"Vulkanasche – Wir müssen weiter denken!"

Vulkan vor Lanzarote

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Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit zu Systemkrisen als unterschätzte Gefahr

Berlin (ots) – Der Vorstand des Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit e. V., Prof. Hermann Thomann, Axel Dechamps und Clemens Graf von Waldburg-Zeil zu der Debatte um den Vulkanausbruch und das anschließende Flugverbot über Europa:

"Die Folgen des fünftägigen Flugverbots über Europa verdeutlichen, dass der Zusammenbruch von Systemen heute die eigentliche und dabei völlig unterschätzte Gefahr darstellt. Nicht die Vulkanaschewolke, sondern die Konsequenz daraus, die Unterbrechung eines Teils(!) der Waren- und Reiseströme, hat die Wirtschaft und Millionen Reisende mit außergewöhnlichen Problemen konfrontiert und immense Kosten verursacht.

Die Debatte über einheitliche Regeln im europäischen Luftraum und die Überprüfung der Grenzwerte begrüßen wir. Wer aber in der Aufarbeitung an diesem Punkt stehen bleibt, suggeriert, dass dadurch das Problem aus der Welt geschafft werden kann. Diese Sicht ist bestenfalls naiv. Wir müssen weiter denken!

Denn eine Unterbrechung der globalen Warenströme kann durch eine Reihe anderer Ereignisse ausgelöst werden, beispielsweise durch einen Stromausfall. Das Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e. V. hat bereits vor zwei Jahren in seinem Grünbuch vor den Folgen eines überregionalen, mehrtägigen Stromausfalls gewarnt. Das Grünbuch- Szenario zeigt, dass die Auswirkungen sogar noch viel gravierender wären, denn jede Facette unseres Lebens ist inzwischen hochabhängig von Strom. Das bedeutet: sämtliche Transportwege wären sofort unterbrochen oder massiv gestört.

Der fünftägige Stromausfall im dünn besiedelten Münsterland 2005 hat die Katastrophenschutz-Kapazitäten an den Rand gebracht: sämtliche Notstromaggregate des THW waren im Einsatz. Das fünftägige Flugverbot hat die Wirtschaft an den Rand der Panik getrieben: einige Fluglinien bangen um ihre Existenz. Wie viele Warnschüsse brauchen wir noch, um endlich zu reagieren?

Die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen mehrtägigen, großflächigen Stromausfall wird zwar als gering eingeschätzt, dies galt aber bis vergangene Woche auch für die Vulkanaschewolke. Mehr als die statistische Wahrscheinlichkeit, muss uns in Zukunft das potenzielle Ausmaß des Schadens interessieren. Was globale Systemkrisen anbelangt, gibt es bisher viel zu wenige wissenschaftliche Erkenntnisse.

Benötigt werden deshalb mehr wissenschaftlich fundierte Analysen der neuen Risiken, die aus den weltumspannenden Systemen für Gesellschaft und Wirtschaft erwachsen.

Als Sofortmaßnahme regen wir an, die Risikoanalyse zu Sturmszenarien, die die Bundesregierung momentan vorbereitet, systematisch auf andere Themen auszuweiten, allem voran den Stromausfall. Die Länder und die Gemeinden, die Wirtschaft, die Endnutzer und Akteure der Öffentlichen Sicherheit – von Polizei bis Feuerwehr – die Wissenschaft und die Bevölkerung müssen einbezogen werden. Das hat nichts mit Panikmache zu tun, sondern damit, dass wir uns auf diese neuen systemischen Gefahren vorbereiten müssen, die wir nicht ausschließen können und die viel Geld und sogar Menschenleben kosten können.

Mittels Risikoanalysen sind wir in der Lage, die notwendigen Konzepte zur Prävention, zur Vermeidung und zum Krisenmanagement zu erstellen. Mittelfristig müssen diese Analysen standardisiert und EU weit durchgeführt werden, denn Katastrophen machen nicht an Länder- oder Luftraumgrenzen halt. All diese Prozesse gilt es, wissenschaftlich zu begleiten.

Öffentliche Sicherheit liegt heute in der Verantwortung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Miteinander gilt es offene Diskussionen zu führen und gemeinsam nachhaltige Vorsorge-Konzepte zu erarbeiten. Dafür wird sich das Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e. V. auch weiterhin einsetzen."

Das Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit wurde im März 2007 als überfraktionelle Parlamentsinitiative ins Leben gerufen und hat sich im Sommer 2009 als gemeinnütziger Verein gegründet. Ihm gehören Bundestagsabgeordnete aus allen fünf Fraktionen, Sicherheitsfachleute aus der Wirtschaft sowie Akteure aus dem Bereich der Öffentlichen Sicherheit an. Dreimal jährlich finden größere Veranstaltungen statt, zu denen Multiplikatoren persönlich geladen werden. Im September 2008 erschien das Grünbuch "Risiken und Herausforderungen für Deutschland – Szenarien und Leitfragen". Arbeitsgruppen bereiten z. Zt. das Thema Risiko- und Krisenkommunikation vor. Weiteres finden Sie unter www.zukunftsforum-oeffentliche-sicherheit.de

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