Müntefering im ersten großen Interview nach seinem Rückzug: Es war vielleicht "nicht ganz klug", 2004 den SPD-Vorsitz zu übernehmen

franzmuentefering1 Bonn (ots) – Als einziger Sozialdemokrat hat Franz Müntefering zweimal das Amt des SPD-Vorsitzenden innegehabt. Heute sieht er seine erste Amtsperiode 2004 jedoch kritisch: "Ich glaube, dass es nicht ganz klug war, dass ich es damals beim ersten Mal gemacht habe. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn Gerhard Schröder Vorsitzender geblieben wäre", sagt er in der PHOENIX-Sendung IM DIALOG (Ausstrahlung Freitag, 18. Juni 2010, 24.00 Uhr; Wiederholung: Sonntag, 20. Juni 2010, 11.15 Uhr). "Im Rückblick war das Amt eine große Ehre." Vielleicht sei er aber auch ein bisschen zu eitel gewesen, denn er habe das Amt übernommen, obwohl er gewusst habe, dass es schwierig wird. Das PHOENIX-Gespräch ist Münteferings erstes großes Interview seit seinem Rückzug von der SPD-Spitze 2009.

Als er das Amt des SPD-Parteivorsitzenden 2004 übernahm, habe es eine gewisse Erwartung der Partei gegeben, "dass ich etwas ändern würde an der politischen Linie von Schröder". "Aber das wollte ich gar nicht", sagt Müntefering. Er sei von dem Programm überzeugt gewesen. Die Agenda sei oft verkürzt dargestellt worden.

Im PHOENIX-Interview spricht der 70-jährige Sauerländer über sein Politikerleben, den privaten Franz Müntefering und die aktuelle Politik in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland. "Unsere Stärke 2002/2003 ist es gewesen, dass wir ein Ziel gesetzt haben, wohin die Reise gehen soll für das Land", sagt er. "Umstritten, kantig, eckig, schwierig. Aber das war eine Himmelsrichtung." Was CDU/CSU und FDP jetzt machten, habe keine Richtung. Bundeskanzlerin Angela Merkel sei auch nicht die Persönlichkeit, die diese Perspektiven für die Politik habe. Man müsse ein Ziel haben. "Wenn man sich nur nach Umfragen richtet, und danach, wo gerade die Mehrheiten sind, gibt das ein Durcheinander. Und das ist jetzt der Fall."

Müntefering denkt, dass Angela Merkel und Guido Westerwelle fälschlicherweise geglaubt hätten, "weil man sich kennt, weil man früher schon mal miteinander Cabrio gefahren ist", könne man auch miteinander Politik machen. "Sie haben sich nicht wirklich die Arbeit gemacht, einen Koalitionsvertrag zu machen, der eine Linie hat und nun stolpern sie von einem Punkt zum anderen."

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