Juso-Bundeskongress in Essen: Drohsel geht, Vogt kommt

bkjusos-2191 Eine lange Rolltreppe führt zum Kongresssaal. Sie dient nicht nur als notwendiges Fortbewegungsmittel, sondern symbolisiert auch, dass es mit den Jusos und auch der SPD aufwärts geht. Der Tagungsraum verbreitet eine Atmosphäre zwischen Klassenfahrt und Uni-Hörsaal. Delegierte fordern den Klassenkampf, die Fortführung der Kohlesubventionen, und geißeln die Schuldenbremse als den größten Fehler der SPD in der großen Koalition.

Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß spricht das Grußwort und wirbt für das Ruhrgebiet … und qua Amt vor allem für Essen. Er versucht sich den Delegierten mit flotten Sprüchen zu nähern und scheitert doch. Die Jungsozialisten unterhalten sich lieber, als dem alten Mann zu lauschen, was vom Tagungspräsidium moniert wird.
Sie wollen nicht Paß hören, sie wollen Franziska Drohsel, ihre Bundesvorsitzende, hören. Wie keine Andere hat sie die Arbeit der Jusos geprägt; sie war das Gesicht des Verbands, das linke Gewissen der SPD. So ist es nicht verwunderlich, dass Drohsel mit viel Applaus zum Rednerpult getragen wird. Es wird ihre letzte Rede in der Funktion als Bundesvorsitzende sein. Aus persönlichen Gründen, so schrieb sie in einem offenen Brief, will sie nicht erneut kandidieren.
Franziska Drohsel kritisiert die Krisengewinnler, den entfesselten Finanzmarkt, die Banken, die ihren Aktionären schon kurz nach der Krise wieder Wunschdividenden verkündeten. Ihre Rede wird von Minute zu Minute leidenschaftlicher. Die Finanzblase sei Symptom und nicht Ursache der Krise. Und dann folgt die Abrechnung mit Franz Müntefering. Es ist nur ein Satz, aber dieser manifestiert die politische Haltung von Drohsel und den Jusos. „Die Jusos konnten Menschen ansprechen, deren Vertrauen in die Sozialdemokratie erschüttert war. Das war für mich ein ermutigendes Zeichen dafür, dass es sich lohnt, sich nicht kurzfristig den Wogen des Parteivorstandes anzupassen, sondern wichtige Grundüberzeugungen konsequent zu vertreten.“
So richtig in Fahrt gekommen warnt Franziska Drohsel eindringlich vor „Möchtegern“-Linken. Es sei nicht alles links, was sich links nennt. „Da wo eine verkürzte Kapitalismus-Kritik zu Antiamerikanismus und Kritik an Israel zu Antisemitismus wird, da müssen wir aufstehen!“ Zum Ende ihrer Rede, schwört sie die Delegierten auf das Credo der Jusos ein: „Wir wollen, dass alle Menschen in Freiheit, Gleichheit und Solidarität leben können“.
Die Rede ist angekommen, und die Berlinerin wird mit standing ovations gefeiert. Ihrem Charakter entsprechend setzt sie sich schnell hin und fordert auch die Delegierten auf, es ihr nach zu tun. Sie wirkt gefestigt; kein Zeichen des Zweifels, dass ihre Entscheidung aufzuhören richtig sei, ist erkennbar. Erst als später Hannelore Kraft (die ebenfalls mit minutenlangen Applaus als zukünftige Ministerpräsidentin begrüßt wird), eine Dankesrede für die scheidende Bundesvorsitzende hält, wirkt sie sichtlich bewegt.

Den Jungsozialisten ist zu wünschen, dass Sascha Vogt, die Lücke, die Franziska Drohsel hinterlässt, zügig schließen kann. Der 29-jährige Vogt wird mit 68,1 Prozent der Stimmen zum neuen Juso-Bundesvorsitzenden gewählt. In seiner Bewerbungsrede kritisierte er die schwarz-gelbe Bundesregierung scharf:

„Jetzt müssen die Opfer der Krise die Suppe auslöffeln, die Spekulanten ihnen eingebrockt haben. Das ist das asozialste Sparpaket der Geschichte. Merkel und Westerwelle betreiben Klientelpolitik. Krisenpolitik wäre, jetzt die internationale Finanztransaktionssteuerund die Vermögenssteuer einzuführen sowie den Spitzensteuersatz der Einkommenssteuer zu erhöhen!“

Eine Fotostrecke finden sie hier.

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