Über Fußball, Fähnchen und die Normalität

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Und? Wie sieht´s aus?
Was? Sie haben immer noch nicht die Fähnchen an Ihr Auto angebracht?
Na, dann wird es jetzt aber höchste Eisenbahn!

Nein, ich bin auch noch nicht dazu gekommen, mich um Fähnchen zu kümmern. Entschuldigung! Mir geht es nämlich diese Woche nicht so gut. Es ist das Wetter. Ich weiß, Sie kommen damit auch nicht so gut klar. Aber für mich ist es schon gar nichts. Seit der Rückkehr von meiner Schiffsreise hänge ich eigentlich nur zuhause rum. Und so habe ich, um ehrlich zu sein, da auch gar nicht mehr dran gedacht.
Doch, die WM hatte ich natürlich im Kopf. Klar. Ich mache auch bei einem Tippspiel mit und habe mir die Termine notiert. Die von den Deutschland-Spielen. Logisch. Nur dass das ja jetzt auch alles mit Fähnchen stattfindet, hatte ich irgendwie verdrängt. Das muss an mir liegen. Ganz bestimmt lag es an mir; denn – wie gesagt – ich bin ja die letzten Tage nicht vor die Tür gegangen.
Aber heute ging es nicht anders. Ich musste raus. Wetter hin, Wetter her. Und unterwegs – ich weiß, wem sage ich das?! – waren sie nicht zu übersehen. All die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an den liebevoll geschmückten Personenkraftwagen. Ich war selbstredend auch mit so einem Gefährt on the road, nur halt ohne Fähnchen.
Und – wie gehabt – auf der Autobahn endlich wieder die unheimliche Begegnung der dritten Art: Flitzende Fähnleinführer so weit das Auge blicken konnte. Aber auch viele LKW-Fahrer zeigten Flagge; prozentual betrachtet legen die Brummifahrer sogar weit mehr Nationalstolz an den Tag als der Rest der motorisierten Bevölkerung. Wie Sie wissen, braucht man nicht einmal ein Kraftfahrzeug, um zu zeigen, für welche Nation überraschenderweise das Herz schlägt.

Sie können eine Deutschland-Fahne auch ins Fenster hängen. Oder, noch besser: aus dem Fenster. Oder aufs Dach. Ihrer Phantasie sind da keinerlei Grenzen gesetzt. Nur los! Andere machen es ja auch! Ja sicher, Landsleute. Warum sollten sich denn Leute in anderen Nationen eine Deutschland-Fahne – und von der rede ich doch gerade! – ins Fenster hängen?!

Aber klar. In anderen Ländern ist die Vaterlandsliebe kein Stück weniger verbreitet als hierzulande. Und wie bei uns verschafft sie sich vor, und gewiss auch während des großen Kräftemessens mit den anderen Nationen Gehör und auf vielfältige Weise wahrnehmbare optische Aufmerksamkeit.
Nur war mir bereits zuvor bekannt, wie fußballverrückt die Leute in Holland und in England sind. Aber – wie gesagt – am letzten (langen) Wochenende hatte ich das Vergnügen, es persönlich zu erleben. Und trotz meines jungen Lebens hatte ich auch schon diesbezügliche Impressionen aus südeuropäischen Ländern erleben dürfen. Außerdem berichten ja zu den gegebenen Anlässen auch die Zeitungen und – hier wichtiger: die Fernsehanstalten.
Völlig klar: die Leute sind überall fußballverrückt. Selbst dann, wenn sie vom Fußball so viel verstehen wie ich vom Internet. Insofern wäre in Erwägung zu ziehen, statt von „fußballverrückt“ einfach von … – hhmm, wie könnte man sagen – „patriotisch“ zu sprechen.
Bekanntlich ziehen die mit diesem Fußballfieber, das – wie gesagt – nur rein zufällig und überhaupt ziemlich wenig mit Fußball zu tun hat, Infizierten es vor, ihre Selbstdiagnose „Nationalbewusstsein“ oder auch „Nationalstolz“ zu nennen. Was im übrigen das Natürlichste auf der Welt sei, weil es ja unbestreitbar überall auftritt.
Also gut: Nationalbewusstsein ist das Natürlichste auf der Welt. Zugegeben. Was überall und offenbar unvermeidlich vorkommt, hat tatsächlich etwas Natürliches an sich. Und die Natur kann eine tolle Sache sein, wenn Sie zum Beispiel in Rechnung stellen, dass ich, Jurga, nichts bin als Natur. Bedauerlicherweise ist Natur pur grottenblöd, und manchmal richtig gemein bis mörderisch.

Aber keine Frage: unnatürliches Verhalten macht – fast möchte ich sagen: natürlich – auf die Dauer krank. Wenn man nun so einen Hang hat, ihn aber nicht ausleben kann, weil man ihn nicht ausleben darf – oh, oh, oh: das ist gar nicht gut. Man kennt das ja. Unsere Handschrift ist eigentlich nichts für Linkshänder. Das könnte ganz schön schmieren. Trotzdem sagt man sich heutzutage: Umpolen bringt nichts.
Homosexualität hat kein Reproduktionspotenzial, alles weitere wie bei den Linkshändern. Fazit: so einige – sagen wir mal: Angewohnheiten; ach nein – Neigungen lassen sich den Menschen schlecht austreiben. Wird es dennoch versucht, sind die Ergebnisse ernüchternd.
Abgesehen davon, dass sowieso nichts dabei herauskommt, dass die beabsichtigte Umerziehung in absoluter Erfolglosigkeit versandet, sind auch die negativen Folgen einer Strategie des Verbietens, des Tabuisierens, des Bestrafens etc. unschwer zu übersehen. Dies gilt auch dann, wenn die Norm, die durchgepeitscht werden soll, von den tatsächlichen oder potenziellen Normabweichern als recht und billig anerkannt wird.
Ist dies jedoch nicht der Fall, wird also ein Trieb unterdrückt, der als das Natürlichste auf der Welt, weil alle Anderen ja ebenfalls diesen oder zumindest einen ähnlichen Trieb verspüren und vor allem auch noch ausleben, werden die triebhaushaltstechnisch Gegängelten nicht nur nach der erfolglosen „Therapie“ komisch, sondern schon während der Übung verdammt sauer.

Ja, und so war das früher. Hier in Deutschland, mit dem „Nationalbewusstsein“ oder, wenn Sie so wollen, dem „Nationalstolz“. „Alle dürfen es“, hatte man sich damals erzählt, „nur wir nicht.“ Verständlich, so etwas ist wirklich sehr ungerecht. „Guck mal, die Franzosen. Oder nimm die Engländer. Hihi, auch die Holländer. Und sogar die Italiener, obwohl die ja eigentlich auch …“
Es folgte die Wiederholung des Klageliedes, dass alle dürfen, wir aber nicht, was – logisch ist das, jeder muss das einsehen – eine ziemliche Sauerei ist. Über den Grund, warum dieses schreckliche Unheil über das deutsche Volk hereingebrochen ist, gab es – je nach Bildungsniveau, Intelligenz und / oder Sensibilität – unterschiedliche Erklärungsmuster für ein und denselben Sachverhalt.
“Nur weil wir den Krieg verloren haben“, lautete das Resultat der Ursachenforschung bei den einen, was auch gegebenenfalls bei einer Freistoßentscheidung für das gegnerische Team als Begründung herhalten musste. Die scheinbar etwas Erkenntnisreicheren, Schlaueren und Sensibleren legten dar:
“Das war das erste, was sie uns ausgetrieben haben: das Nationalbewusstsein. Da haben sie sich gesagt: das lassen wir bei denen erst gar nicht mehr aufkommen.“ Aus verständlichen Gründen, wie man unter der Hand einräumte, weil … ach, ist ja auch egal.

Jedenfalls: da konnte ja nichts draus werden. Ob nun verboten oder ausgetrieben: das konnte ja gar nicht klappen. Und seit dem Sommermärchen vor vier Jahren machen wir es jetzt einfach. Genau so, wie alle Anderen auch. Bilden wir uns ein. Genau so, wie wir uns einbilden, dass „die“, so wie die Alten sungen, uns hätten irgendetwas austreiben oder gar verbieten wollen.
Das stimmt aber gar nicht, auch wenn es hierzulande alle, wirklich alle glauben. Wo hat denn so ein Verbot gestanden? Oder welcher Exorzist hat denn wie irgendwelche Austreibungsversuche durchgeführt?
Humbug. Einfach eine Story, die uns gefällt, weil sie die Alten sungen. Und weil sie tatsächlich angenehmer ist als die schlichte Wahrheit, dass die Deutschen in schmutzbuckeliger Weise versucht haben, sich als gleichsam Top-Zivilisierte an die lieben Nachbarn ranzuschleimen.
Und als es vor vier Jahren wirklich kein Halten mehr gab, als der Triebdurchbruch nicht mehr verhindert werden konnte, weil die WM bei uns stattfand – das erste Mal überhaupt … seit 1974 -, haben wir uns gewundert, dass die Nachbarn uns netter fanden, als wir gedacht hatten.

Komische Leute, hatten wir gedacht, die finden uns gut, obwohl wir ganz normal tun. Wir sind nämlich ganz normal, denken wir auch heute noch. Die anderen sind doch schließlich auch alle fußballverrückt. Mit nationalem Kram und so. Obwohl …
Bei denen ist das immer so komisch. Was die für Sitten haben. Zum Teil echt zum Beömmeln! Gut, bei den Afrikanern und Südländern ist es wegen der ganzen Mentalität. Aber auch bei den Franzosen oder sagen wir: bei den Engländern: gucken Sie sich das mal an. Das ist doch echte Spinnerei. Für mich ist sowas nicht normal! Wir sind normal.

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