„Horst … wer?“ – “K. – Horst K.!”

Horst Köhler spricht bei der Abschlussveransta...

Image by Bertelsmann Stiftung via Flickr

Als die heutige Regierungschefin noch Oppositionsführerin war und ihr die Gelegenheit zufiel, in Absprache mit ihrem heutigen Stellvertreter (doch, doch, doch! so etwas gibt es: den Vizekanzler) einen Kandidaten für das Staatsoberhaupt vorzuschlagen, kam ihr ein Mann in den Sinn, der es in esoterischen Finanzkreisen durchaus zu einer gewissen Popularität gebracht hatte, darüber hinaus jedoch weitgehend unbekannt war. Dies brachte die größte deutsche Tageszeitung auf der ersten Seite in ganz großen Buchstaben zum Ausdruck mit der Schlagzeile:

„Horst … wer?“

Das war im Jahr 2004, als ihn wirklich noch kein Mensch kennen konnte – abgesehen, wie gesagt, von ein paar Herrschaften aus der Großfinanz. Denn das Massenblatt mit den großen Buchstaben hatte es versäumt, im Jahr 2000 seine Leser mit der Schlagzeile zu versorgen: „Wir sind Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF)“.
Objektiv betrachtet war Horst wer also schon wer; denn so ein geschäftsführender IWF-Direktor hat im einen oder anderen Fall durchaus hier und da ein Wörtchen mitzureden. Meistens jedoch mehr so im Stillen. So ein deutsches Staatsoberhaupt dagegen hat im Grunde gar nichts zu sagen. Dafür muss er dies jedoch meist in ganz großen Worten tun. Meistens. Eigentlich immer.
Okay, hin und wieder gibt er auch mal nur so ein Radiointerview. Da kann er dann – mehr so im Plauderton – Sachen erzählen, die sowieso schon jeder weiß. Wenn er jedoch – also Horst in diesem Fall – Sachen erzählt, die eben noch nicht unbedingt jeder weiß, dann … – tja, wie soll ich sagen?
Dann muss das auf jeden Fall verdammt gut vorbereitet sein, wenn ich das einmal so sagen darf. Und jetzt hat der Horst so etwas gesagt … – tja, wie soll ich sagen? Auf jeden Fall, wenn ich das noch einmal so sagen darf, war es nicht ganz so gut vorbereitet. Und das Schönste – das hat er jetzt selbst gesagt, der Horst: „Es war nicht so gemeint.“

Wenn ich das einmal so sagen darf: ganz wichtig ist es, dass man einen Job macht, der irgendwie zu einem passt. Gerade so in Führungspositionen: da sollte man schon ein wenig darauf achten, dass das so ein bisschen zusammen passt, das Anforderungsprofil mit dem eigenen Qualifikationsprofil. Jedenfalls in echten Führungspositionen.
Wir reden hier ja nicht über irgendeine kommunale Versorgungsgesellschaft. Da kommt es auf so etwas nicht so sehr drmanauf an. Aber Direktor des Internationalen Währungsfonds zum Beispiel: entweder man kann es, oder man kann es nicht. Horst konnte.
Oder, anderes Beispiel: Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Das ist auch so ein Job: entweder man hat ein gewissen Draht für so etwas, oder man macht besser so etwas wie Sparkassenchef. Da hat man übrigens – im Gegensatz zum Job als Bundespräsidenten – auch noch ganz schöne Aufstiegschancen – bis hin zum Posten des IWF-Direktors.
Unser früherer Regierungschef, der hat zum Beispiel gesagt, der Horst könne doch mal den IWF-Direktor machen. Seine Nachfolgerin dagegen hat gesagt, der solle lieber den Bundespräsidenten machen. Ob deshalb dieser Vorgänger zu ihr an diesem Wahlabend, wo sie zwar verloren, aber trotzdem gewonnen hatte, gesagt hat: „Sie glauben doch wohl nicht, dass Sie…“?

Das hatte sie aber geglaubt und hat bekanntlich damit auch Recht behalten. Olle Kamelle. Aber diese Geschichte hier ist ziemlich neu. Na ja, zugetragen hatte sie sich schon vor ein paar Tagen, aber jetzt sorgt sie für richtig Ärger. Der Tagesspiegel“ schreibt:

Köhler hatte am Samstag überraschend Afghanistan besucht und den Bundeswehreinsatz auch mit der Sicherung von Wirtschaftsinteressen begründet. Im Deutschlandradio hatte er auf eine Frage über das Bundeswehrmandat in Afghanistan gesagt, dass ein Land wie Deutschland, „mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren“. Es gehe auch darum, „ganze regionale Instabilitäten zu verhindern“, die letztlich die Chancen Deutschlands minderten, „durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern“.

Rainer Arnold, der sicherheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, reagierte empört auf die Ansicht, der Afghanistan-Einsatz diene der Durchsetzung wirtschaftspolitischer Interessen: "Das ist wirklich völliger Quatsch", sagte der SPD-Politiker. Recht hat er: "Der Einsatz in Afghanistan kostet die 44 beteiligten Nationen ungemein viel. Dafür könnte man alle Öl-Pipelines der Welt kaufen", ergänzte Rainer Arnold.
Rainer Arnolds Argumentation ist nicht zu widerlegen. Der kleine Schönheitsfehler, dass seine Empörung nicht Horst Köhler gegolten hatte, sondern Gesine Lötzsch, konnte im Laufe des Tages noch halbwegs von Thomas Oppermann, dem SPD-Fraktionsgeschäftsführer, ausgebügelt werden.
Der Bundespräsident selbst präzisierte nach der Kritik am Donnerstag seine Worte: Mit dem Hinweis auf Wirtschaftsinteressen sei nicht die Afghanistanmission gemeint gewesen, sagte ein Sprecher der dpa. Wie gesagt: nicht so gemeint. Aber wie dann? Was dann? Nicht der Krieg am Hindukusch, sondern …? Warum hilft denn keiner?

Na bitte! Die FDP-Verteidigungspolitikerin Elke Hoff hat Bundespräsident Horst Köhler gegen Kritik an seinen Äußerungen über einen wirtschaftlichen Hintergrund des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr in Schutz genommen. Köhlers Hinweis darauf, dass die Bundeswehr in Afghanistan auch zum Schutz deutscher Wirtschaftsinteressen im Einsatz sei, werde von seinen Kritikern zum Teil "absichtlich missverstanden", sagte Hoff dem Tagesspiegel.
Köhler habe lediglich darauf hingewiesen, dass zu den neuen Aufgaben der Bundeswehr auch der Schutz von Handelswegen gehöre. "Das steht bereits im Weißbuch", sagte Hoff. Es sei daher "nichts Überraschendes". Aber "absichtlich missverstanden“ – gemeint ist nämlich der Schutz von Handelswegen, der ja auch schon im „Weißbuch“ steht.
Das „Weißbuch“ ist der jährliche Bericht des Handelswegeschutzministeriums, also "nichts Überraschendes". Vermutlich hat das sogar auch schon die Piratenpartei – Kreisverband Somalia – gewusst. Also ganz locker bleiben: unsere Außenhandelsabhängigkeit wird nur gegen die Piraten verteidigt, nicht gegen die Taliban. Nur im Indischen Ozean, nicht am Hindukusch.

Manfred Bleskin, von Stefan Raab „die coole Sau von n-tv“ genannt, ist ein wenig anderer Meinung: „Köhler sagt offen, was andere gern verschleiern. So vollzog sich die Invasion in Afghanistan vor dem Hintergrund ressourcenstrategischer Interessen. Die vor Beginn des Einmarsches geplante und danach in Rechtsform gegossene Vereinbarung über den Bau einer "Trans Afghanistan Pipeline", kurz TAP, genannten Leitung kam auf massiven Druck der Vereinigten Staaten zustande. Über die TAP sollte turkmenisches Erdgas über Afghanistan in pakistanische Häfen transportiert werden. Berater des involvierten US-Mineralölkonzerns UNOCAL war der jetzige afghanische Präsident Hamid Karsai.“
Ja, das mag ja sein, dass es auch einen Hintergrund gibt. Und ressourcenstrategische Interessen gibt es sowieso. Und die sind immer von Interesse. Gar keine Frage. Und doch: wenn man nicht verblendet ist, lässt sich ohne weiteres erkennen, dass in Afghanistan weit mehr auf dem Spiel steht als nur eine Erdgas-Pipeline. Und wenn man nicht völlig verblendet ist, dann wird man zustimmen, dass Afghanistans Taliban-Regime mit Al Qaida verschmolzen war, und dass von dort aus ein militärischer Angriff auf das Herz der USA geplant wurde, nämlich der 11. September.
Es gibt Verschwörungstheoretiker, die dies anders sehen. Oder auch US-kritische Journalisten wie Manfred Bleskin. Und natürlich Ultralinke aller Spielarten. „Antiimperialisten“, Linkssektierer à la Stalin oder Trotzki, Mao oder was weiß ich. Früher nannten wir derlei Sekten K-Gruppen. Was auch immer in der Welt passierte, die Erklärung war penetrant auf einen Punkt fixiert. Ausbeutung der Dritten Welt, Kriegstreiberei, Lenins letztes Stadium des Kapitalismus: der Imperialismus.
Diskussionen mit diesen Leuten … im Grunde zwecklos.

Mit Fanatikern kann man nicht diskutieren. Normalerweise läuft eine Diskussion etwa so: A bringt ein Argument. B stellt einen Bezug her und bringt ein Gegenargument. A bringt ein Gegenargument zum Gegenargument oder präsentiert, falls ihm keins einfallen sollte, ein neues Argument. B weist darauf hin, dass sein Gegenargument unbeantwortet blieb, oder setzt sich mit dem neuen Argument auseinander.
So oder so ähnlich. Anders die Diskussionen mit Leuten aus den K-Gruppen. Sie sprachen Dich an mit: „Der aggressive Imperialismus will Krieg. Das siehst Du hier!“ Du: „Ja, aber Du musst auch sehen, dass als Ursache dieses Krieges auch …“ K: „„Der aggressive Imperialismus will Krieg. Das siehst Du hier!“ Du: „Ich wollte sagen, dass in diesem Fall die Imperialisten doch gar nicht angegriffen haben.“ K: „Der aggressive Imperialismus will Krieg. Das siehst Du hier!“ Du: „Das mag ja sein; aber was sagst Du denn dazu, dass …“ K: „Der aggressive Imperialismus will Krieg. Das siehst Du hier!“

„Horst K.

Logisch, hier kommt keine Freude auf beim Vermehren der wechselseitig gewonnenen Einsichten. K: „Der aggressive Imperialismus will Krieg. Das siehst Du hier! Übrigens heiße ich Horst.“ Du: „Horst … wer?“ K: „Horst K.” Du: „Echt?“ Horst K.: „Ja klar, Der aggressive Imperialismus will Krieg. Das siehst Du hier.“ – Du nochmal: „Echt?“ – Horst K.: „Ja klar, mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit ist auch militärischer Einsatz notwendig, um unsere Interessen zu wahren.“

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