Schicksalstage, freie Meere, einfach mal Abhauen

Flam-im-Dunst-der-Kreuzfahrtschiffe

Bild: GEO

 

Ich war dann mal weg. Jetzt, dieses lange Wochenende. So heißt das in diesem unseren Lande, wenn am Donnerstag ein gesetzlicher Feiertag ist, und der Freitag dann kurzerhand zu einem „Brückentag“ gemacht wird. Zack, schon hat man ein „langes Wochenende“, was nicht ganz synonym mit dem „verlängerten Wochenende“ ist, um dies auch noch anzuführen.
Ach so, Sie sind „Arbeitnehmer“. Verstehe. Ja okay, dann finden Sie diese Wortklauberei sowieso nicht so witzig. Dafür können Sie sich jedoch hin und wieder mal ein langes Wochenende gönnen. Ich dagegen eher nicht; ich war einfach so mal weg. War aber auch okay.

Einfach mal raus aus Deutschland. Eine kleine Schiffsreise vom niederländischen zum Vereinigten Königreich. Mehr sitzt ja nicht drin in den paar Tagen. Egal: ich war dann mal weg. Und nichts habe ich mitbekommen von dem, was unser Land so in Atem hält. Dabei waren es, wie ich jetzt – wieder daheim – lesen muss „Schicksalstage“. Für Deutschland, also auch für mich.
Und speziell für mich eine ziemliche Blamage. Aus reiner Angeberei hatte ich ich kurz vor meiner Abreise noch damit geprahlt, dass ich schon am Montag Nachmittag gehört hatte, dass Ursula von der Leyen Nachfolgerin des zurückgetretenen Herrn K. werden solle. Das meldeten alle Anderen nämlich erst am Dienstag. Ich „wusste“ es schon einen Tag früher und war stolz wie …
Der Oskar übrigens hat gestern Abend bei der Anne Will erzählt, dass er schon irgendwie Verständnis dafür habe, dass Herr K. den Lafontaine gemacht habe. Schließlich sei der ja von den Medien ganz schön veralbert worden. „Horst Lübke“ hatte ihn der „Spiegel“ genannt. Und da der Bundespräsident nur die Macht des Wortes habe, meinte Lafontaine, dass unter diesen Umständen …
Sehr staatsmännisch, der Herr Oskar. Ich fand es schon komisch, dass ausgerechnet dem ranghöchsten Anti-Kriegs-Kämpfer der Republik scheinbar entgangen ist, mit welcher Äußerung der Fahnenflüchtige in die Kritik geraten war.

Köhler jedenfalls war mit diesem Amt restlos überfordert. Schon die Kinder lernen recht früh in der Schule, dass der Bundespräsident nichts zu sagen hat. Köhler hatte da wohl nicht aufgepasst. Und dann der Anlass des Rücktritts, sein Anlass: Köhler kann doch nicht sagen, dass Deutschland seinen Außenhandel, seine Handelswege "militärisch absichert". Hochnotpeinlich. Und in der Kritik erwartet er dann auch noch, dass Merkel, Westerwelle u.a. ihm beistehen.
Niemand hatte seinen Rücktritt gefordert. Aktive Politiker wären bei solcherart Beistand sofort fällig gewesen. Ein SPD-Bundestagsabgeordneter war so bescheuert, sich hinreißen zu lassen. Der wurde dann von oben kräftig zusammengefaltet und gut war …
Köhler war peinlich bis zum Abwinken, möglicherweise gerade deshalb so beliebt bei der Bevölkerung. Ein Bürgerpräsident, ein Typ wie Du und ich! Auch wenn wir beide – jedenfalls bisher noch nicht – Präsidenten des IWF waren: wir verstehen nicht, wie das in der „großen Politik“ so abläuft, ergreifen aber stets in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Größenwahn das Wort dazu.

Sympathisch. Aber trotzdem bitte nicht noch einmal so einen Betriebsfremden! Diesmal auf jeden Fall einen Profi. Diesmal bitte jemanden, der weiß, dass in einer Demokratie kein Mensch allein das Sagen hat. Nicht einmal der Präsident. Allerdings auch nicht einmal die Kanzlerin. Das konnte ich nicht wissen. Insofern ist es mir schon peinlich, dass Ursula von der Leyen es nicht geworden ist.
Ich war davon überzeugt, dass sie die neue Bundespräsidentin wird, weil Angela Merkel es doch so wollte. Peinlich, also für mich, aber irgendwie auch für Merkel. Und deswegen spricht die Presse, aber auch das Fernsehen jetzt von den „Schicksalstagen einer Kanzlerin“. Das ist zwar in der Sache Unfug, dafür aber als Metapher durchaus heiter.
Den jüngeren Lesern sei erklärt, dass hier die „Schicksalsjahre einer Kaiserin“ assoziiert werden mögen – eine Episode aus der bedeutenden Sissi-Trilogie mit Romy Schneider. Mutti verbrauchte immer paketeweise Papiertaschentücher, wenn dieser Streifen in der Flimmerkiste lief. Meine Mutti, versteht sich – nicht etwa die „Kaiserin der Herzen“, wie eine weitere Folge dieses bewegenden Dreiteilers hieß.
Wobei ich an dieser Stelle darauf aufmerksam machen möchte, dass ich das Urheberrecht für die Verleihung dieses Ehrentitels an unsere Bundesmutti beanspruche. Ich bitte Urban Priol um Verständnis für dieses kleinliche Insistieren; doch nach der Pleite mit der von der Leyen muss ich um jedes Stückchen Ehrenrettung kämpfen.

Sie war politisch einfach nicht durchsetzbar, die Zensursula – vermutlich war der Widerstand aus der Blogosphäre zu groß. Das geht ja auch nicht: erst die Meinungsfreiheit abschaffen wollen und sich dann Hoffnungen aufs höchste Amt im Staat machen! Ein großer Sieg für die Internet-Freiheitskämpfer, wobei fairerweise zugestanden werden muss, dass die Online-Piraten von ihren konservativen Unionskollegen in den Landtagen unterstützt wurden, denen das mit den Frauen einfach zuviel wurde.
Jetzt wird es ein Mann, ein katholischer Mann, wie ein namentlich nicht genannter CSU-Strippenzieher ganz stolz feststellte. Heavy on line, zu deutsch: schwer auf Draht, all diese freiheitskämpfenden Drahtzieher. Zumal Wulff alles mitbringt, was so ein deutscher Präsidentschaftskandidat braucht: Lächeln, permanente Tiefstapelei, absolute politische Profillosigkeit, beste Kungelqualitäten, Mitgliedsbuch der Mehrheitspartei. Optimal, zumal Merkel, nachdem von der Leyen öffentlich verbeult wurde, dann auch noch ihren allerletzten potenziellen Konkurrenten los ist.
Hätte die Kaiserin nur nicht gerade ihre Schicksalstage. Denn nun kommt die SPD mit einem Kandidaten, der rein freiheitskampftechnisch gesehen von nichts und niemandem zu überbieten ist. Im Einklang mit den führenden Blättern der freien Presse feiern konservativ-liberale Hinterbänkler den rot-grünen Joker, den pastoralen Kommunistenjäger und renommierten Totalitarismustheoretiker Joachim Gauck. Herr, erbarme Dich!

Auch die Online-Freiheitskämpfer kriegen sich nicht mehr ein vor Freude darüber, dass nach dem Scheitern der den Überwachungsstaat einführenden Zensursula jetzt dem Anti-Stasi-Fighter sogar realistische Chancen eingeräumt werden. Er hatte es geschafft, der Kommunistenerschnüffelungsbehörde seinen Namen zu geben. Wenn jetzt sozusagen auch noch ganz Deutschland sozusagen repräsentiert würde durch den Mann und den Namen, der für die systematische amtliche Erfassung sämtlicher Stasis steht! Deutschland könnte so schön sein.
Statt Zensursula, die für eine gefährliche computergestützte Überwachungsinfrastruktur gestanden hätte, bekämen wir in diesem Fall die Symbolfigur einer Behörde, die ihre Überwachung auf gute alte Weise mit vergilbten und verstaubten Aktenordnern erledigt. Anti-Stasi-Freiheitskampf mit Stasi-Charme. Ich finde sowieso: Freiheitskampf und High-Tech-Kram passen nicht so schön zusammen. Revolution, Che Guevara, alles so ein bisschen von gestern – that´s it! Ob der Wulff jetzt schon wieder so blöde grinst?
Ich würde am liebsten gleich wieder aufs Schiff steigen. Ich wäre dann mal weg. Ab auf die Hohe See, Freiheit der Meere und so, am liebsten gleich als Freiheitskämpfer. Zur Not müssen unsere Handelswege auch militärisch gesichert werden. Aber ohne High-Tech-Kram, lieber so mit traditionellen Waffen. Nein, nicht diese verstaubten Aktenordner! Ich dachte eher so an Messer oder Äxte. Die Holländer und die Engländer kontrollieren, bevor man an Bord geht. Am besten, ich steige in der Türkei zu. Da meckert keiner, wenn man bewaffnet an Bord geht. Als Freiheitskämpfer, versteht sich.

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