Müntefering und Lafontaine wurden bespitzelt – Recherche-Aufträge kamen von der Illustrierten "Bunte"

Franz Müntefering, 1.3.

Image Michael Weiss via Wikipedia

Hamburg (ots) – Das Privatleben von Berliner Spitzenpolitikern ist systematisch ausspioniert worden. Das berichtet das Hamburger Magazin stern in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Dem Bericht zufolge hat eine Berliner Foto- und Recherchefirma namens CMK seit Ende 2008 über Monate hinweg immer wieder den SPD-Politiker Franz Müntefering und seine heutige Frau Michelle Schumann beschattet. Anfang 2008 wurde Oskar Lafontaine (Linke) ausgespäht. Auch der heutige CSU-Parteichef Horst Seehofer geriert ins Visier der Agentur. Die Aufträge zu den fragwürdigen Recherchen kamen von der Zeitschrift "Bunte".

Der stern-Bericht stützt sich auf interne Unterlagen der CMK sowie auf Aussagen ehemaliger Mitarbeiter der Firma. Im Fall des damaligen SPD-Vorsitzenden Müntefering observierten CMK-Leute über Monate dessen damaligen Wohnsitz in der Berliner Wilhelmstraße, um Details über die Beziehung zu Michelle Schumann in Erfahrung zu bringen und heimlich Fotoaufnahmen von beiden zu machen. Die Methoden, die CMK einsetzte, gleichen denen von Privatermittlern: Bei der Aktion wurde etwa der Briefkasten von Michelle Schumann manipuliert. Nach Angaben der CMK-Insider sollte außerdem die Fußmatte von SPD-Politiker Müntefering mit einem Melder präpariert werden. Insider-Aussagen legen den Verdacht nahe, dass auf der gegenüberliegenden Seite der Wilhelmstraße zudem eine Observationswohnung angemietet wurde. Einmal wurde Michelle Schumann sogar auf der stundenlangen Zugfahrt von Berlin nach Bochum verfolgt: "Im Zug saß ich eine Reihe hinter ihr", gibt ein CMK-Aussteiger an. Der Bericht über Müntefering und seine neue Beziehung erschien samt der Bilder am 7. Mai 2009 in "Bunte".

Bereits im Frühjahr 2008 hatte CMK von "Bunte" den Auftrag erhalten, eine mögliche Beziehung Lafontaines zu der Linken-Abgeordneten Sahra Wagenknecht zu recherchieren. Die Operation trug CMK-intern den Codenamen "Scarface" – in Anspielung auf eine Narbe am Hals, die Lafontaine seit der Messerattacke auf ihn im Jahr 1990 trägt. Laut stern forschte CMK Lafontaines damaliges Domizil im Berliner Stadtteil Köpenick aus. Überwachungsprotokolle der Firma belegen, dass außerdem geplant war, eine Kamera zu installieren, die auf das Wohnzimmer Lafontaines gerichtet werden sollte. Ein CMK-Mitarbeiter versuchte zudem, in der Linken-Fraktion des Bundestages an einen Praktikumsplatz zu kommen, um Lafontaine besser beobachten zu können. Die Überwachung des Politikers wurde nach kurzer Zeit eingestellt, die Kamera-Installation abgeblasen.

CMK bestätigte auf stern-Anfrage, hinter Müntefering, Lafontaine und Seehofer her gewesen zu sein. Es habe sich jedoch um journalistisch begründete Jobs gehandelt: "Unsere Recherchemethoden bewegen sich stets im Bereich des presse- und standesrechtlich Zulässigen." Die Firma tritt nach außen als Foto- und Recherche-Agentur auf. Für ihr Büro in Berlin-Moabit ist jedoch auch der Betrieb einer Detektei registriert.

"Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel räumte auf Anfrage des stern ein, CMK mit entsprechenden Recherchen zum Privatleben der Politiker beauftragt zu haben. Etwa bei Lafontaine: "’Bunte‘ hat im Frühjahr 2008 der Berliner Foto- und Presseagentur CMK den Auftrag erteilt, eine angebliche Beziehung zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht zu recherchieren." Riekel weiter: "Über unlautere Methoden ist ‚Bunte‘ nichts bekannt."

Doch schon solche Rechercheaufträge sind zweifelhaft. So kritisiert der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller insbesondere das Ausspähen von Müntefering: "Das ist berufsethisch eindeutig unzulässig. Münteferings Privat- oder gar Intimsphäre hat mit seinem politischen Mandat schlicht nichts zu tun."

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