Dierkes – in Duisburg wird berichtet, notgedrungen

 Noch bis zum Wochenende galt auch für die WAZ das Motto: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Obwohl spätestens seit einer Woche bekannt ist, dass Hermann Dierkes, Duisburger Linksfraktionsvorsitzender und notorischer Antisemit, morgen Abend im Internationalen Zentrum (IZ) seine Ungeheuerlichkeiten vorzutragen gedenkt, war dies der „größten Zeitung im Ruhrgebiet“ keine einzige Zeile an Berichterstattung wert. Bis heute.

In der heutigen WAZ finden sich sowohl im „Mantel“, also der Gesamtausgabe, als auch im Duisburger Lokalteil Artikel des Redakteurs Thomas Richter, jedoch nicht in der Online Ausgabe „der Westen“. Den Ausschlag gegeben für diesen Sinneswandel hat ein Bericht in der „Jerusalem Post“ (JP), was auch schon die Überschriften der beiden WAZ-Artikel eindrucksvoll deutlich machen.

„Presse aus Israel empört über Linken“ heißt es im Politikteil, und in der Lokalausgabe wird getitelt: „Dierkes erneut das Ziel israelischer Kritik“. Und die Artikel halten, was ihre Überschriften versprechen. Nicht das, was Dierkes von sich gibt, ist die Nachricht, sondern dass er dafür kritisiert wird. Ob die Vorwürfe gegen Dierkes berechtigt sein könnten, bleibt nebulös – als journalistische Neutralität getarnter Konjunktivus Ahnungslosus.

Thomas Richter schreibt, Dierkes werde „beschuldigt, das Existenzrecht des Staates Israel als ,läppisch` bezeichnet zu haben.“ Dass er dies unzweideutig gemacht hat, lässt der vermeintlich so neutrale Redakteur dabei in bewusster Irreführung der Öffentlichkeit gezielt offen. Dafür erfährt der Leser, dass das Video, das dies belegt, „nicht neu“ ist, sondern „vor wenigen Tagen im Internet-Portal YouTube aufgetaucht ist“.

Und so weiter und so fort; wörtlich: „Zudem soll er den Palästinensern das Recht auf bewaffneten Widerstand zugesprochen und den Holocaust relativiert haben.“ Indirekte Rede, Jerusalem Post, wer weiß … Jeder konnte und kann es sehen, jeder konnte und kann es hören; doch bei der WAZ wollte und will man eigentlich nichts sagen. Aber was will man machen …

Das Einzige, was Thomas Richter und der WAZ unter diesen Umständen noch blieb, war, dem so Gescholtenen die Möglichkeit zur Verteidigung einzuräumen. Zumindest oder höchstens in der Lokalausgabe; denn außerhalb Duisburgs scheinen einige Grenzen zur Lächerlichkeit bei der WAZ noch in Kraft zu sein. Folgende Sätze also nur fürs Publikum vor Ort:

„´Ich bin empört über diese böswilligen Unterstellungen. Das grenzt an Rufmord`, sagte Dierkes gestern der WAZ“, die ihre Leser weder darüber aufklärt, dass diesem Herrn weder etwas Böswilliges unterstellt, folglich auch kein Rufmord begangen wurde, noch darüber, dass sich dieser antisemitische Hetzer nicht zum ersten Mal in gleicher Sache in die Pose des unschuldigen Opfers zu werfen pflegt. Es geht unkommentiert einfach weiter mit:

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„Jeder, der Israel wegen seiner Palästina-Politik kritisiert, wird sofort als Holocaust-Zweifler und Antisemit hingestellt und attackiert“. Zitat Dierkes, auch in der WAZ als solches kenntlich gemacht – also nicht unbedingt die Meinung des Redakteurs Richter.

Aber ganz unbedingt absolut dummes Zeug! Gerade an diesem Wochenende ist die „Palästina-Politik“, konkret: die israelische Siedlungspolitik allerorten heftig kritisiert worden. Von den USA und der deutschen Bundesregierung, von der WAZ und von uns. Keiner von denen wurde oder wird „als Holocaust-Zweifler und Antisemit hingestellt und attackiert“. Auch Dierkes zweifelt nicht am, er relativiert den Holocaust. Vielleicht noch schlimmer, ganz bestimmt muss man es sagen – als Tatsachenbehauptung (nichts als Meinungsäußerung).

Dann macht Richter in der WAZ auf die Veranstaltung im IZ und auf das Dierkes-Buch „Bedingungslos für Israel?“ aufmerksam. Schlusssatz des Artikels: „Über 20 Autoren – darunter Menschen jüdischen Glaubens aus aller Welt – kommen in dieser Aufsatzsammlung zu Wort.“

Gewiss: eine Tatsachenbehauptung. Unkommentiert, gänzlich unkommentiert. Journalistische Neutralität oder doch Kumpanei? Wie dem auch sei. Gysi und Pau hatten sich jedenfalls in klarer Form von Dierkes distanziert.

In einer gemeinsamen Stellungnahme erklärten der Linksfraktionschef im Bundestag und die stellvertretende Bundestagspräsidentin, dass linke Kritik an der israelischen Politik weder das Existenzrecht Israels noch den Holocaust relativieren dürfe. Andernfalls führe sie sich selbst ad absurdum. Wörtlich: „Herr Dierkes spricht nicht für die Partei Die Linke.“

Selbstverständlich spricht Dierkes nicht für „Die Linke“, aber leider doch für einige in der Linkspartei. Und erst recht spricht Herr Dierkes nicht für Duisburg, doch wird man den Eindruck nicht los, als spräche er für einige in Duisburg.

Man fragt sich, was wohl geschehen sein mag in dieser Stadt seit einem Jahr, was in dieser WAZ-Redaktion. Als Dierkes damals zum Boykott israelischer Waren aufrief, fand der Chefredakteur noch klare Worte:

„Wenn er sich allerdings nun als Opfer einer Rufmordkampagne sieht, so irrt er. Mit dieser Schutzbehauptung lenkt Dierkes nur ab und sucht den Schuldigen für sein eigenes Fehlverhalten in der medialen Szene. Falsch!“

Der Chefredakteur ist geblieben; aber irgendetwas ist anders geworden in dieser Redaktion. In der Verwaltung, der Politik, den Parteien und den Medien dieser Stadt, die ihre Reihen so fest geschlossen hat. Wenn man nur wüsste was …

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