Duisburg ist Scheiße

Manche Leute sagen …
Um keine Namen nennen zu müssen, habe ich als ersten Satz dieses auch schon in seiner Überschrift sogleich als liebevoll erkennbaren Beitrags das englische „some people say“ ins Deutsche übertragen. Die Leute sagen, und zwar zu allem Überfluss auch noch ausgerechnet mir, das sei ja schön und gut, dass ich meine Kolumnen solch interessanten Themen wie Gott und der Welt, Israel und Islam, Griechenland und dem Schafskäse widme.
Gut und schön, wobei sie damit eigentlich ungut und unschön meinen, wie die daran anschließende Anregung deutlich macht. Ich solle doch besser mal etwas über Duisburg schreiben. Über Duisburger Themen, die nämlich würden die Menschen interessieren.
Einmal ganz abgesehen davon, dass ich es für nicht ganz unproblematisch halte, allen Nicht-Duisburgern à priori ihr Menschsein abzusprechen, und dass ich mich durchaus schon zu Ereignissen, obwohl oder weil sie sich in Duisburg zugetragen hatten, geäußert hatte, gerät bei diesem Vorschlag nur allzu leicht eine Binsenweisheit in Vergessenheit: Duisburg ist Scheiße.

Foster-Plan
Bild: Stadt Duisburg

Und zwar richtig Scheiße. Und weil das meilenweit zum Himmel stinkt, riecht das auch jeder. Und weil die Leute es hier nicht an der Nase haben, weiß das auch jeder. Aber hier in Duisburg pflegt man die Nase genauso zu benutzen, wie Augen, Ohren und Mund. Am besten gar nicht. Und weil es im Duisburger Affenhaus so verdammt stinkt, heißt es: Nase zuhalten. Kein Problem; schließlich hält man sich ja auch schon gewohnheitsmäßig alles Andere zu. Augen, Ohren, Mund. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Ruhe im Duisburger Affenhaus.
Und da soll ich den Nestbeschmutzer abgeben?! Na, ich glaube es wohl. Warum sollte ich. Ich habe doch hier nicht hingeschissen! Ich kann doch nichts dafür, dass Duisburg die höchste Arbeitslosenquote im ganzen Land hat! Ja, ich weiß, Herr Oberbürgermeister, man könnte es auch so sehen, dass wir hinter Gelsenkirchen erst auf Platz Zwei liegen. Was aber trotzdem Scheiße ist.
Und die Leute, die Arbeit haben, verdienen nirgendwo weniger als in Duisburg. Im Durchschnitt, ja klar. Bei städtischen Gesellschaften wird durchaus ordentlich gezahlt. Oben jedenfalls. So schlau bin ich auch. Das ändert jedoch nichts daran, dass Duisburg in der Einkommensstatistik Schlusslicht in der Region ist.
Seien wir ehrlich: der ganze Strukturwandel, von dem seit Jahrzehnten so viel die Rede ist, kommt mit der Geschwindigkeit, in der hier alles den Bach runter geht, nicht mit. Er kann überhaupt nicht mitkommen. Wir müssen doch froh sein, dass es in dieser großen Wirtschaftskrise die Konjunkturprogramme gegeben hat, und – mehr noch – diese Kurzarbeiterregelung.
Muss man sagen, das hatte die große Koalition in Berlin – trotz all ihrer Zaghaftigkeit – toll gemacht. Was sonst hier los wäre! Nicht auszudenken. Ja, ich weiß auch, dass diese Krisenpolitik nicht allein für Duisburg konzipiert wurde. Düsseldorf hatte sogar etwas mehr Geld aus den Konjunkturprogrammen bekommen als wir. Muss man sich mal vorstellen!
Spielt aber dann keine große Rolle, wenn man die ganze Kohle aus der Kurzarbeiterregelung mit in Betracht zieht. Keine Ahnung; ich habe keine Lust, die Zahlen zu recherchieren. Ich schätze mal, in Duisburg ist ein Vielfaches an Kurzarbeitergeld angekommen wie z.B. in Düsseldorf. Ohne dem wäre hier Schicht gewesen.

Das zeigt aber nur, wie beschissen die Lage hier ist. Die Gefahren sind ja nicht vom Tisch. Und selbst wenn jetzt nichts mehr anbrennen sollte: Konjunkturkrisen gibt es immer wieder. Wie man es dreht und wendet: die ökonomische Basis dieser Stadt ist durch und durch morsch.
Wohlbemerkt: mit Ökonomie sind hier nicht die paar Cents gemeint, die der Kämmerer noch ausgeben darf. Mit Wirtschaft meine ich hier das, wo die Menschen – etwas altbacken ausgedrückt – zur Arbeit gehen und ihre Brötchen verdienen können. Die Arbeitslosenquote und die Einkommensstatistik belegen, dass Duisburg der marktwirtschaftlichen (oder kapitalistischen, das überlasse ich Ihnen) Entwicklung immer weiter hinterherhinkt.
Dass die Stadt, wie es so griffig heißt, pleite ist, hat in diesem Zusammenhang nur den Charakter einer Randnotiz. Aber auch nur in diesem Zusammenhang; grundsätzlich ist es schon von großer Bedeutung, dass im städtischen Haushalt so gut wie gar nichts mehr geht. Sozial verheerend, Demokratie aushebelnd und die Abwanderung begünstigend. Die Abwanderung derer, die es sich leisten können, also hier etwas minoritären, dafür umso mehr geschätzten Steuerzahler.

Man nennt so etwas Abwärtsspirale. Je weniger die bankrotte Stadt an „weichen“ Standortfaktoren und ihre marode Wirtschaft an Arbeitsplätzen anbieten kann, desto mehr junge, qualifizierte und einkommensstarke Menschen kehren ihr den Rücken. Die Triple-A-Diagnose des Planungsdezernenten ist nicht von der Hand zu weisen: Duisburg hat zu viele Arme, Arbeitslose, Alte.
Aber was tun. Die kommunale Kasse ist leer, und so kommt man aus dem Staunen und Freuen gar nicht mehr heraus, wenn die Bezirksregierung wider Erwarten Geld für die abgespeckte Version des sog. Stadtfensters frei gibt … Quatsch: der Regierungspräsident gibt überhaupt kein Geld.
Er erlaubt großzügig, dass Duisburg ein Gebäude bezahlen darf, für zwei Institute, nämlich für die Stadtbibliothek und für die VHS, die gegenwärtig nicht ganz so optimal untergebracht sind. Und dazu noch für ein NS-Dokumentationszentrum.
Gute Sache. Wenn jetzt die Star-Architekten auch noch berücksichtigen, dass nicht nur das neue Stadtfenster, sondern auch die alte Kneipe nebenan ein Fenster braucht, kann gebaut werden.
Fragen Sie mich nicht: irgendwie hat dieses Stadtfenster auch mit diesem Foster-Plan zu tun. Wie bitte?! Denn kennen Sie nicht? Müssen Sie aber; Norman Robert Foster, Baron Foster of Thames Bank, ist nämlich ein richtiger Star-Architekt. Und wenn Sie den schon nicht kennen, sollten Sie zumindest einen Plan von seinem nach ihm benannten Plan haben! – Ja, wie soll ich Ihnen das denn jetzt erklären?!

Sauerland - Foster

Bild: Stadt Duisburg

Ich fange mal so an: auch ohne jede Kenntnis der hier angesprochenen politischen und sozial-ökonomischen Bedingungen der sterbenden Montanstadt können Sie den unerfreulichen Umstand, dass Duisburg Scheiße ist, auf den ersten Blick erkennen, wenn Sie einfach mal die Augen aufmachen. Allein wie diese Stadt schon aussieht!
Als ich vor ein paar Jahren auf einer politischen Versammlung so ganz am Rande in aller Unauffälligkeit zur Vorbereitung eines Arguments die Andeutung gemacht habe, dass die Duisburger Innenstadt potthässlich ist, trafen mich Blicke, die ein Ausmaß von Indigniertheit offenbarten, dass sie ortsfremde Menschen, die nun einmal nicht von der hier unvermeidlichen pausenlosen allgemeinen Abhärtung profitieren, hätten töten können.
Nicht etwa, dass man es so nicht sagen könne, wurde mir entgegengehalten, sondern dass man es so nicht sagt. Zu diesem Zeitpunkt war der besagte Foster-Plan noch nicht veröffentlicht, aber ein paar Wochen später. Der Masterplan für die Duisburger Innenstadt fasst dabei, um es mit einem Wort zu sagen, ins Auge, die City über einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren großflächig auf links zu drehen.
Und locker, so wie ein Rocker, sprach der Stadtratsmeister zum ZK: „Nichts wird mehr so sein, wie es mal war!“ Eine Vision! Eine echte Revolution. Runderneuerung der Innenstadt, und das Tollste: Begeisterung allerorten. Zustimmung von allen Parteien und all denen, die es auch noch irgendwie etwas angehen könnte. Nicht etwa eine kleine Schönheitsoperation, sonst gleich ein ganz neues Gesicht.
Mindestens. Meinten und meinen alle. Nirgendwo eine Widerrede, nur dem Planungschef geht die ganze Sache noch nicht weit genug. Egal, klar ist jedenfalls, alles muss anders werden, in der ganzen Stadt, und ganz besonders natürlich direkt am Bahnhof. Die Visitenkarte, sozusagen. Und dahin kommt ein Vorzeigeprojekt, so der Plan …

Aber, wie das so ist: da macht man einen Plan, und dann hält man sich nicht dran. Okay, man soll ja nicht immer „man“ sagen. Also: der Möbelfritze, wie er sich selbst nennt, hat sich nicht dran gehalten. Der hat einfach das Grundstück, das für die Vision vorgesehen war, gekauft. Gemein! Da kann man nichts machen; dann beerdigt man halt die Vision vom Vorzeige-Quartier, Marke „Freiheit“.
Ja sicher, das ist scheiße, und genau so sieht es auch aus. Gestern, heute und morgen. Immer! Am Bahnhof wie in der ganzen Stadt. Na und?! Seit wann leben denn Arbeitslose in einer Villa oder Beinahe-Arbeitslose in einem Penthouse? Es muss schon alles irgendwie ein bisschen zueinander passen.
Sagen wir es also ruhig: Duisburg ist Scheiße, und zwar richtig Scheiße. Aber es passt. Und wie das passt. Wie angegossen! Und wenn Ihnen das hier nicht passt, dann gehen Sie doch rüber! Ja, nach drüben. Sie wissen schon: dorthin, wo die diese supertollen Straßen haben, die zu supertollen Einkaufszentren führen – oder zu supertollen Wasserwerken und was die sonst noch so alles an supertoller Infrastruktur haben … – in ihrer national befreiten Zone.
Seit einiger Zeit holen sie schon busseweise unsere Rentner ab, damit die sich dort eine Eigentumswohnung kaufen oder einen Platz im Altersheim organisieren. Alles so schön da, so schön gepflegt und so. Dessen eingedenk kommen mir die Worte unseres Pfarrers in den Sinn, der nicht müde wurde, zu bedenken zu geben, dass die ganze Scheiße bei dialektischer Betrachtung auch Götterspeise sein könne.

4 thoughts on “Duisburg ist Scheiße

  1. duisburg is schizophrenic and so are the people here O_O is like you are living in a city full o dead people but alive O_O