Die katholische Kirche und unsere Bundeskanzlerin

Ist es nicht erstaunlich? Wochenlang hört man von Frau Dr. Merkel nur das Nötigste und dann taucht sie plötzlich bei einem „Randthema“ auf. Randthema in sofern, als es die Bundesregierung weniger tangieren sollte, als zum Beispiel die Frage ob erlassene Gesetze durch Bundesbehörden zu befolgen sind. 😉

Randthema auch, weil die notwendigen Ermittlungen durch die Polizei, die Strafe durch die Justiz zu erfolgen hat und sich – dank Gewaltenteilung – die Regierung bitte völlig raushalten sollte. Kinderschänder sind Kinderschänder sind Kinderschänder und wenn das Thema im Internet schon so eine Bedeutung hat, dass Zensursula das Zugangserschwernisgesetz durch bekommt, sollte man annehmen, dass die Verfolgung der Katholiken mit gestörter Sexualität von der Bundesregierung allenfalls forciert wird. Nein, nicht allenfalls: Merkel müsste (und ich liebe diese Formulierung) die brutalstmögliche Aufklärung versprechen.

In der aktuell schwelenden Diskussion um den Missbrauch in der katholischen Kirche hat unsere Justizministerin, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) nämlich einen durchaus treffenden Punkt angesprochen:

[…]weil Leutheusser-Schnarrenberger der Kirche vorgeworfen hatte, bei der Aufklärung von Missbrauchsverdachtsfällen nicht ausreichend mit den Behörden zusammenzuarbeiten.[…]

Quelle: Tagesschau

Das hat dann natürlich die Kirche auf den Plan gerufen. So sprach der Erzbischof Zollitsch von einer schwerwiegenden Attacke – und weint sich erst mal bei unserer Bundesmutti aus:

Zollitsch sprach von maßloser Polemik gegen die Kirche und beschwerte sich in einem Telefonat auch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Noch nie habe es in der Politik eine „ähnlich schwerwiegende Attacke auf die katholische Kirche gegeben“, sagte der Erzbischof bei der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe.

Quelle: Tagesschau

Und natürlich, wenn die katholische Kirche ruft, wie könnte sich da die Kanzlerin vor dem Herrn veweigern? Und so kann man auf der Seite der FAZ lesen:

Im Streit über die Aufklärung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hat sich Bundeskanzlerin Merkel (CDU) hinter den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, den Freiburger Erzbischof Zollitsch, gestellt.

Quelle: FAZ

Das ist schon erstaunlich. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Kirche in einem nach Innen gerichteten, meiner Kenntnis nach verpflichtendem Schriftstück sagt:

In den „Leitlinien mit Erläuterungen zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“, wie der sperrige Titel des 2002 erstellten Leitfadens lautet, steht: „In erwiesenen Fällen sexuellem Missbrauchs Minderjähriger wird dem Verdächtigen zur Selbstanzeige geraten und gegebenenfalls das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft gesucht.“

Quelle: SZ

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: in erwiesenen Fällen wird zur Selbstanzeige geraten und gegebenfalls das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft gesucht. Schlüsselworte habe ich fett markiert: Die Kirche entscheidet demnach selbst wann ein Fall erwiesen ist, rät dann lediglich zur Selbstanzeige und das Gespräch mit dem Staatsanwalt ist optional.

Eine solche Unverschämtheit muss man sich mal vor Augen führen: Nicht nur wird hier die Polizei entmachtet und die Justiz zu einem optionalen Handlungsweg, vielmehr wird hier auch jede Form von Gewaltentrennung aufgehoben und offensichtlich zum Verschweigen von bekannt gewordenen Straftaten ermuntert. Schon dafür gehört die Kirche verboten.

In der FAZ steht nun weiter:

Frau Leutheusser-Schnarrenberger hatte gesagt, die katholische Kirche erwecke bislang nicht den Eindruck, dass sie bei allen Verdachtsfällen des sexuellen Missbrauchs von Kindern mit den Strafverfolgungsbehörden konstruktiv zusammenarbeiten wolle. Zollitsch hatte daraufhin binnen 24 Stunden eine Entschuldigung verlangt.

Aha. Dafür soll sie sich also entschuldigen. Angesichts der Tatsache, dass es genau so ist. Denn, so kann man im Focus lesen:

Der Abt des Klosters, Barnabas Bögle, trat am Mittwoch mit sofortiger Wirkung zurück, wie das Erzbischöfliche Ordinariat München mitteilte. Der Abt komme damit „der dringenden Bitte“ der Erzdiözese von München und Freising nach. Er übernehme mit diesem Schritt die Verantwortung dafür, dass im Kloster Ettal gegen die bischöflichen Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche verstoßen wurde. Die Leitlinien sehen den Angaben zufolge die Pflicht vor, Verdachtsfälle an die Erzdiözese zu melden, um Vorwürfe sexuellen Missbrauchs zu prüfen. Der Meldepflicht sei das Kloster jedoch nicht nachgekommen.[…]

Quelle: Focus

Und während die Kirche hier sogar noch Respekt bezeugt:

Die Erzdiözese München und Freising sieht in dem Rücktritt von Abt Barnabas „einen respektablen und richtigen Schritt

Quelle: Focus

… schlägt die Kanzlerin den bereits vorhandenen Opfern ins Gesicht:

Nach einem Telefonat der Bundeskanzlerin mit Zollitsch erklärte Regierungssprecher Wilhelm am Mittwoch, Frau Merkel habe „keinen Zweifel daran, dass die Bischöfe die Opfer im Blick hätten“. […] Jetzt müsse man gemeinsam nach vorn zu schauen, um zu gewährleisten, dass Missbrauchsfälle künftig verhindert werden, sagte Wilhelm.

Quelle: FAZ

Aufklärung dessen was schon geschehen ist also nur mit Willen und Unterstützung der Kirche nach ihren eigenen Regeln. Ansonsten die berühmteste aller Floskeln, damit man auch beim nächsten Mal wieder offensichtlich erschüttert sein kann, wie denn so was nur passieren konnte.

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