Täter, Opfer, Duisburger

Michael Mittermeier

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Ja, so ist es doch! Oder etwa nicht? Kaum, dass man einmal die Wahrheit sagt, wird einem sofort unsere Nazi-Vergangenheit um die Ohren gehauen. Selbst dann, wenn die ausgesprochene Wahrheit nichts, aber auch rein gar nichts mit den Nazis zu tun hat.

Zum Beispiel neulich berichtete Michael Mittermeier, dass er in England mit Partygästen über einen etwas abseits stehenden Briten gewitzelt habe, weil dieser so hässlich sei. Dieser habe Mittermeiers schlechte Benehmen verständlicherweise als Beleidigung aufgefasst und sich – unverständlicherweise – danach erkundigt, welcher Nationalität unser Spaßvogel denn sei.

Es folgte das Unvermeidliche: German. Germans. Nazis. Und der Hinweis auf die historische Tatsache: „You have killed six million Jews!“ Worauf Mittermeier – eigenen Angaben zufolge – erwidert haben will: „Yes, that´s true. But we can stop killing Jews, and you can´t stop beeing ugly.”

Aber erstens hat Gott nicht jedem in die Wiege gelegt, ein Clown zu sein. Und zweitens mag es nicht jeder auf die leichte Schulter nehmen, wenn ein Fremder einem völlig ungerechtfertigte Vorwürfe macht, und sich dabei – zweitens – noch als etwas Besseres aufspielt. Was also tun?

Darf ich Ihnen einmal eine möglicherweise etwas indiskrete Frage stellen? – Ach was, darf ich nicht; das ist ja interessant. Kreuzen wir also hier schon einmal ein „Nein“ an!

Nun habe ich mich auch vielleicht etwas unglücklich ausgedrückt. Ich möchte zwar eine Frage stellen, erwarte aber keine Antwort von Ihnen. Nur, damit Sie selbst sich einmal diese Frage stellen.

Sie kennen doch aus der Fernsehzeitung oder ähnlichen Fachblättern diese Fragebögen. „Der psychologische Test“. Kurzweilig und sehr aufschlussreich, und vor allem: kein Problem. Lassen Sie das „Nein“ bei der ersten Frage dennoch stehen; Sie brauchen es noch für die Auswertung.

Sie äußern sich also lieber anonym. Das ist völlig okay und angesichts der eingangs geschilderten Rahmenbedingungen nur allzu gut nachvollziehbar. Nun also zur – sollten Sie mitgezählt haben – zweiten Frage. Sehen Sie sich selbst eher so als „Täter-Typ“ oder als „Opfer-Typ“?

Na also, war doch gar nicht so indiskret. Sie kreuzen einfach „Täter-Typ“ an, und der Fall ist erledigt. Denn selbstverständlich sind Sie lieber Täter als Opfer. Täter- da sind Sie Subjekt, da sind Sie aktiv, da haben Sie das Heft des Handelns in Ihrer Hand.

Dagegen Opfer. Du lieber Himmel: Opfer! Opfer – da brauchen wir gar nicht groß drüber zu reden: so etwas geht gar nicht. „Opfer“ – da könnten Sie auch gleich sagen: „Jude“ oder „schwul“. Ja, unsere Kids und ihre Schimpfwörter! Die Jugend hat ein sehr feines Gespür für so etwas. Es gibt nun einmal Dinge, die in sind, Dinge, die out sind, und – wie in diesen Fällen – Dinge, die mega-out sind.

Opfer Sein geht nun echt überhaupt nicht; das ist sowas von mega-out. Sicher, vielleicht können Sie ja nicht einmal etwas dafür. Wenn Sie zum Beispiel Jude sind – das ist nun einmal angeboren, da können Sie nichts machen. Taufen Lassen bringt da auch nicht viel. Halten Sie am besten einfach die Schnauze!

Oder Sie sind schwul. Das ist natürlich auch Pech. Soll schwer zu heilen sein, habe ich gehört. Außerdem: das ist ja auch nicht mehr so schlimm wie früher. Es wird alles nicht mehr so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Allein die ganzen Leute im Fernsehen! Nein, nicht nur die vom anderen Ufer, auch die Juden. Was soll´s also? Nun gut, bei unseren Kids kommt das nicht so gut an. Ich weiß auch nicht, woher die das haben.

Ach so, Opfer … ja, das ist wirklich Mist. Wer will denn schon gern Opfer sein. Ich meine: freiwillig. Sind Sie ein „Opfer-Typ“? Ich meine, so etwas ist ja wirklich nicht angeboren. Für mich ist das krank.

„Masochisten“ nennt man solche Leute. Und so etwas gibt es nicht nur in Sachen Sex. Sie wissen schon: die Domina muss ja auch sehen, wo sie bleibt. Doch man kann auch gut und gern ein Masochist sein, ohne sich eine Sicherheitsnadel durch die Brustwarze ziehen zu lassen. Bei Wikipedia steht:

Unter Masochismus versteht man die Tatsache, dass ein Mensch (sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, dass er Schmerzen zugefügt bekommt oder gedemütigt wird … Das Gegenstück zum Masochismus ist der Sadismus; Theodor Reik fasst den Masochismus implizit als passiven Sadismus auf.

Und nicht nur das: hat man erst einmal lange genug gelitten und ausgehalten, und noch einmal gelitten und ausgehalten, ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, ab dem man den Spieß umdrehen kann und nun selbst austeilt, quält, demütigt und Schmerzen zufügt. Sozusagen mit Fug und Recht, und auf Basis einer gesunden Abhärtung. Sie sind zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl und zeigen jetzt einmal diesen miesen Sadisten, wo der Frosch die Locken hat. So gesehen ist „Opfer-Typ“ vielleicht doch gar nicht so schlecht.

Krank. Ja okay, krank ist es schon. Aber wer weiß, wozu es irgendwann einmal gut ist?! Ein Opfer sein zu wollen – für sich genommen ziemlich beknackt; aber an sich, wenn man da mal so richtig drüber nachdenkt …

Neulich hatte ich mich unters Volk gemischt. Nein, nicht zu Fuß; ich bin doch nicht so gut zu Fuß. Sondern im Blog unter dem NRZ-Artikel „Duisburg verurteilt Pläne für Moschee-Demo von Pro NRW“. Sie glauben ja gar nicht, wie viele Opfer es so gibt. Vielfach wirklich gequälte und gedemütigte Menschen aus Duisburg. Sie leiden unter der, wie sie sagen: Islamisierung. Sie äußern sich lieber anonym. Das ist völlig okay und angesichts der eingangs geschilderten Rahmenbedingungen nur allzu gut nachvollziehbar.

Denn, so ist es doch! Oder etwa nicht? Kaum, dass man einmal die Wahrheit sagt, wird einem sofort unsere Nazi-Vergangenheit um die Ohren gehauen. Wir müssen uns das nicht mehr lange bieten lassen.

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