“Die SPD spricht nicht über die Migranten, sondern sie spricht mit ihnen” – Interview mit Zülfiye Kaykin

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xtranews.de hatte die Gelegenheit ein Interview mit Zülfiye Kaykin, die am Freitag in das Kompetenz-Team von Hannelore Kraft berufen wurde, zu führen. Die Hauptamtliche Geschäftsführerin der DITIB Bildungs- und Begegnungsstätte e. V. in der Duisburger Merkez Moschee, ist seit 1994 Mitglied der SPD. 2007 erhielt die Mutter vom zwei Kindern das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die Verständigung und ihr interkulturelles Engagement. Die in Duisburg geborene deutsche Muslimin türkischer Herkunft kann auf eine über 20 Jährige Erfahrung in der Integrationspolitik vorweisen.

xtranews (XN): Frau Kaykin, waren Sie überrascht, als Hannelore Kraft Sie in das Kompetenzteam berufen hat?

Zülfiye Kaykin: Ja, überrascht war ich schon, aber ich musste nicht lange überlegen, um das Angebot an zunehmen. Ich bin seit 1994 in der SPD und mache seit 20 Jahren Integrationspolitik. Ich habe mich bereit erklärt meine praktischen Erfahrungen der Partei zur Verfügung zu stellen zumal die NRWSPD ein Wahlprogramm hat, hinter dem ich voll und ganz stehen kann.

XN: Die CDU hat nach der letzten Landtagswahl das erste Integrationsministerium eingerichtet und auch zusammen mit der Duisburger CDU zum Beispiel den Bau der Merkez Moschee hier in Marxloh unterstützt. Das ist doch erstmal sehr positiv. Was hat denn die CDU in dem Bereich falsch gemacht, oder anders: was würde die SPD besser machen?

Zülfiye Kaykin: Wir verstehen die Integration parteiübergreifend. Integration ist eine Querschnittsaufgabe und keine Nischenpolitik. Ich glaube, dass die Integrationspolitik nicht in der Basis der CDU verankert ist und leider nur als Nischenthema verstanden wird. Unsere Integrationspolitik basiert auf den drei Grundpfeilern soziale Chancengerechtigkeit, kulturelle Anerkennung und politische Partizipation. Integrationspolitik ist für mich Bildungspolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik und vor allem auch Familien- und Frauenpolitik. Integration heißt auch: die Potenziale der Migranten, wie die Mehrsprachigkeit und das Vermögen, sich in zwei Kulturen zurecht zu finden, zu erkennen und dies als Bereicherung für dieses Land zu empfinden. Nur so kann es zu einem Wir-Gefühl kommen.
Es reicht nicht, wenn wir zur Integration auffordern und zur Partizipation bitten, aber wir nicht auch die Strukturen dafür anbieten. Das fängt schon in der Schule an. Insbesondere die Schaffung gleicher Bildungschancen ist der Schlüssel zur erfolgreichen Integration. Für gerechte Bildungschancen brauchen wir längeres gemeinsames Lernen mit individueller Förderung jedes einzelnen Kindes. Deshalb wollen wir Gebührenfreiheit von der Kindertagesstätte bis zur Hochschule Chancengleichheit bedeutet auch Rechtssicherheit. Wir werden die unselige Praxis der Kettenduldungen endlich beenden. Flüchtlinge, die sich seit Jahren in Deutschland aufhalten und integriert haben, sollen ein Aufenthaltsrecht erhalten.
Wir werden den Gesinnungstest in NRW wieder abschaffen und sämtliche gespeicherten Daten vernichten.

XN: Integration ist kein Thema, was erst seit gestern auf der Agenda steht. Warum hat man da nicht schon in den 60er Jahre mit begonnen?

Zülfiye Kaykin: Nun, wir müssen festhalten, dass wir jetzt schon im 50. Jahr der Integration sind. Hannelore Kraft hat mit meiner Berufung ein Zeichen gesetzt, also nicht nur ein Lippenbekenntnis zur Integration gegeben. Es ist auch ein Zeichen der SPD an die Migranten, dass sie dazu gehören. Die SPD spricht nicht über die Migranten, sondern sie spricht mit ihnen. Die SPD hat sechs Landtagskandidaten mit Migrationshintergrund, das ist ein guter Anfang ist. Es wäre schön, wenn alle Parteien das hinbekommen würden.
Warum das so lange gedauert hat, das Phänomen Integration zu begreifen? Zunächst waren es ja nur Gastarbeiter, und Gäste gehen irgendwann wieder. Das ist über zwanzig Jahre so gesehen worden. Später haben die Gastarbeiter gesehen, dass sie hier viel aufgebaut haben. So sind sie zu dem Entschluss gekommen, dass sie nicht wieder zurück in ihre Heimat, sondern Teil dieser Gesellschaft werden wollten. Die Politik muss nun den Rahmen schaffen, dass Migranten und Deutsche sich einander begegnen und von einander lernen können, Ängste abzubauen. Im Grunde kennen wir einander zu wenig.

XN: Sind Ihre Erfahrungen mit dem Integrationswillen der Migranten positiv, oder gibt es auch Gruppen, die man nicht so einfach erreichen kann?

Zülfiye Kaykin: Wir haben an der Basis gesehen, wenn man die Menschen beteiligt und Ziele zusammen definiert, kann Integration gelingen. Ich sehe viel Willen auf beiden Seiten; aber meist fehlen die praktischen Möglichkeiten. Natürlich gibt es auch Berührungsängste auf beiden Seiten. Oft steht auch die Frage im Raum, ob sich die Migranten überhaupt integrieren wollen. Das fängt an mit der Frage an, wollen die überhaupt, dass ihre Kinder deutsch lernen, so dass sie in der Schule gleiche Chancen haben. Keiner kann behaupten, dass Eltern nicht das Beste für ihre Kinder wollen, dass sie gut qualifiziert werden.
Weitere Probleme sind, dass einige Stadtteile nicht gut gemischt sind, so dass es nicht zu den entsprechenden Begegnungen kommen kann. Es gibt Strukturen, Rechte und Pflichten, die Migranten besser nutzen müssen.

XN: Das heißt, dass eine gute Integration nur über eine gelungene Partizipation gelingt?

Zülfiye Kaykin: Genau richtig. Wir wollen Politik gemeinsam gestalten. Dazu ist die politische Partizipation der Menschen mit Migrationshintergrund unabdingbar. Deshalb setzt sich die SPD dafür ein, dass auch Menschen, die nicht aus EU-Ländern kommen, aber seit Jahren in Deutschland leben, das kommunale Wahlrecht erhalten.

XN: Welche Hürden sehen sie in der deutschen Bevölkerung, die die Integration erschweren?

Zülfiye Kaykin: Die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist eine über viele Generationen gewachsene Gesellschaft – mit gewachsenen Strukturen. Wir haben Bildungssysteme, Sozialsysteme, alles basiert auf Systemen. Die Grenz all dieser Systeme stellt die Hürde Nummer eins dar. Diese Grenze als Migrant zu durchbrechen, also an der Gesellschaft wirklich zu partizipieren, in die Netzwerke hineinzukommen, ist der Knackpunkt.
Ein Beispiel für so eine gelungene Kommunikation ist ja der Moscheebau in Duisburg. Der ganze Bau ist von der Stadt professionell begleitet worden. Dies ist auch ein Beispiel dafür, dass Integration Stück für Stück gebaut werden muss, ja wie in einem Staffellauf, in dem eine Partei den Stab der anderen übernimmt. Es bringt nichts, wenn die eine Partei der anderen vorwirft, alles falsch gemacht zu haben. Parteien müssen bei der Integration dort weiter machen, wo die anderen aufgehört haben.
Doch zurück zu den Systemen. Migranten haben durchaus die Möglichkeit durch die Schule, durch Politik oder durch Vereine, in die verschiedenen Systeme hineinzukommen. Diese Einsicht, dass es diese Strukturen gibt und dass sie sich dort einbringen müssen, muss bei den Migranten wachsen. Und 50 Jahre sind für einen Integrationsprozess auch nicht viel. Ich denke, in weiteren 50 Jahren sind wir am Ziel.

XN: Also muss man Integrationspolitik als eine Selbstverständlichkeit begreifen?

Zülfiye Kaykin: Ja, Integration muss Normalität in der Gesellschaft sein. Deshalb darf Integrationspolitik auch nicht auf Punkt vier oder fünf auf der Agenda stehen, sondern muss als Überschrift über alle Bereiche stehen.

XN: Wie groß ist die Gefahr, dass extreme Splittergruppen, wie zum Beispiel ProNRW, Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und damit auch die Integration gefährden?

Zülfiye Kaykin: Integration und Migranten gehören in die Mitte der Gesellschaft. Extreme Gruppen wird es auf beiden Seiten immer geben, und das ist auch nichts Neues. Die Frage ist, welche Chancen gibt man diesen Randgruppen? Wenn die demokratischen Parteien die Mitte der Migranten-Community und die demokratische Mitte der deutschen Gesellschaft ansprechen, dann kann nichts passieren. Mich haben der zivilgesellschaftliche Protest und die vielen Solidaritätsveranstaltungen Ende März gegen „pro NRW“ sehr positiv gestimmt.

XN: Müssen Migranten mehr für sich werben?

Zülfiye Kaykin: In den 50 Jahren hat sich viel entwickelt. Es gibt sehr viele Migrantenorganisationen, die ehrenamtlich ohne große finanzielle Unterstützung tagtäglich Aufklärung betreiben. Werbung ist wichtig, aber die Politik ist in der Verantwortung, Ziele zu definieren und aufzeigen, wie diese Ziele zu erreichen sind. Dann gehen die Menschen auch mit.

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