NRW-Landtagswahl: Kraft Schneckenburger Ärgern

Worry is the darkroom in which negatives are d...

Image by flickrohit via Flickr

Nein, ich bin am Donnerstag Abend nicht dazu gekommen, mir die ZDF-Sendung Maybrit Illner anzusehen. Ich hatte am späten Nachmittag an einer DGB-Veranstaltung teilgenommen, auf der die Gesundheitspolitikerinnen Bärbel Bas (SPD) und Ulrike Flach (FDP) über die Kopfpauschale diskutierten, und danach hatte ich einen Bericht darüber geschrieben.
Dabei hätte ich eigentlich auch ganz gern die Sendung gesehen. Schon der Titel der Illner-Talkshow! „Wer macht die schöneren Schulden?“ Ich hätte mich bestimmt wieder richtig schön geärgert. Es scheint in diesem unseren Lande kein anderes Problem zu geben, als die angeblich zu hohe öffentliche Kreditaufnahme. Dieser Schaden scheint bei den Deutschen genetisch bedingt zu sein. Er ist es aber nicht, weil alles dafür spricht, dass auch ich ein Deutscher bin.
Und außerdem gibt es, wie ich der Berichterstattung über die Illner-Runde entnehme, sehr wohl noch mindestens ein Problem, das ebenfalls mindestens genauso an der deutschen Seele nagt wie das Dasein „auf Pump“, nämlich die rot-rote Gefahr. Konkret: hat sie es in der Sendung gesagt oder hat sie es nicht? Noch konkreter: hat Hannelore Kraft ihr Urteil, die Linkspartei in NRW sei weder koalitions- noch regierungsfähig mit dem Temporaladverb „derzeit“ versehen oder hat sie nicht?
Wenn Sie genau wie ich die Sendung verpasst haben, sollten Sie sich ganz dringend das Video ansehen; denn von der Beantwortung dieser Frage hängt derzeit alles ab. Sollte die SPD-Spitzenkandidatin auf das Wörtchen „derzeit“ verzichtet haben, ist ihre Absage an eine Koalition mit der Linkspartei nämlich „definitiv“, wie auch wir gestern gemeldet hatten. Fehlt jedoch derzeit noch das Adverb „derzeit“, ist die Absage zwar eine Absage, aber keine definitive. Meine Sorgen möchte ich haben!

Manchmal kann man sich über die SPD so richtig schön ärgern. Die NRW-Grünen zum Beispiel. Stand in der Zeitung, im Tagesspiegel, schon am Donnerstag. Das heißt ja wohl, dass die NRW-Grünen sich schon am Mittwoch, also vor der Illner-Sendung, über die SPD geärgert haben müssen. Wie ärgerlich …
Nun stellen Sie sich das bloß einmal vor: die Grünen ärgern sich über die SPD, die SPD ärgert sich über die CDU, die CDU über die Linken, und die Linken über die FDP. Das ganze Leben ist ein Quiz und die Politik ein einziges Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel.
Und? Können Sie sich das vorstellen? – Gut, ich mir auch nicht. Das geht ja schon damit los, dass sich zu ärgern im Grunde eine recht persönliche Gefühlsregung ist. Es mag zwar Sinn machen, einen Satz zu formulieren wie: „Wir alle haben uns geärgert“ – unterstellt, sowohl das Ärgernis als auch die Wir-Gruppe seien bekannt.
Doch es bleibt der Beigeschmack der Anmaßung; spätestens bei „Deutschland ärgert sich über Griechenland“ hört der Spaß auf. Nun gut; „NRW-Grüne ärgern sich über die SPD“ ist nichts mehr als die Überschrift eines Artikels einer seriösen Zeitung. So etwas kann passieren, im Text wird die Angelegenheit deutlicher, ein wenig deutlicher.

Wir erfahren, dass nicht die NRW-Grünen als solche dem Zustand des Ärgerns kollektiv anheim gefallen sind, sondern nur deren „Landeschefin“. Sie wissen, von wem die Rede ist? – Richtig: von Daniela Schneckenburger. Die soll sich geärgert haben, allerdings wohl auch nicht über die SPD in Gänze, sondern über deren Vorsitzenden und die Generalsekretärin.
Frau Schneckenburger fordert von den beiden einen fairen Umgang und betont die Eigenständigkeit der grünen Partei. Wie bitte? Können Sie sich das vorstellen? NRW-SPD-Generalsekretär Michael Groschek fordert von der CDU einen fairen Umgang und betont die Eigenständigkeit der sozialdemokratischen Partei. Andreas Krautscheid, als Generalsekretär der NRW-CDU Nachfolger … – ach, lassen wir den Quatsch!
Ja, ich kann mir das vorstellen. Ich kann mir überhaupt alles Mögliche vorstellen. Da lese ich: „NRW-SPD-Generalsekretär Michael Groschek … forderte die CDU auf, zu einem fairen Umgang` … zurückzukehren.“ Oder der Krautscheid … – das würde hier jetzt zu lang; ich will ja zum grünen Ärger zurück. Jedenfalls: die Generalsekretäre oder bei den Grünen: die Landesvorsitzenden, das sind Leute, die im Grunde nur dafür bezahlt werden, für fairen Umgang zwischen den Parteien zu sorgen.
Ganz früher, als vor Wahlkämpfen noch „Fairnessabkommen“ zwischen den Parteien geschlossen wurden, gab es dann – kein Witz, die hießen wirklich so: Fairnessbeauftragte. Heute haben wir stattdessen Frauenbeauftragte, etwas ganz Anderes. Erstens eine ganz andere Sorte Mensch und zweitens gibt es Frauen in echt.

Zum Beispiel Daniela Schneckenburger. Mindestens Daniela Schneckenburger. Sie wissen schon: das ist die, die sich so über die SPD geärgert hatte. So wie ich sonst immer.
Uninteressant, denn bei mir ist so etwas normal. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich leider zum dritten Mal Ihre Vorstellungskraft bemühen muss. Können Sie sich vorstellen, dass ich dem Tagesspiegel sage – Blödsinn, das war nichts, also zum vierten Mal:

Können Sie sich vorstellen, dass ich Ihnen in der nächsten Kolumne mitteile, dass ich mich über die FDP geärgert hätte. Wohl kaum. Davon ausgehend, dass es unmöglich ist, sich über jemanden zu ärgern, den man überhaupt kein bisschen mag, dem man nicht für zwei Pfennige Vertrauen schenkt, würden Sie sich möglicherweise fragen, ob bei mir die Koordinaten ein wenig ins Rutschen geraten sind.
Nein, über die FDP pflege ich mich grundsätzlich nicht zu ärgern, weil ich mit der nichts am Hut habe, woraus folgt, dass ich Ihnen dies auch nicht in meiner nächsten Kolumne mitteilen kann.

Stattdessen werde ich etwas dazu schreiben, worüber sich Frau Schneckenburger im Namen der Grünen geärgert haben will. Darüber habe ich mich nämlich wirklich ein klein wenig geärgert. Und ich werde Ihnen auch erzählen warum. In der nächsten Kolumne.

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