Die Steinewerfer aus dem schwarzen Block

Margot Käßmann

Image Noebse via Wikipedia

Stefan Meiners ist schon ein wenig länger im Internet unterwegs als ich. Er macht den Blog unkreativ.net; darin äußert er seine politischen Auffassungen im „paranoiden Normalzustand“. Bei dieser Bezeichnung handelt es sich um eine Selbsteinschätzung von Stefan. Ob da wohl etwas dran ist?

Wir werden sehen. Jedenfalls sind Stefan und ich Kollegen in der xtranews-Redaktion, und häufig sind wir einer Meinung. Eigentlich nur. Immer? Nein, nicht immer. Aber … wir trinken gerne Bier. Und wir können uns mitunter ziemlich aufregen.

Stefan Meiners hat sich heute zum Beispiel über Margot Käßmann aufgeregt. Halt! Hier kommt es auf Exaktheit an. Er hat sich nicht über Frau Käßmann aufgeregt, sondern über den Medien-Event gestern und heute, in dem die Ärmste zwar nicht zur Heiligen, aber doch zur Superfrau hochstilisiert wurde. Und am meisten wird er sich wohl über die scheinheiligen Stylisten aufgeregt haben.

So schreibt er heute auf xtranews, wie sich die Oberhirtin stockbesoffen ins Auto gesetzt hatte, vorne links, wie Sie wissen, um dann loszurocken:

„Was lese ich seit dem?! …

Aber, liebe Leserinnen und Leser: Darf ich Euch daran erinnern, dass Frau Dr. K. mit mehr als 1,5 Promille Blutalkohol gemessen wurde?“

Wie kann irgendjemand, der bei Verstand ist, hoffen, eine Frau wie Käßmann könne oder solle im Amt bleiben, nachdem sie sich gemeingefährlich verhalten hat? Will mir jemand erklären, jemand der nicht alkoholkrank ist (und das setze ich jetzt mal voraus) würde nicht merken, dass sie 1,5 Promille im Blut hat? Wenn man nicht mehr laufen kann, soll man fahren oder was?

Frau Käßmann hat leichtfertig nicht nur ihre, sondern auch die Gesundheit vieler anderer Menschen aufs Spiel gesetzt. Und es ist völlig egal, wie reumütig sie sich zeigt: das war kein “Versehen”.

Klar, Frau Käßmann hat gemerkt, also gewusst, dass sie knülle war. Insofern wäre sie – nach Stefans Definition – nicht alkoholkrank. Und insofern hat Stefan völlig Recht: ihre Straftat war kein Versehen.

Ich will nicht darüber spekulieren, warum sich Margot Käßmann fürs Selbstfahren entschieden hat. Ich habe zwar einen Verdacht; der ist aber erstens vage, und zweitens würde ich mich dazu niemals äußern. Die „Bunte“-Illustrierte ist schon ganz dicht an der Sache dran.

Warum soll es Käßmann auch besser ergehen als Müntefering, Lafontaine und all denen da oben, wenn sie politisch links stehen?! Klar auch, niemand bei Verstand hatte gehofft, Käßmann könne im Amt bleiben. Viele haben es – das stimmt – aber gesagt.

Bigotte Barmherzigkeit. Unangenehm. Aber bekennende Unbarmherzigkeit sieht nicht unbedingt viel hübscher aus: „Und es ist völlig egal, wie reumütig sie sich zeigt.“ Sie soll büßen.

Bilde ich mir das nur ein, oder spielt bei der Art und Weise, wie Käßmann in den letzten zwei Tagen abgewickelt wurde, nicht auch ihre politische Position mit hinein. Oder ihr Geschlecht? Muss nicht, kann aber – auf jeden Fall sollte ein politischer Blogger auch in aller Aufregung zumindest ein Wort darüber verlieren.

Auch wenn es Stefan nicht so mit dem lieben Gott hat: es ist ja durchaus möglich, anstelle der nach Weihrauch miefenden „Barmherzigkeit“ ein etwas säkulareren Begriff zu wählen. Es sollte jedoch nicht möglich sein, dass der Eindruck im Raum stehen bleibt, dass alles völlig egal sei. Reumütig oder nicht? Sonderbehandlung aufgrund von Geschlecht oder Weltanschauung oder eben auch nicht. Alles völlig egal. Die Sünderin soll büßen“

Ins gleiche Horn wie Stefan Meiners stößt Stefan Weigel heute in der FTD:

„Man kann viele Fehler verzeihen. Sogar wenn Bischöfe betrunken Auto fahren. Aber wir sollten endlich wieder den Mut haben, falsches Verhalten auch öffentlich zu ächten. Sie ist zurückgetreten. Gott sei Dank!“

Und weil sich der eine Stefan genauso wunderschön aufregen kann wie der andere, sei Weigel auch zitiert, wie er imaginär die evangelischen Bischöfe anbrüllt:

„Aber jetzt kommt Eure Chefin um die Kurve. Eine Bischöfin der evangelischen Kirche gießt sich abends schön einen auf die Lampe, steigt dann ins Auto und donnert besoffen bei Rot über die Ampel. Ein Verhalten, das selbst jemand als falsch erkennen kann, der nicht zwölf Semester Theologie studiert hat, sogar jemand, der nicht den Konfirmandenunterricht besucht.

Und was macht Ihr, liebe Ratsmitglieder? Ihr sagt nicht, dass Frau Käßmann als Vorbild nicht mehr tragbar ist. Ihr fordert sie nicht auf, schleunigst zurückzutreten. Zumindest tut Ihr das nicht öffentlich. Ihr stellt Euch stattdessen hinter sie und sprecht ihr Euer ungeteiltes Vertrauen aus. Klar. Schließlich kann jeder mal einen Fehler machen. Stimmt ja auch. Das darf jeder. Aber mal unter uns, liebe Ratsmitglieder, Ihr dürft ausnahmsweise ruhig sagen, wenn Ihr etwas richtig mies findet.“

Nun ist Weigel zwar offenbar Mitglied der evangelischen Kirche, hat aber mit dieser Institution nicht wesentlich mehr am Hut wie Meiners. Die beiden Stefans stoßen – wie gesagt – ins gleiche Horn. Ja, die Redensart heißt so, und nicht etwas ins Horn blasen.

Egal: ob Stoßen oder Blasen, ob die sündige Oberprotestantin oder die pädophile Herrenclique, die Kleider trägt: immer ins gleiche Horn! Und, überflüssig zu erwähnen, selbstredend ist es noch abgründiger, kleine Jungs sexuell zu belästigen – zumal über Jahrzehnte, einem mafiosen Kinderficker-Ring nicht unähnlich.

Selbstredend sind die Zölibatären nicht Feministinnen von Käßmanns Sorte, sondern Affenpaschas der übelsten Sorte. Selbstredend stehen diese Typen politisch nicht links wie die jetzt verbrannte Hexe, sondern sind in aller Regel stockreaktionäre, leicht antisemitische Männerbündler.

Aber so richtige Männer sind es halt auch nicht. Und so richtig für den neumodischen Kapitalismus sind sie erst recht nicht. Kurzum: mit diesen beiden Kirchen ist im Grunde nichts anzufangen. Alles Heuchler oder, schlimmer noch: Ganoven.

Denken sich die beiden zitierten Stefans. Aber warum regen sie sich so darüber auf. Vielleicht weil beide eine ganz große Sehnsucht nach einer Institution verspüren, die das Zeug dazu hat, „falsches Verhalten auch öffentlich zu ächten“ (Weigel), Leute an den Pranger zu stellen, die „sich gemeingefährlich verhalten“ haben (Meiners), egal, „wie reumütig sie sich zeigen“ (auch Meiners). Eine nicht anzufechtende moralische Autorität, die klipp und klar sagt, wenn sie „etwas richtig mies findet“ (Weigel).

Je schlimmer die Krise, je verkommener die Leute, je verrotteter die Verhältnisse, desto tiefer fliegt der liebe Gott. – Andererseits: Gott, wer glaubt denn noch an so einen Quatsch. Kinderkram. Und doch muss dringend einer her, der endlich einmal ganz klar sagt, wo es langzugehen hat. Am besten ein starker Mann!

Aber der soll bloß nicht so viel saufen! Und natürlich die Kinder nicht anpacken! Aber sonst. Mein Gott, es könnte doch alles so schön sein. Wo gibt´s die Steine? – Ach, hier …

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2 thoughts on “Die Steinewerfer aus dem schwarzen Block

  1. Lieber Werner,

    ich mag es, wenn wir beide uns in Fahrt geschrieben haben. Das Wortspiel im Kontext bitte ich zu entschuldigen.

    Gleichwohl bitte ich Dich, einige Anmerkungen zu Deinem Text zu erlauben. So schreibst Du zum Beispiel:

    „Klar, Frau Käßmann hat gemerkt, also gewusst, dass sie knülle war. Insofern wäre sie – nach Stefans Definition – nicht alkoholkrank. Und insofern hat Stefan völlig Recht: ihre Straftat war kein Versehen.“

    Zunächst ist meine Aussage keine Definition von Alkohol-krank. Ich habe vielmehr andersherum eines der mir bekannten Symptome als angenommenes Ausschluss-Merkmal bemüht. Ich schrieb nicht, dass jemand der nicht merkt wie betrunken er ist Alkohol-krank ist. Ich schrieb, dass jemand der nicht Alkohol-krank ist, schneller merken dürfte das er (sie im Kontext) etwas getrunken hat.

    Und daraus folgert auch nicht die Möglichkeit eines Versehens. Straftat bleibt Straftat, man kann allenfalls über die Fähigkeit bestraft zu werden diskutieren. Anders: Selbst wenn Frau Dr. K. – und diesen Zusammenhang wähle ich ausdrücklich nur exemplarisch – krank im obigen Sinne WÄRE, so wäre die Straftat eine Straftat – unabhängig von der Frage ob man sie auf Grund des Krankheitsbildes als vermindert oder gar nicht schuldfähig einstufen könnte.

    Weiter schriebst Du:
    „Aber bekennende Unbarmherzigkeit sieht nicht unbedingt viel hübscher aus:
    „Und es ist völlig egal, wie reumütig sie sich zeigt.“ Sie soll büßen. “ […] „Auch wenn es Stefan nicht so mit dem lieben Gott hat: es ist ja durchaus möglich, anstelle der nach Weihrauch miefenden „Barmherzigkeit“ ein etwas säkulareren Begriff zu wählen. “

    Nicht ich habe den Begriff der Reue gewählt, vielmehr war es Frau Dr. K. So entnehme ich z. B. dem Focus:
    „Käßmann sprach von einem schweren Fehler, den sie zutiefst bereue.“

    Und es ist nur verständlich, dass sie als aktiver Teil der Kirche diese Wortwahl verwendet. Würde ich Buße fordern, wäre das die Buße im Sinne des Verkehrsrecht: Hier würde sie sogar „nur“ für den schwerwiegenden Verstoß bestraft, nicht für Trunkenheit UND rote Ampel.

    Ich persönlich erwarte keine Reue von ihr. Vielmehr hoffe ich auf Einsicht und darauf, dass sie lernt und nie wieder trinkt, wenn sie Auto fährt. Ich hätte zudem schlicht erwartet, dass sie sich gar nicht in diese Situation bringt. Denn hätte sie Reue gezeigt, wenn sie nicht angehalten worden wäre? Oder hätte „es ist noch mal gut gegangen“ ausgereicht ihr Gewissen zu beruhigen?

    Weiterhin schreibst Du:
    „Leute an den Pranger zu stellen, die „sich gemeingefährlich verhalten“ haben (Meiners), egal, „wie reumütig sie sich zeigen“ (auch Meiners).“

    Die Öffentlichkeit habe nicht ich hergestellt. Und ich muss nicht jede Trunkenheitsfahrt kommentieren. Richtig ist aber: Wenn eine Person des öffentlichen Lebens, von der ich eine Vorbildfunktion erwarte (Priester, egal ob katholisch, evangelisch oder anderer Religion, Politiker, Lehrer, eigentlich sogar fast jeder im öffentlichen Dienst!) erwarte ich einen entsprechenden Umgang. Ist eine Käßmann eher zu halten als ein Wittke? Wohl kaum. Für mich ist da kein Unterschied, weil beide in meinen Augen eine wichtige Funktion nicht erfüllt haben.

    Im übrigen:
    „Und doch muss dringend einer her, der endlich einmal ganz klar sagt, wo es langzugehen hat. Am besten ein starker Mann! “

    An der Stelle steige ich dann leider aus. Denn genau das fordere ich nicht. Du hast in Deinem Text den Zirkelschluss zu den Missbrauchsfällen in der Kirche gezogen und den ziehe ich hier jetzt auch: Meine Forderung ist, alle Menschen unabhängig von der Position am Minimalkonsens der Gesellschaft zu messen: dem geschriebenen und gesprochenen Recht. Missbrauch gehört bestraft unabhängig davon ob durch Priester begangen oder nicht. Und Verkehrssünder gehören bestraft, egal ob Minister oder wichtige Person der evangelischen Kirche.

    Ich fordere keinen starken Mann – ich fordere vielmehr keine Sonderrechte für Personen des öffentlichen Lebens. Recht hat auf das Individuum Rücksicht zu nehmen, grundsätzlich aber sind gleiche Vergehen gleich zu ahnden.

    Und hierzu gehört auch mein Unverständnis den Respektbekundungen Frau Käßmann gegenüber. Jeder andere Verkehrsteilnehmer der mit 1,5 Promille erwischt worden wäre, hätte mit Vorwürfen leben zu müssen – und würde er sich entschuldigen (Reue zeigen im Sinne von Frau K. und ihrem Rücktritt), wer würde ihm dann den Rücken stärken und von einem mutigen oder respektablen Schritt sprechen?

    Zuletzt noch die Frage, warum ich mir herausnehme über das Verhalten an sich – also betrunken zu fahren – ein Urteil zu fällen: Ich selbst fahre für mich eine 0,0-Strategie. Schon allein, weil ich niemals in eine Situation kommen möchte, in der ich mich selbst fragen muss, ob ein Unfall hätte verhindert werden können, wenn ich dieses eine Bier, diesen einen Wein vielleicht doch nicht getrunken hätte. Abgesehen davon, dass eine solche Geschichte für mich auch berufliche Konsequenzen nach sich ziehen würde, denen ich mich persönlich nicht durch Rücktritt entziehen könnte.

  2. Thomas Rodenbücher Do, 25 Feb 2010 at 13:58:58 -

    Jeder der betrunken ein Fahrzeug führt gehört der Führerschein weg genommen. Er nimmt bewußt in Kauf sich und vor allem andere Menschen zu gefährden. Hier mal ein paar Zahlen aus dem Jahr 2008:
    Die Zahl der Fahrer, die unter Alkoholeinfluss am Steuer erwischt wurden, lag 2008 bei knapp 191.000. Bei Verkehrsunfällen unter Alkoholeinfluss kamen 2008 523 Menschen ums Leben. 2008 wurden bundesweit rund 19.600 Alkoholunfälle mit Verletzten registriert.