haben – und zwar mit deutlich mehr Entschlossenheit.

Gegenstand heftiger Debatten ist auch unser Engagement in Afghanistan. Solange deutsche Soldaten im Auftrag der UN und aus Solidarität dort eingesetzt werden und nicht aus deutschem Übermut, der einst Truppen in Bewegung setzte, um Länder zu erobern oder Ressourcen auszubeuten, kann ich einen derartigen Einsatz nicht verurteilen. Ich fühle mit, wenn ich die Trauer der Mütter der Kriegsopfer sehe. Aber nicht Verantwortungslosigkeit hat ihre Söhne geschickt, sondern aus Verantwortung wurden sie geschickt und aus Verantwortungsbereitschaft sind sie gegangen.

Die Freiheit demokratischer Staaten bietet einen Raum für unterschiedliche Meinungen und Interessen. Die Freiheit demokratischer Staaten ermöglicht es, auch mit Emotionen, Irrationalität, Ressentiments umzugehen und Kompromisse zu finden, die von Nationalismus und Fundamentalismus weg- und zu einer breiten Akzeptanz hinführen. Ein freier Meinungsaustausch ist die sicherste Gewähr dafür, dass sich die Bürger in Deutschland, in Europa mit ihrem Staat, mit unserem Europa identifizieren und für sie Verantwortung zu übernehmen bereit sind.   

Deshalb ist es mir so wichtig, an die Tage der Ermächtigung vor zwanzig Jahren zu erinnern, als wir neben uns und überall auf dem Erdkreis die Nähe derer suchten, die Freiheit leben mochten, die Verantwortung wollten und konnten. Menschen haben immer eine Wahl. Die Flüchtenden verlassen die, die standhalten. Aber es ist die verwegene Ratio jener, die standhalten, die Zukunft eröffnet. Wer Ja sagt zu seiner Freiheit, wer sie nicht nur will, sondern lebt, dem fließen Kräfte zu, die ihn und diese Welt verändern.

Wir schauen auf die Kraft, die uns 1989 im Osten ermächtigte, wir erinnern uns an die Gestalter und Ermutiger, die die alte Bundesrepublik zu einem Ort der Menschen- und Bürgerrechte gemacht haben, an dem gleiches Recht für alle gilt und sich Not in Wohlstand wandelte. Ob wir auf dem Hambacher Schloss stehen oder in Leipzigs Nikolaikirche, ob wir im Lincoln-Memorial in Washington oder vor den großen Kreuzen vor der Danziger Werft – immer können wir die mobilisierenden Botschaften vernehmen, die unser Ja zur Freiheit befestigen.
Der große amerikanische Präsident Franklin Roosevelt hat 1933 nach einer großen Weltwirtschaftskrise Worte für seine Landsleute gefunden, die in der damaligen wie in allen Krisen gelten dürften: „dass das Einzige, was wir zu fürchten haben, die Furcht selbst ist – die namenlose, blinde, sinnlose Angst, die die Anstrengungen lähmt, deren es bedarf, um den Rückzug in einen Vormarsch zu verwandeln“.

Wir möchten ihm glauben – denn wir haben schon gelebt, was wir nie mehr zu hoffen gewagt hatten, Freiheit.

Wir dürfen glauben, was wir konnten, und wir werden können, woran wir glauben. 

Was kann nun ein Bundespräsident dem hinzufügen, was die Gewählten und die Wähler auf eigene Weise und in eigener Verantwortung tun?

Alle Verfassungsorgane, alle Institutionen des demokratischen Staates bilden miteinander den Willen der Gesamtbevölkerung ab. Da aber nicht alle Bürger permanent in diesen Organen am Ganzen mitwirken können, sind Abgeordnete, Regierungen und sonst verantwortliche Repräsentanten des Volkes mit je spezifischen Spezialaufträgen versehen – auch der Bundespräsident. Das kann jeder im Grundgesetz nachlesen. Neben der Repräsentanz nach außen darf man ihn auch sehen als den Ständigen Vertreter der gesamten deutschen Demokratie gegenüber uns Bürgern, uns – „dem Volk“. So wird diese Institution, deren Rechte das Grundgesetz begrenzt und definiert hat, gleichzeitig ein Symbol für das Ganze. Und als Repräsentant des ganzen Volkes kann der Bundespräsident zwischen den Regierten und den Regierenden vermitteln und zu einer besseren Verständigung zwischen ihnen beitragen. Er folgt keinen Parteieninteressen, jeder darf ihm vertrauen.

Weil sie jeweils ALLE repräsentierten, haben die Bundespräsidenten auch immer Menschen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, die ohne staatlichen Auftrag „Staat machten“ in unserem Land. Die Ehrenamtlichen, all die Vertreter einer lebendigen Bürgergesellschaft, die sich in Initiativen, Vereinen, Bewegungen und Gruppen zusammengeschlossen haben und in der Politik, im sozialen Bereich, in Kultur, Kirchen und Gewerkschaften mitwirken; plötzlich überall aktiv sind die „Tafeln“. Dieses gigantische Netzwerk der Engagierten braucht keinen staatlichen Auftrag für sein Tun. Es lebt ganz aus sich selbst heraus Freiheit als Verantwortung.

Wie sähe unser Land eigentlich ohne diese Menschen aus? Erst diese Bürger, die sich in Beziehung zu anderen setzen, machen aus unserer Demokratie jenes lebendige Gebilde, das Partizipation ermöglicht und Identifikation neben den Parteien schafft.

Wenn also der Bundespräsident regelmäßig Ehrenamtliche besucht, sie in sein Schloss einlädt und sie durch Auszeichnungen ehrt, kommt zusammen, was zusammen gehört. Es gibt wohl kaum etwas Schöneres, als am Wachsen von Volksbewegungen der freiwillig Aktiven mitzuwirken.

Mindestens ebenso wichtig sind wir Bürger aber auch in der Parteienlandschaft unseres Staates als Wähler. Ein Bundespräsident wird nicht nachlassen, zur Wahlbeteiligung aufzufordern, dieser grundlegenden politischen und moralischen Pflicht  in unserem Staat.

Ich erinnere mich daran, wie lange und wie sehnlich ich und andere Bürger Mittelosteuropas darauf warteten, endlich das tun zu dürfen, was für Bürger im Westen seit Großvaters Zeiten ganz selbstverständlich war: in freien, gleichen und geheimen Wahlen die eigene Regierung zu wählen. Ich musste 50 Jahre alt werden, um das zu tun. Ich blicke zurück und sehe mich am Vormittag des 18. März 1990 mit Glückstränen im Gesicht aus dem Wahllokal kommen. Und ich sage zu dem Menschen neben mir, was er doch schon weiß: „Ich habe gewählt“.

Für einen kurzen Moment war alle Freiheit Europas in das Herz des Einzelnen gekommen. Ich wusste: Nie, nie und nimmer wirst du auch nur eine Wahl versäumen.

In zwanzig Jahren Demokratie habe ich gelernt, das Leben in der Freiheit nicht eine dauernde Erfolgs- und Glückserfahrung ist. In der Politik ist es wie im privaten Leben. Besonders in Krisenzeiten, wenn Herausforderungen zu bestehen sind, wachsen uns Kräfte zu, die wir in Zeiten ruhiger Sicherheit weder benötigen noch kennen. Deshalb verbindet uns die Meisterung von Krisen mit dem Leben und mit dem Leben in unserem Staat.

Ich träume von einem Land, in dem ich nicht nur zufrieden bin, weil seine Institutionen funktionieren, sondern das imstande ist, sich selber aus der Unkultur von Angst, Resignation und Tristesse zu erlösen, indem es gestaltet und das Seine eigenständig sucht, erkämpft, betreibt. Dann werden wir die Demokratie alle irgendwie „haben“, echte Freude an ihr wird jedoch dann entstehen, wenn wir sie auch leben.

Mit Demokratie ist es, wie mit dem Leben: Glück ist weniger im „Haben“ aber beständig im „Sein“.

weitere Materialien

 

Quelle: http://www.joachim-gauck.de/Aktuelles/Reden/details/100622_grundsatzrede_dt.html?pg=1

One thought on “Joachim Gaucks Rede im Deutschen Theater

  1. Deutsches Theater –
    Gaucks Vorstellungen von Freiheit und Demokratie

    Kritische Analyse der Rede vom 22. Juni 2010 in Berlin

    Bert Steffens
    Freier Philosoph
    Andernach

    „Das war alles Theater…“, so bewertete 2002 Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlandes, eine inszenierte Empörung seiner Kollegen. Auch in Berlin hätte sich der Aufmerksame gewarnt fühlen können. Immerhin fand das Einmannstück [ http://www.joachim-gauck.de/ ] in einem Theater statt.
    Gauck wusste, was die Zuhörer von ihm erwarteten – Worte, die ans Herz gehen, Worte aus seinen Erinnerungen und Wünschen, Worte eines guten und mutigen Deutschen, der sich als evangelischer Theologe und Pfarrer der DDR-Staatsgewalt entgegengestellt hat. Worte, die bestätigen, was die Zuhörer ohnehin wissen, dass für die geplagte deutsche Seele, die ihr Vertrauen in Politik und Politiker gänzlich verloren hat, es nur einen Bundespräsidenten geben kann: Joachim Gauck! Verdrängt wird die offensichtliche Tatsache, dass Gauck der Kandidat von zwei Parteien ist. Deren Größen zollten kräftig Beifall und konnten dabei ihre Hoffnung pflegen, dem politischen Gegner Probleme zu bereiten, die weit über die Wahl ihres Kandidaten hinausgehen soll – wenn er denn gewählt wird. Sehr praktisch und überhaupt: Man kann sich gegenseitig zum jeweils eigenen politischen Vorteil benutzen – Gauck einerseits und SPD und Grüne andererseits.
    Wahlkampf für den Kandidaten? Ach was, gegen solch schnöde Verdächtigungen wehrte sich der Kandidat mit Nachdruck schon vor seiner Rede.
    Wer fragt da schon ernstlich nach wirklicher Eignung des Kandidaten? Aber was heißt hier überhaupt „Eignung“? Gauck ist bekannt und kann reden – das ist Eignung genug! Bei solcher Eignung will sich kein Mensch an jene große Menge befähigter Redner der Jetztzeit und der Vergangenheit erinnern, die besser ihren Mund gehalten hätten. Warum? Weil es nicht auf die Eloquenz, nicht auf den Wortschatz und nicht auf das Äußere des Auftritts eines Redners ankommt, sondern nur auf den Inhalt seiner Rede und den Zweck, den er damit verfolgt.
    Aber wer will schon solches hören, wer will an seinem Idol gekratzt sehen. Man verhält sich ähnlich einer Menge von Teenagern, die ihrem Angebeteten kritiklos, sich ganz ihren Gefühlen hingebend, zujubeln. Dabei kann doch jedermann erkennen: Läge es an der Redebegabung politischen Redner, gleich welcher Partei und gleich aus welchem Land, dann könnten wir es – scherzhaft ausgedrückt – vor lauter Wohlstand, Frieden und demokratischen Verhältnissen kaum noch aushalten. Das aber ist ganz offensichtlich nicht der Fall, auch wenn Gauck – nicht nur am Ende seiner Rede – Vergleichbares suggerieren will.

    Gauck weiß, welche Reizworte und -begriffe besonders gut ankommen, weil sie positive Vorstellungen bei den erwartungshungrigen, ihm ohnehin zugeneigten Zuhörern hervorrufen, Worte und Begriffe, die sich bereits vor der Rede in deren „Seelen eingelagert“ haben: Sechsundvierzig Mal springen sie dem erwartungsvollen Zuhörer entgegen, diese vier Buchstaben FREI – beispielsweise als „Freiheit“, „Freiheitswillen“, „Freiheitsliebe, „Freiheitssturm“, „Befreiung“ oder in anderer Weise eingesetzt. Gauck hätte als Texter in einer Werbeagentur eine Chance – nur, was wäre das schon gegen das Amt eines Bundespräsidenten?
    Und so fehlte es auch nicht an Namen und Begriffen, die auch und insbesondere in deutschen Ohren einen besonderen Klang von Freiheit, Mut, Widerstand und manchmal auch von Intellekt haben, Namen und Begriffe, die sich mit dem Erinnerungsbild des Redners verbinden sollen (in der Reihenfolge von Gaucks Rede): Thomas Mann, Heinrich Heine, Friedrich Schiller, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Martin Luther King, Alexander Solschenizyn, Andrej Sacharow, Vaclav Havel und auch der freiheitsliebende, der ehedem die Polen unterstützende polnische Papst, wie auch Franklin Roosevelt bleiben nicht unerwähnt. Es fehlt eigentlich nur John F. Kennedy und sein „Ich bin ein Berliner“.
    So wie Gauck Schlüsselbegriffe und Namen wirkungsvoll einzusetzen und unterschwellig mit seiner Person zu verbinden weiß, fehlt es auch nicht an bekannten Sprüchen. So hörten seine Verehrer den bekanten Titel eines um 1800 entstandenen Volksliedes „Die Gedanken sind frei“. Nein – „Am Brunnen vor dem Tore“ wurde überraschender Weise nicht benutzt aber der Titel eines amerikanischen Folk Songs von 1940 „This ist My Country“ fand seinen Platz. Und dann die Worte eines – wenn man so will – Berufskollegen, des Baptistenpfarrers Martin Luther King, jenes amerikanischen Menschenrechtlers, der sich als Farbiger nicht weiter von den Weißen unterdrücken lassen wollte; einer der Mut bewies und seine Anhänger auf die Straßen Amerikas führte und eine Rede hielt, die den berühmt gewordenen Ausruf enthielt: „I have a dream!“. Deutschlands Martin Luther King als Bundespräsident – welche ein Gedanke! Geschickt greift Gauck die Metapher „Traum“ am Ende seiner Rede auf. Gauck: „Ich träume von einem Land…“. Und natürlich durfte dann auch Obamas „Yes, we can!“ in Verbindung mit „Wir sind das Volk!“ nicht fehlen.
    Aber auch Bilder der Bibel tauchen auf, ganz wie es sich für einen ordinierten evangelischen Pfarrer gehört. Vom „Garten Eden“ und von „den aus dem Paradies Vertriebenen“ ist die Rede.
    Manche der Zuhörer brachen in Tränen aus.
    Perfekt!
    Was aber verriet Gauck seinen Zuhörern über den Inhalt des Begriffs „Freiheit“? Nichts konkretes. Ein analytischer Geist war diesbezüglich nicht zu erkennen. Freiheit? Für Gauck ist Freiheit kein Rechtsbegriff, sondern Gefühl. Er gebraucht den Begriff „Freiheit“ wie in Schlagertexten der Begriff „Liebe“ benutzt wird. Dort wird auch nicht nach deren Inhalt und Ursache gefragt – man gibt sich einfach einer schwärmerischen Sehnsucht hin. So hat auch Gauck das, was Freiheit ausmacht und was dessen Ursache ist, nicht dargelegt. Er arbeitet einen diffusen Begriff von „Freiheit“ an dem ab, was, seiner Darstellung nach, er und andere erlitten haben. In der Nachkriegszeit lernten – so Gauck – seine Großmutter und Mutter das Fürchten vor dem „da draußen“. Ich erlaube mir hier – nur zur beispielhaften Erinnerung an Millionen andere Schicksale – einzuflechten, dass meine Großmütter, Großväter und meine Mutter nicht lange nach 1933 das Fürchten lernten, erst Recht mein Vater als Soldat an der Front, von der er teilamputiert und traumatisiert zurückkehrte. Er konnte nach dem Erleben des grausamen, menschenverachtenden Krieges nur noch hilflos und verbittert von den „Lumpen und Verbrechern“ reden. Den Begriff „posttraumatisches Belastungssyndrom“ gab es in den Jahren nach 1945 noch nicht. Heute wird gerne übersehen: Für ein „posttraumatisches Belastungssyndrom“ bedarf es des Krieges nicht. Ein Bürger kann solches auch dann erleiden, wenn er in einem Staate leben muss, der nur scheinbar eine demokratische Ordnung hat und in dem Organgewalten die Gesetze zu oft verletzten, sei es durch Missachtung oder Auslegung zum eigenen Vorteil.

    Gauck benutzt den Buchtitel des deutsch-amerikanischen Psychologen Erich Fromm „Furcht vor der Freiheit“ (1941 „Escape of Freedom“). Gauck – Fromm nicht minder – hat nie verstanden, dass der Mensch – auch als „Bewohner des Ostens“, wie Gauck formuliert – keine „Furcht vor der Freiheit“, sondern Furcht vor dem Unbekannten hat: Der Mensch kennt zu oft nicht das, was Freiheit bedeutet oder nicht bedeutet, weil es ihm nicht von Kind an gelehrt, vorgelebt und das Thema „Freiheit“ nicht immer und immer wieder in der Gesellschaft thematisiert wird.
    Wenn Gauck von der „Freiheit von etwas“ und einer „Freiheit zu etwas“ redet, dann zeigt dies: Er hat nie begriffen – jedenfalls kann ich solches seinen mir bekannten Reden nicht entnehmen –, dass in der Werteordnung des Menschen nicht „Freiheit“, sondern erstrangig Selbstbestimmtheit und damit auch Selbstverantwortung steht. Selbstbestimmtheit kann nicht beseitigt und nicht verliehen, wohl aber verletzt werden. An Stelle des Begriffs „Selbstbestimmtheit“ kann man auch den noch immer rechtsunbestimmten Begriff „Menschenwürde“ des Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz setzen. Wird die Selbstbestimmtheit des Menschen nicht durch Gewalt, Abhängigkeit, Ausbeutung und Verdummung verletzt, kann er sich also aus seiner Selbstbestimmtheit heraus selbst gestalten, dann ist er auch frei. Aber: Freiheit allein ermöglicht dem Menschen zunächst nur, dass er all das zu tun vermag, was ihm innerhalb der Grenzen seiner Spezies möglich ist. Dies kann für die Menschengemeinschaft Vorteilhaftes oder auch Grausames sein. All diese Tun war und ist „menschlich“, weil es für den Menschen machbar war oder noch machbar sein wird. Erst das Erkennen der Notwendigkeit selbst geschaffener Schranken seines Handelns, schafft eine Freiheit in der Menschengemeinschaft, mit der alle leben können, wenn und nur wenn diese Schranken, die wir Gesetze nennen, auf demokratische Weise errichtet wurden. Dieses Wissen konnte und kann der Mensch immer wieder mittels seiner Erkenntnisfähigkeit, dem wesentlichen kennzeichnenden Merkmal seiner Spezies erfahren.
    Das Wissen um die Selbstbestimmtheit jedes Menschen erklärt auch die von Gauck erwähnte Metapher vom „Apfel im Garten Eden“. Als – so die Bibel – Adam und Eva vom „Baum der Erkenntnis“ kosteten, landeten diese nicht, wie Gauck ausführt, „unversehens im Gefilde der Arbeit und der Sorgen“, denn auch die frühen Menschen hatten wohl selbst für Nahrung, Kleidung und Behausung sorgen müssen. Die Metapher stellt den Versuch dar zu beschreiben, dass die Menschen ihre Erkenntnisfähigkeit erlangten und damit auch ihre Selbstbestimmtheit erkennen konnten. Damit wurde ihnen die Tatsache bewusst, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten und auch mussten. Sie hatten damit ihre Freiheit und Selbstverantwortung entdeckt.

    Solche einfachen Zusammenhänge hört man vom Bundespräsidentschaftskandidaten Gauck nicht. Das erklärt auch, warum Gauck nicht erkennen will, welche Verletzung der Selbstbestimmtheit der Mehrheit der Bürger Afghanistans und auch der Mehrheit der Bürger Deutschlands durch eine deutsche “Parlamentsarmee“ angetan wird. Die Mehrheit der Bürger ist, wie das Grundgesetz, gegen den Afghanistankrieg. Gauck hat nicht begriffen, dass es keines Menschen Recht ist, einem anderen das aufzuzwingen, was er für „Glück“ und „Recht“ hält. Hilfe kann zwar angeboten und gegeben werden. Hilfe zur Selbsthilfe mit Gewalt aus Deutschland kombiniert – das geht nicht, weil dies die Selbstbestimmtheit des Mitmenschen verletzt. Hat Guck sich nie gefragt, was das für ein Staat ist, in dem – aus gutem Grund – Folter verboten, aber Morden im Ausland erlaubt ist, weit entfernt von jedem Selbstverteidigungsargument.

    Nie wieder Krieg! – mit diesen Aufschrei sind Millionen von Menschen, auch der Autor dieses Beitrages, nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen und es brannte sich in ihre Erinnerung als Verpflichtung ein.
    Und Gauck? Tage vor seiner Rede befragt, wie er zum mörderischen, grundgesetzwidrigen Kriegseinsatz in Afghanistan stehe, antwortete mit den haarsträubenden Sätzen „Ich kann ertragen, dass wir dort sind.“
    Sicher – Gauck kann’s zu Hause ertragen. Sein Leben ist durch Kriegshandlungen nicht gefährdet. Aber er hält es dennoch „nicht für besonders erwachsen“ die „Solidargemeinschaft der Kämpfenden“ zu verlassen.

    Dass Krieg, allein aus der Selbstbestimmtheit aller Menschen, nur im Verteidigungsfalle vertretbar ist, solches hört man vom Pfarrer Gauck, einem, der das Christsein zum Gegenstand seines Berufs gemacht hat, nicht. Dabei weiß auch er: Es gibt keinen „gerechten Krieg“ und selbst der Verteidigungskrieg zwingt den ehedem Gerechten in schreckliche Schuld. Und gerade diese Tatsache berechtigt vom Wahnsinn des Krieges zu sprechen. Wenn Gauck auch anderes in seiner Rede behauptet: Diesen Wahnsinn zu erkennen, war ihm und anderen auch in der DDR möglich. Auch dort hatte er die „Freiheit des Denkens“, auch dort konnte er diese „lernen und einüben“. Warum also diese larmoyante Selbstbemitleidung?

    Was anders kann man im Streit zum Thema „Krieg“ einem evangelischen Pfarrer berechtigter entgegenhalten als die Bibel? Worte der Bibel, wie „…denn alle, die zum Schwerte greifen, werden durch das Schwert umkommen.“(Matthäus 26,52) oder auch „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Jesaja 2,4) waren von Gauck nicht zu vernehmen. Man fragt sich unwillkürlich: Was hat einst der ordinierte Hirte Gauck seinen Schäfchen gepredigt? Hat er nicht, nach seiner Überzeugung, das „Wort Gottes“ verkündet und hat er nie von der Heuchelei aus Matthäus, Kapitel 15, Vers 7 – 11 gesprochen?
    Gauck kritisiert in seiner Rede den Afghanistan-Einsatz der „Parlamentsarmee“ nicht – sind doch die beiden Parteien, die ihn ins höchste Staatsamt bringen wollen, selbst für deren Einsatz mitverantwortlich. Und so stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit und einer selbstverschuldeten Unfreiheit Gaucks: Könnte ein Bundespräsident Gauck gegenüber den ihn fördernden Parteien überhaupt unabhängig agieren und so frei von deren Erwartungen sein? Der Autor bezweifelt das ausdrücklich.
    Am liebsten, so scheint es, hätte Gauck über Afghanistan geschwiegen. So ist Afghanistan auch nur einmal kurz Gegenstand seiner Rede im Deutschen Theater. Gauck: „Solange deutsche Soldaten […] dort eingesetzt werden und nicht aus deutschem Übermut, der einst Truppen in Bewegung setzte, um Länder zu erobern oder Ressourcen auszubeuten, kann ich einen derartigen Einsatz nicht verurteilen.“ Da war Horst Köhler doch ehrlicher. Der hatte klar zum Ausdruck gebracht, was der Zweck des Afghanistaneinsatzes ist: Machterweiterung mittels irriger Herrenmenschenideen. Gauck weiter: „Ich fühle mit, wenn ich die Trauer der Mütter der Kriegsopfer sehe. Aber nicht Verantwortungslosigkeit hat ihre Söhne geschickt, sondern aus Verantwortung wurden sie geschickt und aus Verantwortungsbereitschaft sind sie gegangen.“
    Gauck fühlt also mit. Bei solcher Art Gerede muss immer wieder die gleiche Frage gestellt werden: Haben sich die „Verantwortungsträger“ auch selbst oder ihre Kinder in einen sinnlosen Kriegseinsatz „geschickt“ oder bleiben sie eigens aus dem Grunde zu Hause, die heimkehrenden Toten in „zentralen Trauerfeiern“ beweinen zu können? Und – nachdem Gauck schon aus Altersgründen als Soldat nicht taugt: Ist eines seiner Kinder Soldat in Afghanistan? Das ist nicht zu hoffen, denn jeder Deutsche, der dort als Soldat weilt, ist einer zuviel.

    War Joachim Gauck in seiner Rede schon nicht in der Lage zu vermitteln, was Freiheit und deren Ursache ist, so konnte er zwangsläufig auch nicht darlegen, was Demokratie, deren Ursache und Rechtfertigung ist. So erwähnte Gauck kein einziges Mal den HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE aus Artikel 20 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“

    Demokratie ist keine nette “Gutmenschen”-Veranstaltung mit Trallalla, pastoralen Reden, Händchenfassen, Zapfenstreich und Nationalhymne (man höre ergänzend hierzu auch: Gauck beim DLF am 13.06.2010 „Denk ich an Deutschland“). Im mehrfachen Sinne falsch ist es zu behaupten, Demokratie sei „…keine ausschließlich rationale Veranstaltung.“ Richtig ist: Demokratie ist überhaupt keine „Veranstaltung“ und – beachtet man den HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE – eine zudem überaus rational durchdachte Herrschaftsform (nicht Staatsform), in der alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Diese Herrschaftsform gründet auf der Selbstbestimmtheit und damit auch auf der Selbstverantwortung jedes Einzelnen der Spezies Homo sapiens, des Menschen. Da in einer organisierten Menschengemeinschaft, einem „Staat“, aus naheliegenden Gründen nicht alle „Staat machen“ können, muss die Gemeinschaft einen Teil ihrer Mitglieder, die sich zuvor dazu freiwillig bereit erklärten, mittels Wahlen delegieren, damit diese die notwendigen Aufgaben in den Organen übernehmen (Artikel 20 Abs. 2 S. 2 Grundgesetz). Die Menschengemeinschaft gibt damit ihre Macht nicht an Einzelne ab, sondern beruft diese nur auf Zeit Dienst zu leisten innerhalb einer der drei Organe (Legislative, Exekutive und Judikative) und damit auch an der Menschengemeinschaft.

    Die bereits erwähnte Selbstbestimmtheit hat ihre Ursache in der bereits erwähnten Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Die Selbstbestimmtheit ist wiederum Ursache und Begründung des Anspruches, dass in einer Menschengemeinschaft, die wir „Staat“ nennen, alle Staatsgewalt (richtiger: Organgewalt) vom Willen der Menschengemeinschaft, dem Volke ausgehen muss.

    Der HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE beschreibt das Demokratieprinzip, welches sich auch dadurch ausdrückt, dass die Wahrnehmung der Aufgaben und die Durchsetzung der Befugnisse der Organgewalten, sich stets auf den Auftrag, sprich den Willen der Mehrheit des Volkes zurückführen lassen muss und auch gegenüber diesem zu verantworten hat. Dieser Wille des Volkes muss in Gesetzen sichtbar sein, die mittels demokratischer Verfahren geschaffen wurden. So sieht es das Grundgesetz vor und nichts anderes meinte im Kern auch das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung BVerfGE 83, 71 ff.

    Der HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE schreibt das Selbst- und Letztbestimmungsrecht der Bürger unabänderlich fest („Ewigkeitsklausel“ aus Art. 79 Abs. 3 Grundgesetz) und damit auch die Souveränität des demokratischen und sozialen Bundesstaats Bundesrepublik Deutschland (Artikel 20 Abs. 1 Grundgesetz). Das Letztbestimmungsrecht wird auch durch Artikel 20 Abs. 4 Grundgesetz ausgedrückt: Die Bürger können ihre demokratische Ordnung auch nach Innen hin mit Gewaltanwendung verteidigen, wenn eine andere, friedfertige Abhilfe der Gefahr nicht möglich ist.

    Es ist also mit der Demokratie nicht so, wie sich Gauck etwas kryptisch auszudrücken beliebt. Demnach sei Demokratie „…jenes lebendige Gebilde, das Partizipation ermöglicht und Identifikation neben den Parteien schafft.“ Dieses unbestimmte Reden wird auch nicht dann bestimmter, wenn sich Bürger „in Beziehung zu anderen setzen…“.
    Auch Gaucks Formulierungen gleich zu Beginn seiner Rede lassen erkennen, dass er die Beziehungen zwischen Demokratie und Freiheit nicht verstanden hat. Es gibt nicht Freiheit und Demokratie, so, als ob beides getrennt betrachtet werden könnte. Richtig ist vielmehr: Demokratie ist Ausdruck der Selbstbestimmtheit jedes einzelnen Mitgliedes in einer organisierten Menschengemeinschaft. Damit bedeutet Demokratie stets Freiheit und so ist in einer Menschengemeinschaft Freiheit nur mittels der Herrschaftsform Demokratie möglich.

    Solches, wie vorstehend zu den Begriffen „Freiheit“ und „Demokratie“ dargestellt oder zumindest etwas, was im Kern damit übereinstimmt – ist in der Rede des Bundespräsidentschaftskandidaten Gauck nicht auszumachen. Auch ist beispielsweise nichts von der zunehmenden Missachtung der Selbstbestimmtheit der Bürger durch die Politik zu vernehmen. Aber man kann ja hoffen.
    Wenn Joachim Gauck sich einmal bemüht hat zu verstehen, dass die Prinzipien der Demokratie auf der Selbstbestimmtheit jedes Menschen beruhen, dann wird er Demokratie auch nicht mehr – wie in den Schlusssätzen seiner Rede – mit dem unbestimmten, fast metaphysischen Begriff des „Glücklichseins“ gleichsetzen. Er wird dann begreifen, dass die Bürger keine Demokratie „haben“, so, wie man einen Gegenstand besitzt oder ein Recht hat, vielmehr die Bürger aus ihrer Selbstbestimmtheit heraus Demokratie selbst gestalten müssen. In solcher Selbstbestimmtheit können die Bürger – losgelöst von einem nur äußeren Rahmen aus Politik und Herrschaftsform – ihr persönliches Glück erhoffen und auch gestalten und damit auch zum Glücklichsein ihrer Mitmenschen beitragen. Der mehrdeutige Begriff „Glück“ kann, soweit ein Ergebnis des Zufalls gemeint ist, unerörtert bleiben.

    Zum Schlusse muss noch gesagt werden: Die vorstehende Kritik an Joachim Gaucks Rede soll keine Empfehlung anderer Bundespräsidentschaftskandidaten sein. Sie soll auch nicht darüber hinwegsehen, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der wahlberechtigten Bürger zu einem Bundespräsidentschaftskandidaten weder ein NEIN, noch ein JA zum Ausdruck bringen kann. Und auch das ist eine der vielen Missachtungen der Selbstbestimmt der Bürger.