Das Austrocknen des Silbersees

Line art drawing of the A note
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Fast scheinen die aktuellen Sparprogramme der Städte, bei denen Opern- und Konzerthäuser bekanntlich entweder geschlossen oder gar nicht gebaut werden sollen, eine weise Strategie der Stadtplaner zu sein. Denn – und jetzt müssen wir Kulturliebhaber ganz, ganz tapfer sein: „Prognosen für die Zukunft verheißen nichts Gutes: Demnach wird das Klassik-Publikum in den nächsten 30 Jahren um mehr als ein Drittel zurückgehen – es stirbt schlichtweg aus.“

Eine Tatsache, die in der Klassikwelt an sich irgendwie achselzuckend hingenommen werden zu scheint. Eine große Debatte darüber ob diese These einer Studie der Zeppelin-Universität – genauer von Dr. Martin Tröndle, Kulturwissenschaftler – stimmt oder nicht scheint momentan jedenfalls nicht im Gange zu sein. Dabei sorgen die Aussagen, die bisher von Tröndle ausgehen, durchaus für Zündstoff. Allein, entzünden möchte dieses Thema offenbar keiner so recht.

Eine unbequeme Wahrheit

Das Schweigen zu diesem Thema ist dann wohl ein Zeichen dafür, dass man diese Tatsache nicht weiter in Frage stellt. Nicht umsonst lautet ein altes Dogma, dass wer schweigt zustimme. Oder um es mit Paul Watzlawick zu sagen: „Man kann nicht Nicht-Kommunizieren.“ In diesem Fall würde das heißen, dass man um die Zusammensetzung des Publikums – das Tröndle als „Silbersee“ bezeichnet – weiß, aber irgendwie nicht so recht zu ahnen scheint wie man mit dem Thema an sich umgehen soll.

Augen zu und durch ist natürlich die eine Strategie. Lösen wird man das Problem dadurch sicherlich nicht – in knapp 30 Jahren wird man auf die Einnahmen eines Drittels des bekannten Publikums verzichten müssen. Zynisch formuliert: Die Sparetats von heute werden dann der Standard von Morgen werden. Alles im Lot auf dem Boot, alles in Butter auf dem Kutter und Volldampf gegen den Eisberg voraus…

Klassik ist langweilige, verstaubte Scheiße

Pardon, dieser Zwischentitel ist natürlich nicht meine eigene Meinung, aber fragt man Jugendliche die den Kinder- und Familienangeboten der Orchester entwachsen sind, sagen wir mal fünfte, sechste Klasse – sehen wir mal von der Phase im Leben eines Menschen ab in der man sich unbedingt gegen die Musik der Erwachsenen absetzen muss – dann wird man sicherlich etwas Ähnliches hören. Klassik ist alt. Klassik ist doof. Klassik ist unbedeutend. Konzerte – klar, in Konzerte geht man noch aber dann doch bitteschön in die von The Killers oder Muse oder Stromble Fix oder, oder, oder… Sinfoniekonzert? Interessiert doch keinen mehr.

Ein Klassik-Gen existiert nicht, stellt Tröndle provokatorisch fest und ebenfalls sagt er aus, dass die Sozialisierung der Generation heute durch Rock-, Pop- oder andere Musik erfolgt ist. Das Bildungsbürgertum der frühen Bundesrepublik, dass selbstverständlich die eigenen Werte auf die Kinder übertrug, existiert in der pluralen Gesellschaft nicht mehr. Jugendliche gehen anders mit Musik um – was wohlgemerkt ihr gutes Recht ist. Das wäre die eine Seite.

Innovative Konzepte?

Die andere Seite wäre die, dass es offenbar nicht genügend attraktive Angebote genau für diese Zielgruppe zu geben scheint. Spezieller: Es scheint kein richtiges Konzept dafür zu geben – ab und an gibt es Leuchtturm-Projekte, die auch jüngeres Publikum anziehen – „Symphonic Shades“ in Köln z. B. oder ein Handykonzert in Dortmund – aber noch scheint die Klassik bis auf wenige Ausnahmen nicht bemerkt zu haben, dass es ein übergreifendes Konzept braucht. Und in diesem Konzept sollten Dinge wie MySpace, MyVZ oder Twitter eine Rolle spielen.

Tröndle wirft dem Konzert vor, dass „Form und Ablauf des Konzerts, bis dahin immer wieder variiert, im Konzertritual bis heute nahezu unverändert erhalten geblieben seien“. Rock- und Pop-Konzerte dagegen werden für jeweils eine Tour der jeweiligen Band konzipiert und warten mit Spezialeffekten, Kostümwechseln und überraschenden Gastsängern auf. Wer an diese Form der Darstellung gewöhnt ist wird sich mit Sicherheit im normalen Konzert zu Tode langweilen – und einige Rituale auch gar nicht erst verstehen.

Klassik als Event?

Heißt das nun, dass das klassische Konzert sich dem Rock- und Pop-Betrieb annähern muss? Muss es zum reinen Event verkommen um anziehend zu sein? Das bestimmt nicht, vor allem weil ein Event alleine noch keine Attraktivität macht. Eine behutsame Modernisierung allerdings scheint unabwänderlich – ein Öffnen für jüngere Zielgruppen würde unter anderem bedeuten, den Dresscode – Frack und kleines Schwarzes – über den Haufen zu werfen. Würde bedeuten ein Interesse an der Klassik zu wecken und das jenseits der bekannten Konzerteinführungen, die sicherlich nicht ersetzt werden müssen. Würde auch bedeuten, dass man das Internet als ebenso wichtig anerkennt wie Print – hier ist die Kultur momentan glücklicherweise im Aufbruch nachdem man das lange Zeit verschlafen hat. Würde mehr Experimente bedeuten – auch auf die Gefahr hin, dass das Ein oder Andere nicht funktioniert.

Es gibt kein Klassik-Gen, das im Alter plötzlich anspringt und einen zu einem Klassik-Liebhaber macht. Da hat Dr. Tröndle durchaus Recht. Es wäre also jetzt an der Zeit sich zu überlegen welche neuen Wege man gehen könnte um Jugendliche jenseits des Familienkonzertes für klassische Musik zu begeistern. Die Diskussion darüber muss jedenfalls geführt werden wenn man nicht in 30 Jahren auf dem Stand der Sparetats wirtschaften möchte – und wann wenn nicht jetzt im Jahr der Kulturhauptstadt 2010 wäre ein passender Grund dazu vorhanden…

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